Rede von Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung der Kinoprogramm- und Verleiherpreise

Im Wortlaut: Grütters Rede von Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung der Kinoprogramm- und Verleiherpreise

Kulturstaatsministerin Grütters hat in Dresden fast 200 Kinos für ihr herausragendes Programm ausgezeichnet. Preise gab es außerdem für drei Verleihfirmen. "Sie alle sind Überzeugungstäter und tragen maßgeblich dazu bei, dass der Film nicht nur als Wirtschaftsprodukt, sondern vor allem als Kulturgut eine Zukunft hat", sagte Grütters.

Mittwoch, 2. Dezember 2015 in Dresden, Hellerau

Leidenschaft und Intrigen, Verbrechen und Versöhnung, Träume und Tränen - das ist der Stoff, aus dem viele Drehbücher gemacht sind. Phantasie, Zuversicht und Beharrlichkeit sind Eigenschaften, die Sie alle, liebe Kinobetreiber und Verleiher, besitzen und einsetzen für Ihre Arbeit im Geiste der Verbreitung von kulturell anspruchsvollen Filmen. Wir Zuschauer, vor allem die Cineasten unter uns, halten es dabei, wie es der wunderbare - und leider viel zu früh verstorbene - Filmkritiker Michael Althen einmal beschrieb: "Im Grunde nähern wir uns Filmbildern […] als seien sie eine Art Tankdeckel zu einer anderen Welt, der Dämpfe entsteigen, an denen wir uns berauschen können."

Diese Dämpfe, die da aus den Lebens- und Liebesgeschichten, aus den Dramen und Dokumentarfilmen entsteigen, beflügeln unseren Geist, inspirieren unser Denken und halten unsere Kulturnation intellektuell in Bewegung.

Als Michael Althen seine Hommage an das Kino "Warte, bis es dunkel wird" verfasste, aus der ich gerade zitiert habe, konnte er noch nicht damit rechnen, dass wir heute, (nur) 13 Jahre später, Filme überall und zu jeder Zeit ansehen können - unabhängig von Sende- und Vorführzeiten im Fernsehen und Kino. Tablets und Smart-Phones ermöglichen den räumlich unabhängigen Filmkonsum "to go". Doch wieviel von den "Dämpfen aus anderen Welten" inhalieren wir dabei noch, wenn während des Films auf den kleinen Bildschirmen ein Facebook-Post aufpoppt, eine Terminerinnerung erscheint oder ein Anruf eingeht? Die Eindrücke des Films - die Bilder, Charaktere und Dialoge, auf die man sich einlassen muss, damit sie den Geist anregen - verflüchtigen sich dann allzu schnell; und ganz ohne Rausch stellt sich ein Katergefühl ein, weil Filme nicht gemacht sind für das allgegenwärtige Multitasking. Ein Film ist Genuss, man sollte ihm Zeit schenken und Hingabe. Auch deswegen braucht der Kinofilm die große Leinwand - nicht mehr, aber auch nicht weniger - denn nur im Kino kann er seine ganze Kraft, seine Magie und Faszination entfalten.

Sie, liebe Programmkinobetreiber und Filmkunstverleiher, wissen das. Obwohl Sie sehr häufig ein innerlich zerrissenes Dasein führen - denn in Ihrem Metier ist nicht nur die Liebe zum Arthouse-Kino gefragt, sondern auch unternehmerischer Wagemut - setzen Sie doch all Ihre Begeisterung und Ihr Engagement dafür ein, einem kulturell interessierten und intellektuell anspruchsvollen Publikum diesen Filmgenuss zu ermöglichen. Sie tragen dazu bei, dass künstlerisch anspruchsvolle Filme aus Deutschland und Europa auf viele Leinwände in unserem Land projiziert werden und dass sich Filmtheater - die nicht selten schon aufgrund ihrer architektonischen Besonderheiten Meisterwerke sind - als wertvolle Kulturstätten etablieren können. Sie alle sind Überzeugungstäter und tragen maßgeblich dazu bei, dass der Film nicht nur als Wirtschaftsprodukt, sondern vor allem als Kulturgut eine Zukunft hat. Sie "brennen fürs Kino" - um auf das schöne Motto der diesjährigen Preisverleihung anzuspielen -, genau wie ich; und mit den Kinoprogramm- und Verleiherpreisen möchte die Bundesregierung Ihren Einsatz für den anspruchsvollen Film würdigen.

Um die Verleiher mit einem abwechslungsreichen Programm zu bestücken, das die Kinobetreiber dann abspielen können, bedarf es aber zu allererst einmal eines guten Films. Ein wichtiges Standbein für die Finanzierung von qualitativ hochwertigen Produktionen ist die kulturelle Filmförderung. Mein Ziel, den entsprechenden Titel im Haushalt 2016 zu erhöhen, habe ich dank der Entscheidung des Deutschen Bundestages erreicht: Im kommenden Jahr stehen zusätzlich 15 Millionen Euro für die kulturelle Filmförderung zur Verfügung - das Budget hat sich im Vergleich zu den bisher verfügbaren Mitteln mehr als verdoppelt.

Wie Sie wissen, steht zurzeit auch die Novellierung des Filmförderungsgesetzes an. Die FFG-Novelle soll dazu beitragen, dass die Rahmenbedingungen unserer Film- und Kinolandschaft auch weiterhin so ausgestaltet sind, dass qualitätsvolle und erfolgreiche deutsche Filme entstehen können. Wir wollen, dass geförderte Filme optimal ausgewertet werden können - und zwar unabhängig von der Länge des Films. Daher sieht der Gesetzentwurf vor, dass künftig auch das Abspiel von Kurzfilmrollen im Kino förderfähig sein wird. An den Sperrfristen wollen wir weiterhin festhalten, denn nur im Kino bekommen Filme die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Damit Menschen in jeder Region Deutschlands in den Genuss von guten Filmen kommen, soll die Verleihförderung künftig an die Auflage gekoppelt sein, in angemessener Zahl Kopien an Kinos in der Fläche auszuliefern.

Schließlich ist ein zentrales Ziel der FFG-Novelle, ein hohes Abgabe-Niveau zu sichern. Wir beabsichtigen, neue Abgabezahler heranzuziehen und insbesondere die Abgabe der öffentlich-rechtlichen Sender angemessen zu erhöhen. Der Abgabesatz für die Kinos soll bis 2021 unverändert bleiben, weil wir wissen, dass auf die Kinos auch in den nächsten Jahren große Herausforderungen zukommen.

Meine Damen und Herren, heute aber zeichnen wir 198 herausragende Kinoprogramme von Filmtheatern in ganz Deutschland aus. Prämiert werden die Kinos für ihr allgemeines Programm, aber auch für besondere Filmangebote für Kinder und Jugendliche oder Kurzfilm- und Dokumentarfilmprogramme.
Die Preisgelder ergeben eine Gesamtsumme von 1,5 Millionen Euro. Darüber hinaus werden drei Verleihfirmen, die sich um die Verbreitung künstlerisch wertvoller Filme verdient gemacht haben, eine Auszeichnung in Höhe von jeweils 75.000 Euro erhalten. Aber was wäre eine Preisverleihung ohne die Menschen, die ehrenamtlich viel Zeit damit verbringen, um die Anträge fachkundig zu beurteilen und die Veranstaltung vorzubereiten? Bevor wir also die Preisträger des Jahres 2015 küren, verdienen all diejenigen einen Applaus, die dem Anlass einen würdigen Rahmen gegeben und uns diesen wunderbaren Abend beschert haben!

Vor allem gilt mein Dank den Jury-Mitgliedern der beiden Preise. Unter Ihrem Vorsitz, liebe Margarete Papenhoff, hat die Jury der Kinoprogrammpreise aus fast 300 Bewerbungen die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt. Kaum vorstellbar, wie viele Filmrollen in der Zeit, in der Sie die Anträge begutachtet haben, hätten abgespielt werden können. Aber auch die Verleiher haben es Ihnen nicht leicht gemacht, liebe Andrea Dittgen.
Unter Ihrem Vorsitz hat die Jury der Verleiherpreise 24 eingereichte Jahresprogramme gesichtet und beurteilt. Herzlichen Dank, dass Sie alle diese mühevolle Aufgabe auch in diesem Jahr wieder mit viel Elan und Professionalität bewältigt haben.

Nicht zuletzt verdienen auch unsere heutigen Gastgeber, die Spitzenpreisträger aus dem vergangenen Jahr, Jana Engelmann und Sven Weser, ein herzliches Dankeschön. Sie sind mit Ihrem „Programmkino Ost“ in Dresden für ein feinsinniges Programm aus anspruchsvollen europäischen Filmproduktionen und internationalem Autoren-Kino bekannt. Seit dem Umbau des Kinos vor sechs Jahren haben sich die Besucherzahlen vervielfacht. Es gibt kaum ein deutlicheres Zeichen dafür, dass sich die Dresdnerinnen und Dresdner nach einem bunten kulturellen Angebot sehnen und besondere Veranstaltungen, wie Ihre "Französischen Filmtage" oder das "Frühstyxkino", lieben.

Die Menschen, die jeden Montag durch die Sächsische Landeshauptstadt marschieren und die Werte der Kultur, die sie zu verteidigen vorgeben, durch ihre Fremdenfeindlichkeit mit Füßen treten, versuchen ein anderes Bild Ihrer Stadt zu vermitteln. Doch eine Gesellschaft, die mit ihren Werten und kulturellen Eigenheiten ihre eigene Identität pflegt, kann auch dem Anderen, dem Fremden Raum geben, ohne sich dadurch bedroht zu fühlen. Der Film trägt in besonderem Maße zu dieser Identitätsstiftung bei, weil er das Denken und Fühlen einer Nation im wahrsten Sinne des Wortes "sichtbar" machen kann. Sie und Ihr Publikum im „Programmkino Ost“ - und auch die anderen Dresdner Kinos - zeigen, dass Dresden eine Stadt ist, die sich nicht abschotten will in Angst und Vorurteilen, sondern deren Bürgerinnen und Bürger den "Tankdeckel zu neuen Welten" öffnen möchten, um sich von Phantasie und Kreativität inspirieren zu lassen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen unterhaltsamen und anregenden Abend, ein rauschendes Fest - und vor allem noch viele berauschende Filmmomente in den ausgezeichneten Kinos unseres Landes.