Rede von Kulturstaatsministerin Grütters anlässlich der Veranstaltung "Auf den Lippen Salz" - Schreiben im Exil im Rahmen des Writers in Exile-Programms des deutschen PEN

Im Wortlaut Rede von Kulturstaatsministerin Grütters anlässlich der Veranstaltung "Auf den Lippen Salz" - Schreiben im Exil im Rahmen des Writers in Exile-Programms des deutschen PEN

"Die Freiheit der Kunst zu schützen, ist oberster Grundsatz und vornehmste Pflicht unserer Kulturpolitik. Dazu gehört, dass wir verfolgten Künstlerinnen und Künstlern in unserem Land Zuflucht bieten", sagte Kulturstaatsministerin Grütters in ihrer Rede. Da die Bundesregierung dies für eine historisch begründete, besondere Verantwortung Deutschlands halte, bleibe die Finanzierung des Stipendiaten-Programms Writers in Exile auch weiterhin gesichert, versprach Grütters.

Donnerstag, 19. Februar 2015 in Berlin

- Es gilt das gesprochene Wort -

Anrede,

Künstlerinnen und Künstler zu treffen - sei es auf Lesungen oder Ausstellungen, sei es bei Preisverleihungen oder Messen -, das gehört zu den schönsten Pflichten meines Amtes als Kulturstaatsministerin. Und doch hat die Freude, Sie - liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten - heute Abend kennen zu lernen, einen bitteren Beigeschmack. Denn Sie alle sind aus einem einzigen Grund hier: weil Sie Zuflucht gesucht haben vor Verfolgung und Unterdrückung - und das, obwohl Sie alle es verdienten, mit Ihrem literarischen Schaffen zum kulturellen Stolz Ihrer Heimatländer zu gehören.

Zusammen mit dem deutschen PEN-Zentrum will die Bundesregierung Ihnen in Deutschland künstlerische Freiheiten eröffnen, die Ihnen in Ihren Heimatländern - in Syrien, Vietnam, Kolumbien, Georgien, Tunesien, Aserbaidschan und China - genommen wurden oder verwehrt blieben. Dazu finanziert mein Haus das Programm "Writers in Exile", das wir 1999 gemeinsam mit dem deutschen PEN ins Leben gerufen haben. Es bietet verfolgten Autorinnen und Autoren bis zu drei Jahre lang eine sichere Bleibe und Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland. Seit 2014 beträgt die Bundesförderung 370.000 Euro jährlich - das sind 50.000 Euro mehr als zuvor, und es freut mich sehr, dass wir damit zwei zusätzliche Stipendiatenplätze schaffen konnten.

Nicht weniger wichtig als die finanzielle Unterstützung ist die menschliche Unterstützung im Rahmen des Programms: die Orientierungshilfe in einem fremden Land, dessen Sprache nicht die eigene ist, die Kontakte zu anderen Autorinnen und Autoren, die den Schmerz des Entwurzeltseins - hoffentlich - erträglicher machen, und nicht zuletzt Menschen, die zuhören und Ihnen vermitteln, dass Sie in unserem Land willkommen sind, dass wir Ihre Arbeit wertschätzen und dass Sie darauf vertrauen können, hier sicher zu sein vor Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung.

Ohne den deutschen PEN als Partner wäre all das nicht möglich. Für Ihre vorbildliche, auch im internationalen PEN sehr geschätzte Betreuung des Programms danke ich Ihnen und dem PEN-Präsidium herzlich, lieber Herr Haslinger. Ein herzliches Dankeschön aber auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Geschäftsstelle und nicht zuletzt allen PEN-Autorinnen und -Autoren, die verfolgten Kolleginnen und Kollegen zur Seite stehen.

Ich kann Ihnen versprechen, dass die Finanzierung des Programms weiterhin gesichert bleibt - nicht nur, weil die Freiheit des Wortes mir allein schon aus Liebe zur Literatur ein persönliches Anliegen ist, sondern auch, weil die Bundesregierung es für eine historisch begründete, besondere Verantwortung unseres Landes hält, verfolgten Künstlern und Intellektuellen Schutz zu gewähren.

Wenn politische Systeme die Kunst zur Erfüllungsgehilfin ihrer Ideologie degradieren, wenn die Freiheit des Wortes beschnitten wird und unbequeme Künstlerinnen und Künstler verfolgt werden, dann büßt eine solche Gesellschaft auch ihre Humanität ein. Dafür stehen die Jahre 1933 bis 1945 unserer Geschichte. Im nationalsozialistischen Deutschland trafen Berufsverbot, Enteignung und systematische Verfolgung bis hin zur Ermordung die besten Dichter, die klügsten Köpfe, die bekanntesten Künstler. Viele von ihnen fanden Zuflucht fern der Heimat, so wie Sie heute, liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten. Sie waren damals fest entschlossen, das geistige Erbe der Heimat in der Fremde zu bewahren und zu verteidigen, während in Deutschland die Freiheit der Künste zu Grabe getragen und die Grundfeste der Demokratie in Schutt und Asche gelegt wurden. Es ging ihnen darum, das "wirkliche, wesentliche Deutschland" - so drückte der Schriftsteller Max Hermann-Neiße es aus - hinaus zu retten "in das Obdach einer noch freiheitlichen Fremde".

Das ist ihnen gelungen, zum Glück. Viele Künstler konnten nach dem Zweiten Weltkrieg am Bau unseres demokratischen Gemeinwesens mitwirken, als geistige Trümmerfrauen und –männer auf den Ruinen einer auch kulturell und moralisch zerstörten Gesellschaft. Viele sahen es dabei als heilige Pflicht der Intellektuellen, gegen die kollektive Verdrängung der Schuld in der jungen Bundesrepublik zu kämpfen. Anknüpfend an Simone Weils Diktum "Das Volk braucht Poesie wie Brot" formulierte beispielsweise Ingeborg Bachmann den selbst gesteckten Anspruch: "Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wieder erwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können."

Wir brauchen Poesie, wir brauchen Kunst wie Brot – so könnte man die Lehre beschreiben, die Deutschland aus zwei Diktaturen gezogen hat und die da lautet: Kritik und Freiheit der Kunst sind konstitutiv für eine Demokratie. Kreative und Intellektuelle sind das Korrektiv einer Gesellschaft. Wir brauchen die provozierenden Künstler, die verwegenen Denker, die unbequemen Schriftsteller, wir brauchen die Utopien, die sie entwerfen, die Fantasie, die sie antreibt, die Sehnsucht nach einer besseren Welt! Sie sind der Stachel im Fleisch unserer Gesellschaft, der verhindert, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Phantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Sie sind imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und damit auch vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren.

Die Freiheit der Kunst zu schützen, ist deshalb heute oberster Grundsatz, vornehmste Pflicht unserer Kulturpolitik. Dazu gehört, dass wir die künstlerische Freiheit nach außen verteidigen - in unseren politischen Beziehungen zu Ländern, in denen der Staat die Freiheit des Denkens einschränkt, aber auch, indem wir verfolgten Künstlerinnen und Künstlern in unserem Land Zuflucht bieten. Ich bin dankbar, dass Deutschland - und gerade die deutsche Hauptstadt Berlin, in deren Geschichte die Unterdrückung der Freiheit so tiefe Spuren hinterlassen hat - , zu einem Ort geworden ist, der Künstler, Kreative und Intellektuelle aus aller Welt anzieht.

Bis vor kurzem, meine Damen und Herren, hätten wir uns allerdings kaum vorstellen können, wie brutal die Gefährdung der Kunstfreiheit selbst dort sein kann, wo wir uns ihrer sicher glaubten - mitten in Europa. Die Liebe zur Freiheit und die Entschlossenheit, sie leidenschaftlich zu verteidigen, hat Menschen auf der ganzen Welt im Echo eines millionenfachen "Je suis Charlie!" nach den furchtbaren Anschlägen von Paris eng zusammenrücken lassen. Unsere Haltung dabei hat vielleicht keiner so schön, so treffend formuliert wie einst Friedrich Schiller: "Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit." Dafür einzustehen und zu kämpfen in aller Freiheit - das ist unser aller Anstrengung wert, und ich hoffe nicht nur -, nein - ich bin sicher, dass dazu auch das Writers in Exile-Programm beitragen kann.

Beitrag teilen