Rede von Kulturstaatsministerin Grütters bei der Tagung „Kunst und Kommerz: Kultur und Kreativwirtschaft in der Diskussion“

Kulturstaatsministerin Grütters bei der Tagung Kunst und Kommerz des Deutschen Kulturrates am 23.04.2015

Kulturstaatsministerin Grütters: Künstler brauchen die Freiheit, sich den Kriterien des kommerziellen Erfolgs widersetzen zu dürfen.

Foto: Josephine Dannheisig

- Es gilt das gesprochene Wort. -

„Kunst und Kommerz“- da rümpft der feingeistige Kulturfreund erst einmal indigniert die Nase. Ist es nicht gerade die Unabhängigkeit von den Kriterien kommerziellen Erfolgs, die Weigerung, sich den Regeln des Marktes zu unterwerfen, die den Künstler von einem - sagen wir - Handwerker unterscheidet? Pablo Picasso hat für dieses Spannungsverhältnis salomonische Worte gefunden: „Ein Maler“, so Picasso - „ein Maler ist ein Mann, der malt, was er verkauft. Ein Künstler ist ein Mann, der verkauft, was er malt.“

Diese Aussage deckt die Bandbreite der Schönen Künste nicht annähernd ab und entspricht, nebenbei bemerkt, auch nicht den zeitgenössischen Standards des Gender Mainstreaming. Sie fasst aber recht anschaulich zusammen, dass Kunst und Kommerz sich zumindest nicht ausschließen.

Der Deutsche Kulturrat hat nichts unversucht gelassen, um eben dies auch schon durch eine kluge Wahl des Datums zu unterstreichen. Das jedenfalls könnte man mit Blick auf den Kalender unterstellen:
Zum einen wurde heute vor 451 Jahren, am 23. April 1564, William Shakespeare geboren, der mit seinem ungeheuren Erfolg schon zu Lebzeiten ein geradezu idealer Kronzeuge dafür ist, dass Kunst nicht unbedingt brotlos sein muss. Zum anderen ist der heutige 23. April der „Welttag des Buches und des Urheberrechts“, mit dem die UNESCO nicht zuletzt auch den Schutz der Urheberrechte, der Rechte der Künstler und Kreativen, anmahnt. Damit führt uns dieses Datum gleich mitten hinein ins Spannungsfeld von Kunst und Kommerz, in die Welt der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Herzlichen Dank, lieber Herr Prof. Höppner, Ihnen und Ihrem Team vom Deutschen Kulturrat für die Vorbereitung dieser interessanten Tagung! Ich freue mich, dass mein Haus Sie dabei im Rahmen der Initiative „Kultur- und Kreativwirtschaft“ unterstützen konnte. Ein herzliches Dankeschön auch an die Bertelsmann AG, deren Gastfreundschaft wir diesen ausgesprochen schönen Tagungsort „Unter den Linden 1“ verdanken!

Die Kultur- und Kreativwirtschaft, meine Damen und Herren, lebt von der Kommerzialisierung kreativer Leistung. Das ist keine Erfindung unserer Zeit - auch wenn Kreativität gerne als der „Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ gepriesen wird. Schon Albert Einstein, einer der größten Verteidiger der Phantasie unter den Naturwissenschaftlern, hat zutreffend bemerkt, dass Probleme sich niemals mit derselben Denkweise lösen lassen, durch die sie entstanden sind. Künstler haben insofern immer schon zum gesellschaftlichen Fortschritt beigetragen, indem sie ihre Zeitgenossen die Wirklichkeit neu sehen lehrten. Die Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren fast 250.000 Unternehmen, mit ihren über eine Million Beschäftigten und ihrem Umsatz von 145 Milliarden Euro im Jahr 2013, (die sich mit einer Bruttowertschöpfung von 65,3 Milliarden Euro übrigens durchaus mit der Automobilindustrie messen lassen kann), ist insofern weit mehr als eine Branche neben anderen Branchen. Sie liefert nicht nur bestimmte Handelsgüter oder Dienstleistungen. Sie liefert den immateriellen Rohstoff für Innovationen in allen gesellschaftlichen Bereichen, indem sie uns in die Lage versetzt, die Perspektive zu wechseln und neue Verbindungen herzustellen. Um es bildlich auszudrücken: Die Künstler und Kreativen tragen die Fackel, an der viele andere das Feuer eigener schöpferischer Kraft entzünden.

Dass Ideen ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Wirtschaftsgut in einer rohstoffarmen Gesellschaft sind, dass Künstler und Kreative zum wirtschaftlichen Wachstum beitragen, dass ihre Arbeit den Boden bereitet für die Innovationsfähigkeit unserer Unternehmen, für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und dass blühende Kulturlandschaften Deutschland in vielerlei Hinsicht attraktiver machen, dass Kultur also ein wichtiger Standortfaktor ist, all das gehört längst zu den ökonomischen und politischen Binsenweisheiten. Deshalb unterstützt die Bundesregierung im Rahmen der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft Unternehmerinnen und Unternehmer dabei, mit ihren Ideen auch ökonomisch erfolgreich zu sein. Es freut mich sehr, dass die Initiative sich über die Jahre zu einer erfolgreichen Kooperation zwischen meinem Haus und dem Bundeswirtschaftsministerium entwickelt hat! Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft mit seinem Beratungsnetzwerk in rund 90 Städten deutschlandweit ist eines der zentralen Projekte der Initiative, das gut angenommen wird und kreativen Köpfen vielerorts mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung beschert.
Mir ist wichtig, dass dabei auch ein Bewusstsein entsteht für den Wert geistiger Leistung jenseits der direkten ökonomischen Verwertbarkeit, meine Damen und Herren. Künstler und Kreative haben einen geradezu „avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen“ - diese griffige Formulierung stammt von Jürgen Habermas. Diesen Spürsinn brauchen wir umso mehr angesichts des digitalen Wandels, der unsere Gesellschaft in noch nie dagewesenem Tempo verändert. Die Künstler und Kreativen, die Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft bereiten hier nicht nur den Boden für Innovationen, sondern helfen uns mit ihrem Mut zum Experimentieren auch dabei heraus zu finden, wie wir in Zukunft leben wollen. Dafür brauchen sie Freiraum: die Freiheit, sich dem Diktat des Marktes, des Zeitgeists und des Massengeschmacks, also den Kriterien des kommerziellen Erfolgs, widersetzen zu dürfen.

Diese Freiheit zu sichern ist Aufgabe der Politik, insbesondere der Kulturpolitik. Dabei geht es aus naheliegenden Gründen zunächst einmal darum, dass man von kreativer Arbeit leben kann. Ein wichtiges Instrument, um das sicherzustellen, ist die Künstlersozialversicherung. Wer künstlerische Leistungen in Anspruch nimmt, der muss auch dafür Sorge tragen, dass Künstler von ihrer Arbeit nicht nur knapp überleben können, sondern angemessen bezahlt und sozial abgesichert werden. Ich bin froh, dass wir es in dieser Legislaturperiode in sehr kurzer Zeit hinbekommen haben, ein Gesetz zu verabschieden, das die KSK durch bessere Prüfpflichten der Deutschen Rentenversicherung stabilisiert. Der Künstlersozialabgabesatz bleibt auch im Jahr 2015 bei 5,2 Prozent stabil - ein wichtiges kulturpolitisches Signal.

Zur Sicherung der künstlerischen Freiheit gehört auch ein modernes, an das digitale Zeitalter angepasstes Urheberrecht, das dem Urheber einen fairen und gerechten Anteil an der Wertschöpfung aus seiner kreativen Leistung sichert - und damit seine Existenzgrundlage. In diesem Sinne setze ich mich für eine kultur- und medienpolitische Handschrift der im Koalitionsvertrag vorgesehenen Anpassung des Urheberrechts an das digitale Zeitalter ein. Dazu habe ich kürzlich ein ausführliches Positionspapier mit Vorschlägen für konkrete Maßnahmen vorgelegt. Es formuliert kultur- und medienpolitische Positionen, für die ich mich bei den anstehenden Gesetzgebungsvorhaben zum Urheberrecht einsetzen werde.

Nicht zuletzt, meine Damen und Herren, ist Freiheit aber auch eine Frage des Geldes: Kreativität und Experimente muss man sich leisten können. Viele so genannte „Kulturschaffende“, viele Kleinunternehmerinnen und Kleinunternehmer der Kultur- und Kreativwirtschaft sind Überzeugungstäter, die aus persönlicher Leidenschaft heraus ihr Ding machen und damit zum Teil auch ein hohes ökonomisches Risiko eingehen – manchmal bis an die Grenze zur Selbstausbeutung. Ohne solche „Überzeugungstäter“ würde unserem Land die Kraft zur Veränderung fehlen.

Davon einmal abgesehen gehört es auch zu unserem Selbstverständnis als Kulturnation, dass sich in Deutschland neben massentauglichen, kulturellen Angeboten auch kulturelle Angebote für künstlerische und intellektuelle Feinschmecker behaupten können. Kunst und Kultur dürfen, ja sie sollen und müssen zuweilen Zumutung sein. Insofern müssen wir Politiker alles daran setzen, ihre Freiheit und ihre ästhetische Vielfalt zu sichern - indem wir dafür sorgen, dass Kulturgüter auch künftig anders behandelt werden als bloße Handelsobjekte, als Gartenmöbel oder Staubsaugerbeutel.

Aus diesem Grund gibt es Regelungen wie die Buchpreisbindung, und aus diesem Grund loben wir auch für verschiedene Branchen jedes Jahr Preise und Preisgelder aus, die über die finanzielle Unterstützung und die regionale Wirkung hinaus bundesweit Aufmerksamkeit für eine Branche erzeugen. Dazu gehören die Spielstättenprogrammpreise für Musikclubs und die Kinoprogramm- und Verleiherpreise für kleine Kinos. Für 2015 habe ich außerdem eine Million Euro bereitgestellt, um erstmals einen Preis für unabhängige, inhabergeführte Buchhandlungen zu vergeben.

Mir ist es ein Herzensanliegen, die Garanten der verlegerischen und literarischen Vielfalt zu unterstützen, zu denen insbesondere die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen vor Ort gehören. Gerade sie stehen durch Internethändler wie Amazon unter enormem Wettbewerbsdruck. Um das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit für die Bedeutung dieser „geistigen Tankstellen“, dieser kulturellen Begegnungsorte in unseren Städten zu schärfen, vergibt der Bund den Deutschen Buchhandlungspreis - ausgestattet mit rund einer Million Euro, analog zu den anderen Branchenpreisen meines Hauses. Diese Preise sensibilisieren Kunden und wirken wie ein Dünger für eine vielfältige Kulturlandschaft, und genau darum geht es: um einen fruchtbaren Boden, in dem nicht nur der Mainstream, das am leichtesten Kommerzialisierbare gedeiht.

Dass wir uns in Deutschland eine staatliche Kulturförderung leisten, die ihresgleichen sucht, kann man, kultur- und kreativwirtschaftlich betrachtet, schlicht als kluge Investition in die Förderung des Rohstoffs „Kreativität“ sehen. Das mag die eine oder andere Verhandlung mit dem Finanzminister erleichtern; sollte aber niemanden dazu verleiten, Kulturpolitik als verlängerten Arm der Wirtschaftspolitik zu verstehen. Davor kann ich nur warnen. „Kunst und Wissenschaft (…) sind frei“, heißt es in Artikel 5 unseres Grundgesetzes - und die Erhebung der Kunstfreiheit in den Verfassungsrang ist kein Beitrag zur Steigerung des Bruttosozialprodukts, sondern eine Lehre aus unserer jüngeren Geschichte. Unsere Demokratie ist auf den Trümmern des Totalitarismus gebaut - das sollten wir auch 70 Jahre nach der Befreiung von der Diktatur der Nationalsozialsten und 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, mit der auch die kommunistische Diktatur auf deutschem Boden Geschichte wurde, nicht vergessen. Aus zwei deutschen Diktaturen haben wir eine Lehre gezogen, die da lautet: Die Freiheit der Kunst ist konstitutiv für eine Demokratie. Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft. Wir brauchen experimentierfreudige Künstler und unbequeme Denker! Sie sind der Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft, der verhindert, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Sie sind es, die unsere Gesellschaft vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu schützen imstande sind.

Jean Paul, ein Autor, der mir persönlich viel bedeutet, hat das lange vor den totalitären Schrecken des 20. Jahrhunderts erkannt. In seinen „Politischen Fastenpredigten“ heißt es: „Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widersprechkünstler ist undenkbar.“ Dieses Selbstverständnis wünsche ich nicht nur Ihnen, den Künstlern, den Kulturschaffenden, sondern unserer Gesellschaft insgesamt, und ich hoffe, dass die interessanten Vorträge, Diskussionen und Begegnungen im Rahmen der heutigen Tagung Sie nicht zuletzt auch in diesem Sinne inspirieren!