Im Wortlaut

Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zum Thema "Kunst und Kirche - ein spannungsvolles Bild"

In der Reihe "Dom am Abend" äußerte sich Kulturstaatsministerin Grütters zum Engagement der Kirchen für die Kultur. Die Kirche sei zwar nach wie vor Teil der Kunst. Umgekehrt sei aber die Kunst nicht mehr unbedingt Teil einer Kirchenwirklichkeit, die sich auf lang tradierte Formen und Werke, Verständnisregeln und Funktionsweisen stützt, erklärte Grütters in Brandenburg.

Dienstag, 14. Juli 2015 in Brandenburg

In den Wandelgängen eines Londoner Schauspielhauses fragte nach einer glanzvollen Theaterpremiere ein anglikanischer Bischof den Hauptdarsteller: „Wie kommt es, dass wir Geistlichen, ungeachtet der großen und wahren Gegenstände, die wir öffentlich vortragen, so wenigen, wohl aber ihr Herren auf der Bühne so großen Eindruck machen?“ "Das kommt daher", antwortete der befragte Schauspieler, "dass wir von erdichteten Sachen wie von Wahrem, die Herren Geistlichen aber von wahren Sachen wie von erdichteten sprechen."

Ob Ihre Erfahrungen im Dom zu Brandenburg, meine Damen und Herren, diese Beobachtung bestätigen, von der Eberhard Schockenhoff im Rahmen der Essener Gesprächen zu Staat und Kirche erzählt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Website des Doms zumindest mit ihren vielfältigen Angeboten lässt auf ein sehr lebendiges und vielfältiges geistiges Leben der Domgemeinde mit durchaus „großem Eindruck“ und breiter Resonanz schließen.

Richtig scheint mir davon unabhängig aber die Feststellung, dass die Glaubenswahrheiten der Kirche weniger Menschen erreichen als die Ausdrucksformen der Kunst, weil religiöse Wahrheiten Ungläubigen oft wie erdichtet scheinen, ihnen unzugänglich bleiben, während die Wahrheiten der Kunst ganz unterschiedliche Menschen - Gläubige unterschiedlicher Religionen wie Nichtgläubige - durchaus anzusprechen vermögen.

Dass die Kirchen heute (nicht nur deshalb) viel offener den Dialog mit Andersglaubenden und Andersdenkenden und auch die Auseinandersetzung mit der Kunst suchen, tut - davon bin ich überzeugt - nicht nur den Kirchen, sondern unserer Gesellschaft insgesamt gut. Auf jeden Fall ist es ein schönes Beispiel gelebter Ökumene, dass Sie mich - eine Münsteraner Katholikin - hier im Rahmen des protestantischen Domjubiläums so herzlich willkommen heißen. Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung zu einem Vortrag über "Kunst und Kirche - ein spannungsvolles Bild".

Wenn wir zurückschauen - nicht nur auf die Jahrhunderte, die seit dem Bau des Doms zu Brandenburg vergangen sind, sondern auf die ganze abendländische Geschichte -, dann zeigt sich zunächst einmal, dass die Kirchen - anders als das zitierte Gespräch im Londoner Schauspielhaus es vermuten lässt - in der Vergangenheit keineswegs wenig Eindruck gemacht haben. Ganz im Gegenteil: Kirche schafft kulturelle Identität weit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus. Sie tut das seit 2.000 Jahren mit einer Prägekraft, wie sie keine zweite Institution je entwickelt hat. Ohne die künstlerische Inspirationskraft der christlichen Theologie wäre die Kultur des Abendlandes ärmer an Geist und Sinnlichkeit.

Überwältigend allein schon das materielle kulturelle Erbe, das die kulturelle Prägekraft der beiden christlichen Kirchen in Deutschland, ihre Präsenz im kulturellen Leben offenbart - die Kunstwerke von Malern, Bildhauern und auch Komponisten, die über Jahrhunderte im Auftrag der Kirche entstanden sind; dazu die 45.000, vielfach denkmalgeschützten Kirchengebäude der evangelischen und katholischen Kirche, deren Erhalt mein Haus mit erheblichen Mitteln aus den Denkmalschutz-Sonderprogrammen unterstützt! Auch zur Restaurierung des Doms zu Brandenburg hat der Bund zwischen 1997 und 2012 knapp 4,9 Millionen Euro beigesteuert.

Beeindruckend ist auch das Engagement der Kirchen für die Kultur.

Ein Gutachten für die Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages hat vor einigen Jahren ergeben, dass sich die Kulturfördermittel der Kirchen auf rund 4,4 Milliarden Euro jährlich belaufen - jeweils rund 20 Prozent der Kirchensteuereinnahmen und Vermögenserlöse. Zum Vergleich: Der deutsche Staat - Bund, Länder und Kommunen - fördert seine Kultur mit rund 9,1 Milliarden Euro jährlich. Der Löwenanteil davon entfällt auf Länder und Kommunen. Der Bund kann wegen der grundgesetzlich geregelten Kulturhoheit der Länder nur kulturpolitische Aufgaben von überregionaler Bedeutung übernehmen - im Jahr 2015 stehen mir dafür rund 1,34 Milliarden Euro zur Verfügung. Mit dem finanziellen Engagement der Kirchen kann ich als Kulturstaatsministerin also nicht mithalten.

Nicht weniger bedeutsam als die finanzielle Kulturförderung der Kirchen ist das ehrenamtliche, kulturelle Engagement vieler katholischer und evangelischer Christen: Hundertausende Katholiken und Protestanten engagieren sich in Kirchenchören, in kircheneigenen Orchestern, in Büchereien in kirchlicher Trägerschaft und in der kulturellen Bildung. Sie stellen damit gerade im ländlichen Raum eine kulturelle Grundversorgung sicher, die der gesamten Bevölkerung zugute kommt, und fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Dom zu Brandenburg, das Kronjuwel unter den brandenburgischen Kirchen, beweist mit seinem exzellenten und vielfältigen Festprogramm zum Jubiläumsjahr und ebenso mit allem, was Sie hier jahraus, jahrein, tagaus, tagein auf die Beine stellen, meine Damen und Herren, wie sehr die Kirchen das kulturelle Leben in Deutschland bereichern und kulturelle Prägekraft entfalten.

Im Übrigen war es - das müssen wir Katholiken neidlos anerkennen - Martin Luther, der mit dem Thesenanschlag des Jahres 1517 und seiner Bibelübersetzung auch ein Fundament für die Kulturnation Deutschland legte. Die reformatorischen Entwicklungen, deren Auswirkungen weit über die Kirche hinausgingen, wirken bis heute weltweit gesellschafts- und kulturpolitisch nach. Das ist auch der Grund für das große Engagement meines Hauses bei der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017.

Dennoch bleibt - bei aller kulturellen Prägekraft der Kirchen - ein fragiles Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Kirche. Die Kirchen stehen unter dem Generalverdacht, konservativ, also nicht modern zu sein. Die Künstler stehen für die Ermöglichung der Avantgarde, des Fortschritts. Ist das ein Widerspruch? Welche Berührungen und Überschneidungen gibt es zwischen der säkularen Gegenwartskultur und den in Jahrhunderten gewachsenen kulturellen Ausdrucksformen der Kirche in der Malerei? Ist eine zeitgemäße sakrale, liturgische Kunst überhaupt noch denkbar?

Schauen wir knapp 50 Jahre zurück: 1966 malt der Maler Georg Baselitz ein Bild, das er "Der Hirte" nennt. Im Zentrum dieses Gemäldes steht eine kräftige, wuchtige männliche Figur. Sie nimmt beinahe den gesamten Bildraum ein - ein Riese, barfuß in zerrissenen Klamotten. In der linken Hand hält er ein Kabel, eine Schnur, die sich im Bildhintergrund verliert. Der im Verhältnis zu seinem massiven Körper viel zu kleine Kopf blickt ratlos in die umgebende Welt. Die Landschaft ringsum ist menschenleer, Ruinen, Zeichen der Zerstörung und Chaos, soweit das Auge reicht. Nur ein anderes Lebewesen, eine Ente, zwängt sich quasi zwischen die Beine des Riesen, der offensichtlich nichts zu hüten hat als eben diese Ente.

Mit dem bekannten religiösen Symbol des Hirten nimmt Baselitz existentielle Fragen und Erfahrungen des modernen Menschen auf. Aufgewachsen in der DDR, war Baselitz 1958 wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Ostberliner Kunstakademie geflogen und hatte sich nach Westberlin abgesetzt. Doch fühlte er sich auch im Westen als Außenseiter. Er musste heimisch werden in einer Gesellschaft, in der sich ab 1968 große Umwälzungen Bahn brachen. 1966 steht der „Hirte“ von Baselitz noch aufrecht. Wenig später werden die Bilder des Künstlers dadurch internationalen Ruhm erlangen, dass er seine Figuren buchstäblich auf den Kopf stellt.

„Der Hirte“ steht für einen spezifischen Umgang mit biblischen Inhalten. Ob das Bild auch heute noch das ikonographische Vokabular der christlichen Überlieferung wachrufen kann? Es lädt jedenfalls dazu ein, persönliche Empfindungen und Erfahrungen assoziativ mit der Figur des Hirten zu verbinden. Dass diese Eindrücke auch religiöser Natur sein können, dafür stehen Motiv und Titel des Gemäldes.

Gemeinsam ist Kirche und Kunst, dass sie neue Perspektiven eröffnen, den Blick über Vordergründiges hinaus lenken, das Leben deuten wollen. Dazu gehören alle kulturellen Ausdrucksformen, die Unbedingtheit, Authentizität und geistiges Ringen um letzte Fragen verkörpern. Doch müssen sich die kulturbildenden Potentiale in der Überlieferung des Christentums auf ihre heutige Inspirationskraft befragen lassen. Die Kunst, die in Europa aus dem Dienst an der Religion entstand und lange auch in den Dienst der Verkündigung genommen wurde, hat sich im 20. Jahrhundert sowohl von den Auftraggebern der Kirche als auch von den Glaubensinhalten christlicher Überlieferung weitgehend entfernt und emanzipiert.

Dieser Autonomieanspruch der Kunst, nichts als sie selbst zu sein, war lange der Grund vieler Konflikte zwischen Kunst und Kirche. Heute ist er eher in der Vielzahl individueller Konzepte zu suchen, die ihre eigene Wirklichkeit beanspruchen. Sie schreiben das bildnerische Material zwar fort, vergewissern sich aber oft nicht mehr dessen komplexer theologischer und kunstgeschichtlicher Substanz. Die Kirche ist zwar nach wie vor Teil der Kunst. Umgekehrt ist aber diese zuweilen willkürlich wirkende Kunst nicht mehr unbedingt Teil einer Kirchenwirklichkeit, die sich auf lang tradierte Formen und Werke, Verständnisregeln und Funktionsweisen stützt.

Auch viele Künstlerinnen und Künstler kennen diese Wurzeln sehr genau. Betrachter, die sich der Tradition bewusst sind und den Kanon biblischer Themen und Motive kennen, können in der Gegenwartskunst Spuren des Religiösen und des Kirchlichen erschließen, wenn sie für neuartige Interpretationen und heutige Ausdrucksformen offen sind.

Oft fällt es eher den Kirchen schwer, neue und ungewohnte Formen der Kunst zu akzeptieren. Sie fürchten "nichtchristliche" Künstler, Werke ohne dezidiert christlichen Bildinhalt, außerchristliche Einflüsse, den Verzicht auf Gegenständlichkeit in der Malerei - und nicht zuletzt den Verlust der christlichen Ikonografie. Oft wird moderne Kunst im kirchlichen Kontext durch erhebliche Zugeständnisse eingeschränkt, vom Künstler wird Rücksicht auf den sakralen Raum und Zweck eingefordert. Dennoch schrieb und fragte Papst Johannes Paul II. vor 15 Jahren fast flehentlich in einem Brief an die Künstler: "Die Kirche braucht die Kunst. Aber braucht die Kunst auch die Kirche?"

Auch dazu ein Beispiel: Vor 30 Jahren (1985) schuf der berühmte Maler Willem de Kooning ein Triptychon für die St. Peters Lutheran Church in New York, das seinen Platz dort nicht finden konnte. Die Gemeinde verstand es nicht. Sie wollte es nicht haben. Die Zumutung war zu groß. Es sei zu subjektiv, Ausdruck einer privaten Theologie, nichts Erkennbares darauf, kein Kreuz, nur rote und blaue Linien, die man entfernt für Umrisse von Vögeln und Menschen halten könnte, aber eben auch für etwas ganz anderes. Hier offenbart er sich - der Konflikt zwischen der autonomen Kunst der Moderne und der Kirche als Auftraggeberin von Bildern, die der Vermittlung verbindlicher religiöser Inhalte dienen sollen.

Hintergrund dieses Dissenses ist ein bedeutender Paradigmenwechsel: Heute ist Religion privat, und Bilder sind öffentlich. Und sie sind stark. Bilder sind Symbole, sie stiften Gemeinschaft, sie führen Menschen zusammen, schaffen Stimmungen - und aus diesen Emotionen heraus auch Bündnisse.

So hätte das, was den Gemeindemitgliedern in New York wie eine Zumutung durch die Abstraktion vorkam, auch ein großartiges Angebot sein können. Gerade durch die Abstraktion kann Kunst auch eine Erfahrung bergen und ausdrücken, die eben nicht genau benannt werden kann. Doch solche Kunst sperrt sich, sie lässt sich nicht eingemeinden.

Das sogenannte Bilderverbot im Zweiten Gebot (Exodus, 20) kompliziert das schwierige Verhältnis zwischen Kirche und Kunst zusätzlich: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!" Doch auch und gerade der Glaube braucht Bilder. Ohne Bilder gibt es keine Vorstellung davon, worauf sich der Glaube richtet.

Martin Luther beispielsweise liebte Bilder. Er erkannte schnell die Möglichkeit, durch sie die lutherische Lehre zu verbreiten,  sie publizistisch, werbend, didaktisch zu nutzen. Lucas Cranach der Ältere und der Jüngere waren ihm kongeniale Mitstreiter - wie sehr, kann man in diesem Jahr bei wunderbaren, auch von meinem Haus mitfinanzierten Ausstellungen vornehmlich zu Cranach dem Jüngeren in Wittenberg, Dessau und auf der Wartburg besichtigen. Theologisch bewertete Luther Bilder weder als schädlich noch als nützlich. Im Bilderstreit ging es ihm nicht um das Entfernen der Bilder - er wandte sich nur entschieden gegen Bilder als Kultform. Das Bild darf nicht mit der Sache selbst verwechselt werden, auf die es verweist. Für Luther sind Bilder Bestandteile der irdischen Welt. Auch wenn sie schön und eindrücklich sind, wenn sie berühren – sie sind und bleiben doch von Menschenhand gemacht.

Bilder bilden nie nur Wirklichkeit ab, Bilder vereinnahmen, sie besetzen das Denken. Doch mehr denn je verlangen sie nach Bildung, nach der Fähigkeit zum rechten Umgang mit ihnen, nach der Kraft der kritischen Unterscheidung. Bilder können von der Wirklichkeit entfremden, sie können aber auch Ungeahntes sichtbar machen. Ganz neu können sie nach dem Sinn fragen, nach dem letzten, inneren Zusammenhang des verletzlichen, endlichen menschlichen Daseins.

Der heutige, moderne Betrachter kann aber nur sehen und erkennen, was er weiß. Tatsächlich weiß er immer weniger um das, was er sieht. Wenn eine Kultur sich langsam, aber gründlich von ihren Wurzeln entfernt, verändert sie sich. Sollte die Lektüre der Bibel deshalb nicht auch für die obligatorisch werden, die nie mehr eine Kirche von innen sehen werden?, fragt deshalb der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom. Müssen wir akzeptieren, dass es ein immer kleiner werdender Kreis ist, der überhaupt noch eine Ahnung davon hat, was in der Bibel geschrieben steht und den Kern unserer abendländischen Tradition und Kultur ausmacht?

Die Verständigung über Kunst verändert sich, wenn sich niemand mehr in den Bildern wiedererkennt, die einst Gemeingut waren. Wenn die biblischen Szenen in Rembrandts Bildern unsichtbar werden, transformiert sich auch unser Verhältnis zu unserem kulturellen Erbe, zu unseren geistigen und religiösen Wurzeln. Wenn uns daran gelegen ist, dass Bilder sprechen, dürfen wir die religiöse Bildung nicht vernachlässigen. Denn ohne das Wissen um die religiösen Symbole und Zeichen verstummt ein großer Teil der Kunst – nicht nur der traditionellen, sondern auch der gegenwärtigen.

Bisher haben die Kirchen diese Zeichen festgelegt, und sie beharren auf ihrer Deutungshoheit; Abweichungen oder gar Umdeutungen können sie oft nur schwer akzeptieren. Aber es gibt heute kein Einvernehmen mehr über diese Zeichen. Im Gegenteil, das künstlerische Selbstverständnis gründet gerade darin, dass es beständig nach Neuem sucht, Umdeutungen entwirft. Bilder sind immer auch illusionsverdächtig, sie sind doppel- oder mehrdeutig, vorläufig, nie final. Kunst verunsichert, fragt und irritiert, das macht ihre Kraft aus. Wenn Kunst wirklich Kunst ist, inspiriert sie nicht nur, sondern sie provoziert – neue und andere Sichtweisen auf die Welt, auf die Menschen und auf Gott. Ich bin überzeugt: Am Umgang mit den Spannungen zwischen Kunst und Kirche erweist sich, wie zukunftsfähig der christliche Glaube im 21. Jahrhundert ist.

Ihren Betrachtern mutet die zeitgenössische Kunst viel zu. Sie fordert, sich den Werken zu öffnen. Doch für diese Mühe belohnt sie auch. Denn selbst wer Kunst betrachtet, ohne nach dem religiösen Gehalt zu suchen, kann im Säkularen das Religiöse und im Religiösen das Säkulare entdecken.

Mit fast konventionellen Mitteln hat der 1959 geborene Maler und Bildhauer Martin Assig eine Skulptur geschaffen, die dies eindrucksvoll belegt. Auf einem Melkschemel steht ein kleines weißes Kirchlein; es trägt die Inschrift: "Immer, wenn es zu Ende ist, fängt es wieder von vorne an. Immer." Es sind Worte, die sich ins Tröstliche ebenso wie ins Traurige wenden lassen, so wie Minerale die Farbe wechseln, je nachdem, aus welchem Winkel man sie betrachtet. Mich beglücken Martin Assigs Bilder und Botschaften. Sie laden ein zu Seelenwanderungen, zum Ergründen des Lebens, des Todes, der Unsterblichkeit, der existentiellen Themen des Menschseins. Martin Assig selbst hat es einmal so formuliert: „Man glaubt an Bilder ebenso wie an etwas, was man nicht versteht. Gute Bilder übersetzen sich in dem, was ihr eigentliches Wesen ist, nicht in Sprache. Man muss hinnehmen, was man sieht, so hinnehmen wie den Glauben auch. Bilder ansehen ist eine sich öffnende Tätigkeit des Menschen.“ Eben das ist für mich das Besondere der Kunst: Sie weitet den Blick, sie schärft die Sinne, sie öffnet das Herz, sie führt hinaus in eine Welt hinter unserer Lebenswirklichkeit.

Kunst und Kultur können dabei natürlich keine verbindlichen Antworten geben. Die Kraft der Kunst liegt vielmehr in der Ästhetik der Unsicherheit, des Fragens, der Irritation. Doch auch wenn Kunst fasziniert, verstört oder verzaubert, sie bleibt doch endlich und von dieser Welt. Der Glaube dagegen ruht im Nicht-Sichtbaren, im Unendlichen – in einer Wirklichkeit, die über diese Welt hinausgeht. Wo der christliche Glaube ganz bei sich ist, kann er auch ganz nach außen gehen. Er wagt sich selbstbewusst hinaus auf der Suche nach einer neuen Sprache.

Erinnern Sie sich an die eingangs zitierte Frage, meine Damen und Herren? - "Wie kommt es, dass wir Geistlichen, ungeachtet der großen und wahren Gegenstände, die wir öffentlich vortragen, so wenigen, wohl aber ihr Herren auf der Bühne so großen Eindruck machen?" Ich würde sie so beantworten:Der Verstand der Intellektuellen und selbst die Vorstellungskraft der Künstler haben Grenzen. Der Glaube aber steht da, wo die Vieldeutigkeit der Welt uns überfordert, wo das Geheimnis um das Unendliche beginnt. Die Demut, mit dieser Erkenntnis zu leben, ist so manchem Intellektuellen und Künstlern nicht gegeben – wohl aber denen, die glauben. Und so wiegt der Eindruck religiöser Glaubenswahrheiten dann am Ende vielleicht doch umso schwerer.