Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zum Thema "Barmherzigkeit und politische Kultur"

- Es gilt das gesprochene Wort.-

"Barmherzigkeit" und "Politik": Diese Begriffe werden vermutlich selbst in diesem (von Papst Franziskus ausgerufenen) Heiligen Jahr der Barmherzigkeit selten in einem Atemzug genannt. Ganz im Gegenteil: Politik gilt als "schmutziges Geschäft". Politik, so lautet ein geflügeltes Wort, "verdirbt den Charakter".

Unter allen Berufsgruppen genießen Politiker weltweit das geringste Vertrauen in der Bevölkerung. An der Spitze stehen Feuerwehrleute und Ärzte. Auch Krankenschwestern und Rettungssanitäter sind weit oben mit dabei - Menschen in helfenden Berufen also, zu denen Politiker ganz offensichtlich nicht gezählt werden. Am prägnantesten hat es wohl Julius Kardinal Döpfner formuliert, ich zitiere: "Der barmherzige Samariter unterschreibt keine Resolution, die weiter geleitet werden muss, er packt selbst an."

So weit der nicht gerade "samariterliche" Ruf, der Politikern im allgemeinen vorauseilt - was Sie, lieber Herr Bischof, nicht davon abgehalten hat, mich als Festrednerin einzuladen und mir eine großzügige bemessene Redezeit zum Thema "Barmherzigkeit und politische Kultur" zu gewähren. Vielen Dank!

Das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium ist ein guter Ausgangspunkt, um der Frage nachzugehen, welche Rolle Barmherzigkeit in der Politik spielen kann und spielen sollte - eine Frage, die mich persönlich als gläubige Katholikin und christdemokratische Politikerin immer wieder beschäftigt; eine Frage aber auch, die für uns alle hochaktuell ist in Zeiten, in denen Hunderttausende Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen Zuflucht suchen in Deutschland.

Jeder kennt die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Ein Mann liegt schwer verletzt am Wegrand. Zwei Männer kommen vorbei und gehen weiter. Ein Dritter sieht ihn und hat Mitleid. Er kümmert sich um den Fremden, verarztet ihn, so gut es geht, bringt ihn in Sicherheit, sorgt auf eigene Kosten für Unterkunft und Pflege. Er übernimmt die Verantwortung dafür, dass es diesem hilfsbedürftigen Menschen wieder gut geht.

"Wer ist mein Nächster?", so lautete die Frage des jüdischen Schriftgelehrten, die Jesus mit diesem Gleichnis beantwortet hat. Eine - wie wir heute sagen würden - politisch heikle Frage, aus zwei Gründen: Zum einen, weil der Schriftgelehrte damit ganz offensichtlich auf eine Abgrenzung hinaus wollte. Meine Nächstenliebe kann doch nicht allen und jedem gelten, so das Argument. Dafür muss es doch Kriterien geben (- manche würden sagen: "eine Obergrenze"). Wo ist diese Grenze? Hört der Kreis meiner Nächsten bei meiner Familie auf? Bei meinen Freunden? Bei meinen Landsleuten? Bei den Angehörigen meiner eigenen Religion?

Heikel war diese Diskussion aber auch, weil der Schriftgelehrte Jesus bewegen wollte, zu einer noch grundsätzlicheren Frage Position zu beziehen: "Was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?" Um die Antwort auf diese Frage wurde damals heftig gestritten, und so war der Schriftgelehrte gespannt, für welche Seite Jesus Partei ergreifen würde. Für diejenigen, die die Liebe zu Gott in einem Leben streng nach den Vorschrift des Gesetzes sahen? Für diejenigen, die der Gottesliebe im Gebet Ausdruck verliehen und dazu aufriefen, sich fern zu halten von den Versuchungen und Sünden, von der Verdorbenheit der Welt? Für diejenigen, die im Namen der Gottesliebe zum Kampf gegen fremde Unterdrücker aufriefen?

Jesus lässt den Schriftgelehrten zitieren, was im Gesetz geschrieben steht - liebe Gott und liebe deinen Nächsten -, und er beantwortet die Frage, "wer ist mein Nächster?" auf eine Weise, die die Kleinlichkeit der Gelehrtendebatten offenbart. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter gibt es keine Regel, die den "Nächsten" und damit die Reichweite der Nächstenliebe definiert. Es ist immer der einzelne Mensch, der sich als "der Nächste" eines Bedürftigen erkennt und der seinem Mitmenschen im Akt des Helfens zum Nächsten wird. Erst dadurch, in der Liebe zum anderen Menschen, wird die Liebe zu Gott konkret. So hat der Samariter nicht aus Gehorsam einer Regel gegenüber geholfen, nicht aus Kalkül, weil er sich davon einen Nutzen erhofft hätte, und auch nicht aus Sympathie. Der Verletzte stand ihm nicht nahe, im Gegenteil. Die damaligen Zuhörer dürfte es in ungläubiges Staunen versetzt haben, dass Jesus ausgerechnet einen Samariter als Vorbild beschreibt. Denn Samariter wurden als nicht rechtgläubige Juden verachtet; man war einander allenfalls in gegenseitiger Abneigung verbunden.

Es gibt ein berühmtes Bild mit dem Titel "Der barmherzige Samariter", auf dem der Maler Vincent van Gogh die Distanz zwischen Hilfsbedürftigem und Helfendem deutlich hervorgehoben hat: Die Blicke der beiden begegnen sich nicht. Dem Samariter steht die gewaltige Anstrengung ins Gesicht geschrieben, die nötig ist, um den Verletzten aufs Pferd zu hieven. Der Verletzte wiederum macht den Eindruck, als wolle er seinen Helfer so gut es eben geht auf Abstand halten. Die Barmherzigkeit des Samariters, das sieht man hier deutlich, hat nichts mit persönlicher Verbundenheit zu tun. Sein Erbarmen gilt dem Menschen, mit dem ihn - bei aller Distanz, die den gesellschaftlichen Umständen geschuldet ist - viel mehr verbindet als trennt.

Entscheidend ist also ein dem anderen Menschen zugewandtes, mitfühlendes Herz. Daraus schöpft der Samariter die Kraft, den Fremden allen Umständen zum Trotz so zu behandeln als wäre er ein "Nächster" im wortwörtlichen Sinne - ein ihm nahestehender Mensch. Barmherzigkeit ist damit viel mehr als Hilfsbereitschaft. Sie steht in großer Nähe zur Nächstenliebe und zur Humanität. Ein barmherziger Mensch öffnet sein Herz fremder Not und nimmt sich ihrer an. Ein barmherziger Mensch kann sich einfühlen, kann verzeihen. Barmherzigkeit heißt, auch im Fremden, ja sogar im Feind, zuallererst den Mitmenschen zu sehen.

Ein hoher Anspruch! Schwierig genug, sich daran im engsten persönlichen Umfeld, in menschlichen Nahbeziehungen zu orientieren! Noch schwieriger ist es, wenn es um Politik geht! Oft genug entzünden sich politische Diskussionen an der Frage, wie viel Barmherzigkeit und Nächstenliebe wir uns als Gesellschaft leisten können und müssen - finanziell, aber auch im Hinblick auf Ausgewogenheit und sozialen Frieden. Das Jahr 2015 bot Beispiele genug:

Wie viele Menschen, die Schutz suchen vor Krieg und Gewalt, können wir aufnehmen? Wie viel Geld können wir zur Verfügung stellen für humanitäre Hilfe in Krisenregionen? Wie viele Rettungspakete schnüren wir für Griechenland? Wer hat Anspruch auf Leistungen aus unserem Solidarsystem?

Das sind Fragen, auf die das Gleichnis des barmherzigen Samariters keine Antworten gibt, obwohl es auch hier um hilfsbedürftige Menschen geht. Die politische Kultur im weitesten Sinne - damit meine ich politische Entscheidungen und demokratische Verfahren ebenso wie öffentliche Debatten und das menschliche Miteinander in der Politik - lässt sich nicht einfach einordnen in unsere christlich geprägten, moralischen Kategorien der Wahrnehmung. Sie scheint sich unseren moralischen Intuitionen in gewisser Weise sogar zu verschließen.

Warum ist das so? Warum scheint sich das Gleichnis des barmherzigen Samariters nicht in gleicher Weise als Leitbild für politisches Handeln zu eignen wie als Leitbild für zwischenmenschliche Beziehungen? Lassen Sie mich sechs Gründe nennen - sechs Aspekte des Spannungsfelds zwischen Barmherzigkeit und politischer Kultur.

Erstens: Distanz macht einen Unterschied zum Gleichnis des barmherzigen Samariters.

Der barmherzige Samariter steht einem bedürftigen Menschen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Seine Handlungsoptionen sind überschaubar: helfen oder nicht helfen. Der Politiker sieht den einzelnen hilfsbedürftigen Menschen nicht in der gleichen Weise. "Bei den Menschen", das ist der Politiker zwar in seinem Wahlkreis. Doch als gewählter Volksvertreter ist er auch für diejenigen verantwortlich, die ihm nur in der Anonymität von Statistiken und Armutsberichten begegnen, die er nur aus der Distanz der Fernsehnachrichten und Zeitungsartikel kennt. Dabei sind seine Handlungsoptionen zahlreich und seine Ressourcen begrenzt, so dass er Prioritäten setzen, die Reichweite seiner Verantwortung bestimmen muss.

Zweitens: Die Konfrontation mit einer Vielzahl an Bedürfnissen macht einen Unterschied.

Die Aufmerksamkeit des Samariters gilt einem einzelnen Menschen. Der Politiker hat mit der Hilfsbedürftigkeit vieler Menschen zu tun. Selbst beim besten Willen kann er nicht allen und erst recht nicht allen gleichzeitig gerecht werden. Er kann sich auch nicht von allem Leid, das ihm begegnet, in gleicher Weise anrühren lassen. Statt sich Einzelschicksalen zu widmen, muss er sich auf die Verbesserung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen konzentrieren.

Dabei kann es zu moralischen Konflikten kommen: Höhere Renten zur Vermeidung von Altersarmut sind auch höhere Lohnnebenkosten, die einen Familienernährer, eine Familienernährerin den Job kosten können. Höhere Ausgaben für die Unterbringung von Flüchtlingen sind finanzielle Mittel, die nicht zur Sanierung eines Schulgebäudes zur Verfügung stehen. Anders als der barmherzige Samariter müssen Politiker manchmal Gutes unterlassen, um Gutes tun zu können.

Drittens: Der zeitliche Horizont macht einen Unterschied.

Die Hilfe des barmherzigen Samariters wird sofort wirksam. Seine Hilfe lindert akute Not. Politische Maßnahmen dagegen sind oft erst einmal nur Versprechen auf eine bessere Zukunft. Es braucht Zeit, bis die erhofften Verbesserungen eintreten. Denken Sie beispielsweise an die Menschen in Griechenland, die unter den Auflagen der Europäischen Union ächzen und diese als „kalt“, als „unbarmherzig“ empfinden. Bisher ist es nur ein Versprechen, dass sich die Lebensverhältnisse für alle Griechen durch den Sparkurs bessern werden, was Erfahrungen in anderen Ländern - in Irland zum Beispiel - nahelegen. Dieses Versprechen, das uns schmerzhafte Maßnahmen als moralisch richtig erscheinen lässt, lindert aber nicht die akute Not einer griechischen Putzfrau, die ihren Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst verloren hat.

Viertens: Machbares und Wünschenswertes trennen zu müssen, macht einen Unterschied.

Für den barmherzigen Samariter stimmt das Wünschenswerte mit dem Machbaren überein. Sollen und Können sind deckungsgleich.

Für den Politiker ist genau das oft nicht der Fall - zum Beispiel angesichts der Not derjenigen, die allein wegen ihrer Hoffnung nach Deutschland kommen, Armut und Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat zu entfliehen und ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten zu können. Sie haben kein Recht auf Asyl. Das Grundrecht auf Asyl ist denjenigen vorbehalten, die in ihrer Heimat verfolgt werden - so sehr es uns anrührt, wenn wir in der Zeitung über eine Familie aus dem Kosovo lesen, der die baldige Abschiebung droht. Im Angesicht der Einzelschicksale erscheinen notwendige politische Standards und ihre Anwendung oft unbarmherzig.

Fünftens: Der Zwang zum Kompromiss macht einen Unterschied.

Der barmherzige Samariter kann seinem Herzen folgen. Er kann handeln, wie er allein es für richtig hält. Der Politiker kann das im Allgemeinen nur sehr eingeschränkt. Arbeitslosigkeit, Zuwanderung, Integration … - welches Thema auch immer Sie nehmen: Es gibt unzählige Meinungen, was zu tun ist.

Ein Politiker muss deshalb um Mehrheiten werben: in der Partei, in der Fraktion, in einer Regierungskoalition, in der Abstimmung mit den Bundesländern oder auf europäischer Ebene. Was im Ringen um Kompromisse heraus kommt, ist oft der kleinste gemeinsame Nenner dessen, was die einzelnen Beteiligten für richtig halten. Persönliche Werte dienen dabei der Begründung der eigenen Sichtweise, aber für das konkrete Handeln, die Umsetzung, zählt der Kompromiss. Ohne Bereitschaft zum Kompromiss, ohne Bereitschaft zur Abweichung vom eigenen Standpunkt, auch vom eigenen Herzensanliegen, funktioniert keine Demokratie.

Und schließlich sechstens: Taktisch vorgehen zu müssen, macht einen Unterschied. Der barmherzige Samariter braucht keine Strategie und keine Taktik. Ganz anders dagegen der zum Helfen entschlossene Politiker! Der Wirtschaftsnobelpreisträger James Buchanan, Mitbegründer einer ökonomischen Theorie der Demokratie, hat dafür den Begriff „Samariterdilemma“ geprägt. Damit ist gemeint, dass bedingungslose Hilfsbereitschaft in bestimmten Fällen Hilfsbedürftigkeit zementiert, weil sie Eigeninitiative verhindert oder Mitverantwortliche aus der Verantwortung entlässt. In der Politik begegnet man dem Samariterdilemma auf Schritt und Tritt: zum Beispiel, wenn Sozialleistungen ab einer bestimmten Höhe dazu führen, dass Arbeiten sich nicht lohnt. Oder wenn Regierungen von EU-Mitgliedsländern sich darauf verlassen können, dass die Europäische Union ihre Versäumnisse durch finanzielle Hilfen ausgleicht. Oder wenn - so wie wir es auf dramatische Weise gerade erleben - Deutschlands Aufnahmebereitschaft gegenüber Menschen in existentieller Not es anderen Ländern erleichtert, sich beim Engagement für einen menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen in Zurückhaltung zu üben. Taktieren für eine gute Lösung gehört deshalb zum politischen Handwerk. Unmittelbar einem moralischen Impuls zu folgen kann diesem Impuls dagegen auf lange Sicht zuwider laufen.

Man kann die eingangs zitierte Aussage von Julius Kardinal Döpfner also auch umdrehen: Der barmherzige Samariter muss keine Resolution verabschieden, er kann einfach helfen. Er kann seinem Herzen folgen. Der Politiker dagegen handelt in einem Spannungsfeld, das der Soziologe Max Weber in seinem berühmten Vortrag „Politik als Beruf“ mit dem Begriffspaar "Gesinnungsethik und Verantwortungsethik" abgesteckt hat. Gesinnungsethisch betrachtet ist politisches Handeln durch ihr Motiv, durch die Gesinnung des Handelnden gerechtfertigt, während die Verantwortungsethik von den Folgen einer Handlung ausgehend moralisch urteilt - von Folgen, die man nicht allein in der Hand hat, wie in den Verhandlungen auf europäischer Ebene zur Verteilung asylsuchender Menschen auf die einzelnen EU-Länder.

Wo bleibt dann in der politischen Kultur überhaupt Raum für ein mitfühlendes Herz, für Barmherzigkeit, werden Sie jetzt fragen. Kann die Botschaft der Bibel überhaupt Kompass für politisches Handeln sein? Als Politikerin bin ich mir der Umstände bewusst, die verantwortungsethisches Denken erfordern. Als gläubige Christin ist es mir ein Anliegen, meine christliche Gesinnung, meine Glaubensüberzeugungen auch in meiner politischen Arbeit zu leben. Der barmherzige Samariter ist kein Leitbild für die Politik, und dennoch - das ist meine Überzeugung:

Wir brauchen Barmherzigkeit auch als politische Tugend.

Wir brauchen sie als Wurzel einer der Menschenwürde verpflichteten Politik.

Wir brauchen sie als Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz.

Wir brauchen sie als Begleiterin der Freiheit.

Wurzel einer der Menschenwürde verpflichteten Politik ist die Barmherzigkeit insofern, als sie uns für soziale Notlagen - und damit gesetzgeberischen Handlungsbedarf - sensibilisiert. Die katholische Soziallehre verortet Gerechtigkeit, ausgehend von der Würde jedes Menschen als Ebenbild Gottes, in der Rahmenordnung der sozialen Marktwirtschaft. Diese Rahmenordnung eröffnet einerseits Raum für Freiheit und Eigenverantwortung: Jeder soll mit seinen Talenten wuchern können. Sie stellt aber andererseits auch den Ausgleich zwischen Stärkeren und Schwächeren her und spannt ein soziales Netz, das uns bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder im Alter auffängt. Die soziale Marktwirtschaft verbindet Freiheit und Eigenverantwortung mit Solidarität. Darin liegt ihre moralische Qualität nach christlichem Verständnis.

Es ist eine große Errungenschaft, dass es uns gelungen ist, Gerechtigkeit über diese Rahmenordnung sicher zu stellen, so dass Menschen in Notlagen keine Bittsteller sind, sondern Anspruch haben auf die Unterstützung der Allgemeinheit. Dennoch lässt sich die Verantwortung, Leid zu lindern, nicht an die Rahmenordnung delegieren. Es gibt Menschen, die selbst ein dicht geknüpftes soziales Netz nicht auffangen kann. Es gibt Risse im Netz, es gibt Stellen, wo das Netz dichter geknüpft oder erweitert werden muss, weil die Gesellschaft sich verändert, weil neue Probleme entstehen. Politiker brauchen ein mitfühlendes Herz wie der barmherzige Samariter, um das zu erkennen. Barmherzigkeit ist motivationale Grundlage für soziales, dem christlichen Menschenbild verpflichtetes, politisches Handeln. So wie ein starker Baum gesunde Wurzeln braucht, so braucht auch eine der Menschenwürde verpflichtete politische Ordnung ein gesundes moralisches Empfinden der politisch Verantwortlichen.

In diesem Sinne bin ich Angela Merkel sehr dankbar, dass sie den Gedanken der Barmherzigkeit angesichts einer drohenden humanitären Katastrophe im September 2015 zum Leitbild ihrer Flüchtlingspolitik gemacht hat - bei allen Risiken und Unwägbarkeiten, mit denen eine Entscheidung dieser Tragweite verbunden ist, und auch, wenn die Mühen der Integration unser aller Kraft und Engagement erfordern werden. Noch schlimmer als daran zu scheitern wäre, es nicht einmal versucht zu haben!

Ein zweiter Punkt: Barmherzigkeit als Zugewandtheit des Herzens ist auch als Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz und damit für das Funktionieren unserer Demokratie unverzichtbar. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der wir - gerade in den großen Städten und Ballungsräumen - tagtäglich konfrontiert werden mit Lebensweisen, die uns fremd sind, mit Meinungen und Weltanschauungen, die wir nicht teilen, mit kulturellen Eigenheiten, die wir nicht verstehen, vielleicht sogar ablehnen. Es ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften, das Gemeinsame über das Trennende stellen zu können - das Menschliche über die Unterscheidung zwischen gläubig und ungläubig, zwischen deutsch und nicht-deutsch, zwischen weiblich und männlich, zwischen muslimisch und christlich. Barmherzigkeit ist die Fähigkeit, auch im Fremden den Nächsten zu sehen - und es ist nicht zuletzt diese Fähigkeit, die es braucht, um unsere Demokratie gegen ihre Feinde, gegen religiöse Fundamentalisten und politische Extremisten, zu verteidigen. Gerade jetzt, da so viele Menschen anderer kultureller und religiöser Herkunft Zuflucht in Deutschland suchen, gerade mit Blick auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte, in denen zusammenwachsen soll, was bisher nicht zusammen gehört - wie Bundespräsident Gauck es am 25. Jahrestag der Deutschen Einheit so treffend formuliert hat -, gerade in diesen Zeiten muss sich demokratische Kultur in Deutschland und Europa in diesem Sinne neu bewähren.

Ein dritter Punkt ist mir wichtig: Politische Kultur umfasst nicht nur unsere Rahmenordnung, die soziale Marktwirtschaft, und die Art und Weise, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft mit all ihren Konflikten friedlich zusammen leben können. Politische Kultur äußert sich auch darin, wie wir mit den Freiheiten umgehen, die die Demokratie uns gewährt.

Deutschland musste sich die Demokratie in einem von der nationalsozialistischen Barbarei auch geistig und kulturell verwüsteten Land mühsam erarbeiten und hat die Kunstfreiheit dabei wie die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit aus gutem Grund in den Verfassungsrang erhoben. Die Kunstfreiheit - das ist die Lehre, die wir aus zwei Diktaturen gezogen haben - ist wie die Presse- und Meinungsfreiheit konstitutiv für eine Demokratie. Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft. Mit ihren Fragen, ihren Zweifeln, ihren Provokationen beleben sie den demokratischen Diskurs und sind so imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren. Sie verhindern, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Die Freiheit der Kunst zu schützen, ist deshalb heute oberster Grundsatz, vornehmste Pflicht der Kulturpolitik.

Dabei lässt sich allerdings nicht leugnen, dass eben diese Freiheiten es Menschen ermöglichen, andere auch zu verletzen. Als religiöser Mensch fühle ich mich oft tief getroffen, wenn - legitimiert durch die Kunstfreiheit - mein Glaube verhöhnt wird. Als Politikerin empfinde ich es als verletzend, wenn mir - legitimiert durch Presse- und Meinungsfreiheit - Verachtung entgegen schlägt. Auch der Wettbewerb der Personen und Meinungen in der Politik kann unbarmherzig sein: das Ausgesetztsein der permanenten Beobachtung von außen, die gnadenlose Bewertung durch Journalisten, die man als Betroffener oder Betroffene natürlich nicht immer als fair empfindet.

Unsere demokratischen Freiheiten schließen also sogar die Freiheit jedes einzelnen mit ein, anderen seelische Verletzungen zu fügen. Doch eine Kunst, die sich festlegen ließe auf die Grenzen des politisch Wünschenswerten, eine Kunst, die den Anspruch religiöser Wahrheiten respektierte, die das überall lauernde Risiko verletzter Gefühle scheute, die gar einer bestimmten Moral oder Weltanschauung diente - eine solchermaßen begrenzte oder domestizierte Kunst würde sich nicht nur ihrer Möglichkeiten, sondern auch ihres Wertes berauben. Dasselbe gilt für die Medien. Wir müssendie Spannungen aushalten zwischen der Freiheit der Meinung und Verunglimpfung, zwischen der Freiheit der Presse und Verleumdung, zwischen der Freiheit der Kunst und verletzten (religiösen) Gefühlen.

Barmherzigkeit beim Gebrauch dieser Fähigkeiten kann die Politik nicht verordnen. Verordnete Barmherzigkeit wäre erstens keine mehr und müsste, zweitens, mit Zensur einhergehen. Umso wichtiger ist es, Barmherzigkeit im Zwischenmenschlichen als Begleiterin demokratischer Freiheiten zu fördern - in Form von Herzensbildung, Nachdenklichkeit und Fähigkeit zur Empathie.

Mag der barmherzige Samariter sich auch nicht als Leitbild für die Politik eignen - ich bin überzeugt: Als Wurzel einer der Menschenwürde verpflichteten Politik, als Wegbereiterin für Verständigung und Toleranz und als Begleiterin der Freiheit braucht es Barmherzigkeit auch als politische Tugend!

Zwei Milieus sind es aus meiner Sicht, die imstande sind, der Barmherzigkeit ihren Platz in der politischen Kultur zu verschaffen - zwei ganz verschiedene Milieus, die eines gemeinsam haben, nämlich dass sie sich mit den existentiellen Fragen des Menschseins beschäftigen. Kunst und Kirche sind es, die uns in die Lage versetzen können, im Fremden den Nächsten zu sehen. In der Kirche ist es - das muss ich hier nicht näher erläutern - die Botschaft Jesu Christi, die uns daran erinnert, wozu wir einander als Menschen verpflichtet sind. Die Kunst wiederum baut Brücken, wo tiefe Gräben klaffen. Ob Poesie, ob Malerei, ob Film, Musik, Theater oder Tanz: Kunst kann gemeinsame Sprache sein, wo unterschiedliche Begriffe Missverständnisse verursachen. Kunst kann gemeinsame Erfahrungen bescheren, wo unterschiedliche Herkunft ab- und ausgrenzt. Kunst kann uns helfen zu verstehen, was uns ausmacht, wer wir sind - als Individuen, als Deutsche, als Europäer. Kunst kann uns aber auch nötigen, die Perspektive zu wechseln und die Welt aus anderen Augen zu sehen. GeradeLiteratur, Theater und Film sind imstande, den Bereich das Denk- und Vorstellbaren zu vergrößern, Gebiete jenseits unseres Erfahrungshorizonts zu erschließen und eben dadurch auch die Grenzen unserer Empathie zu weiten - indem sie uns Fremdes vertraut machen und uns auf diese Weise zum Mitgefühl befähigen. Nicht zuletzt in diesem Sinne ist es eine wahrhaft staatstragende und zukunftsweisende Aufgabe, Kunst und Kultur zu fördern.

Im Übrigen sollten wir auch nicht vergessen: Eine Gesellschaft, die mit ihren kulturellen, auch religiös begründeten Eigenheiten ihre eigene Identität pflegt, kann dem Anderen, dem Fremden Raum geben, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen. Nur wo es keinen kulturellen Kern gibt, pflegt man Feindbilder, um sich der eigenen Identität zu vergewissern. Auch deshalb brauchen wir Kultur und Kirche als gesellschaftliche Kräfte. Als Christen sollten wir es deshalb nicht zulassen, dass Religion und Glaube in die Abgeschiedenheit des rein Privaten verdrängt werden. Wir sollten vielmehr den Mut haben, uns auch unter Andersdenkenden öffentlich selbstbewusst zu christlichen Werten und Überzeugungen zu bekennen. Ich jedenfalls hoffe, gerade auch im Hinblick auf die großen Herausforderungen unserer Zeit, dass Kirche, Religion und christlicher Glauben in unserer säkularen Kultur wieder mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren. In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein friedliches, glückliches und gesegnetes Jahr 2016!