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Es gibt im multikulturellen Berlin – in einer Stadt, die sich zum zentralen Zufluchtsort für Exilkünstlerinnen und Exilkünstler entwickelt hat – sicherlich passendere Kulissen als diesen „nüchternen“ Bankettsaal, um das Programm „Writers in Exile“ zu würdigen: Kulturorte zum Beispiel, an denen die wechselseitige Inspiration einheimischer und im Exil lebender Künstlerinnen und Künstler sichtbar wird. Und doch gehört dieser Empfang zum 20jährigen Bestehen hierher, mitten ins Regierungs- und Parlamentsviertel, in den Amtssitz der Bundeskanzlerin: nicht nur, weil das Programm mit Unterstützung der Bundesregierung etabliert wurde und mit Mitteln aus dem Bundeskulturetat gefördert wird; sondern vor allem, weil Deutschland eine große Verantwortung dafür trägt, die Freiheit des Wortes zu schützen und verfolgten Dichtern und Denkern, Dichterinnen und Denkerinnen Zuflucht zu gewähren. Wir stellen uns dieser Verantwortung, um - wie Du, lieber Michael Naumann, es damals als Kulturstaatsminister und Mit-Initiator ausgedrückt hast - „einen Teil jener ,Dankschuld‘ abzutragen, die sich aus der Tatsache herleitet, dass während der Nazi-Diktatur so viele deutsche Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler in anderen Ländern Aufnahme fanden.“

Ein ehemaliger PEN-Präsident, der deutsch-iranische Schriftsteller SAID, hat die Erfahrung des Exils und den langen, steinigen Weg vom Heimatverlust bis zur „Heimstätte“ einer fremden Sprache vor einiger Zeit in einer Rede beschrieben als - ich zitiere - Harren „in einem Zwischenland – zwischen zwei Flüssen: Hier das Persische, dort das Deutsche; jeder stillt einen anderen Durst. In einem Fluss schwimmt er mit, im anderen ringt (…) [er] um jedes Wort, um nicht zu ertrinken.“ In einem „Zwischenland zwischen zwei Flüssen“ zu leben, in einer notdürftigen Behausung statt in einem echten Zuhause: Diese Erfahrung teilen all jene Künstlerinnen und Künstler, die vor politischer Verfolgung, vor Gewalt und Unterdrückung aus ihrer Heimat fliehen mussten. Das Programm „Writers in Exile“ bietet ihnen in diesem „Zwischenland“ zumindest ein Dach über dem Kopf: finanzielle Hilfe und künstlerische Freiheit, Orientierungshilfe in der Fremde und Unterstützung im Alltag, Kontakte zu anderen Autorinnen und Autoren und – ja: – auch menschliche Nähe, die das Leid des Entwurzeltseins hoffentlich ein wenig erträglicher macht. Seit 20 Jahren kümmert sich das PEN-Zentrum Deutschland in dieser umfassenden Weise, mit Förderung und Fürsorge, um Exil-Schriftstellerinnen und -Schriftsteller. Das verlangt hohen persönlichen Einsatz und ist damit auch ein beeindruckendes Beispiel bürgerschaftlichen Engagements zahlreicher Künstlerinnen und Künstler, die damit ihre Berufskolleginnen und -kollegen unterstützen. All jenen, die an der 20jährigen Erfolgsgeschichte von „Writers in Exile“ mitgeschrieben haben, danke ich für ihren beherzten, oft aufreibenden Einsatz - den beteiligten Mitgliedern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, insbesondere jenen des Darmstädter Writers-in-Exile-Büro beim PEN Deutschland, dem Präsidium und nicht zuletzt natürlich den Initiatoren, die das Programm vor 20 Jahren ins Leben gerufen haben. Ich kann Ihnen versichern, meine Damen und Herren, dass die Finanzierung des Programms aus meinem Kulturetat weiterhin gesichert bleibt. Darüber hinaus fördert mein Haus - und darin bestärkt uns nicht zuletzt der Erfolg des PEN-Programms - neuerdings auch das European Centre for Press and Media Freedom, damit auch verfolgte Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit haben, im deutschen Exil zu leben und zu arbeiten.

Zu wünschen wäre freilich bei aller Wertschätzung solcher Programme, dass ein weltweiter Siegeszug demokratischer Grundrechte und Freiheiten sie in absehbarer Zeit überflüssig macht. Im Moment erleben wir eher das Gegenteil: Angriffe auf demokratische Freiheiten sind selbst in Demokratien an der Tagesordnung, sogar in Mitgliedsländern der Europäischen Union (- man denke nur an die ermordeten Journalisten Daphne Caruana Galizia (Malta) und Ján Kuciak (Slowakei). Man denke daran, wie schwer es unabhängige Journalistinnen und Journalisten in Ungarn haben, man denke an die Einschränkung der Medienfreiheit in Polen durch das neue Mediengesetz). Selbst hierzulande häufen sich Versuche einzelner gesellschaftlicher Gruppierungen, Künstlerinnen und Künstler einzuschüchtern und unabhängige Journalistinnen und Journalisten zu diffamieren. Gründe genug, daran zu erinnern, dass demokratische Freiheiten kein Besitz sind, sondern Errungenschaften, die dauerhaft das Engagement überzeugter Demokraten brauchen! Auch deshalb ist es mir ein Anliegen, die Arbeits- und Lebensbedingungen im Exilland Deutschland stärker ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken – zumal Berlin sich in den vergangenen Jahren zur Exilhauptstadt für arabische Intellektuelle, zu einem neuen „kulturellen Damaskus“ entwickelt hat. Das geht aus einer Studie des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück mit dem Titel „Exil in der Bundesrepublik Deutschland“ hervor, die ich im vergangenen Jahr mit Blick auf den Zuzug Hunderttausender geflüchteter Menschen 2015 und 2016 angeregt habe. Darunter waren ja auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler.

Die Studie, die heute online veröffentlicht wird, zeigt die hohe Wertschätzung für die künstlerische Freiheit in Deutschland, offenbart neben einer beachtlichen Zahl vorhandener Förderangebote aber auch die Probleme, mit denen Künstlerinnen und Künstler im deutschen Exil zu kämpfen haben. So fehlt es beispielsweise vielerorts an Zukunftsperspektiven, weil es anderslautenden Bekenntnissen zum Trotz um die Aufgeschlossenheit für Vielfalt – neudeutsch: „Diversität“ - im Alltag des deutschen Kunst- und Kulturbetriebs noch nicht zum Besten bestellt ist. Schwarz auf weiß dokumentiert zu sehen, wo die gesellschaftliche Wirklichkeit den hehren Ansprüchen hinter hinkt, hilft allen Beteiligten bei notwendigen Veränderungen. Deshalb freut es mich sehr, dass die Autoren der Studie heute hier sind: Herzlich willkommen, Frau Lemmer und Herr Professor Oltmer! Vielen Dank für Ihre akribische Vermessung des Exillands Deutschland, von der ich mir wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung einer der Freiheit der Kunst verpflichteten Kulturpolitik erhoffe. Was die Öffnung für mehr Vielfalt betrifft, hat die Bundesregierung bereits umfassende Maßnahmen ergriffen. Zum Beispiel haben wir im Rahmen des „Nationalen Aktionsplans Integration“ einen breit angelegten Dialog mit den bundesgeförderten Kultureinrichtungen begonnen. Außerdem haben wir das BKM-Förderprogramm „Vermittlung und Integration“ seit 2018 stärker auf Maßnahmen für mehr Vielfalt ausgerichtet.

Ich hoffe, liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten, dass Sie Ihr Exil in Deutschland (jenes „Zwischenland zwischen zwei Flüssen“, um die eingangs zitierten Worte SAIDs noch einmal aufzugreifen) nicht nur als Verlust der eigenen Wurzeln, sondern auch als Quelle der Inspiration erleben - ja vielleicht gar als Quelle der Hoffnung, was die Möglichkeit politischer Veränderungen in Ihren Heimatländern betrifft. Die Erinnerung an die deutsche Geschichte jedenfalls hält nicht nur bittere Lektionen aus der doppelten Diktaturerfahrung des 20. Jahrhunderts bereit, sondern auch ermutigende Einblicke in demokratische Sternstunden: zum Beispiel, wenn sich in wenigen Wochen, am 9. November, der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal jährt. Die Friedliche Revolution steht nicht zuletzt dafür, dass Mut und Vorstellungskraft - im wahrsten Sinne des Wortes - Mauern zum Einsturz bringen können. Denn die Menschen, die 1989 für demokratische Rechte auf die Straße gegangen sind, die Menschen, die der Diktatur vielfach schon viele Jahre lang die Stirn geboten und den Triumph der Freiheit über Unfreiheit und Unterdrückung errungen haben, diese Menschen besaßen neben Kühnheit und Kampfgeist vor allem eines: eine Vorstellung von einer besseren Welt. Diese Vorstellungskraft brauchen auch Ihre Heimatländer, verehrte Künstlerinnen und Künstler: Ihre Vorstellungskraft, Ihre Fantasie. Gerade die Kunst trägt ja immer den Keim des Revolutionären in sich. Dass aus diesen Keimen etwas wachsen darf, dass es einen fruchtbaren Nährboden dafür gibt und ein wachstumsförderndes Klima - das macht eine vitale Demokratie aus. Dazu soll das „Writers in Exile“-Programm auch in Zukunft beitragen: indem es Ihnen ermöglicht, in Freiheit zu arbeiten und mit Ihrer Stimme Gehör zu finden: in der Welt wie auch in Ihrer Heimat. Darauf will ich heute, zum 20. Jubiläum des „Writers in Exile“-Programms, mit Ihnen zusammen das Glas erheben, und freue mich, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.