Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Verleihung des Nationalen Integrationspreises am 29. Oktober 2018

im Bundeskanzleramt

Montag, 29. Oktober 2018, 16:43 Uhr in Bundeskanzleramt

Sehr geehrte Frau Staatsministerin, liebe Annette Widmann-Mauz,

sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich hier im Bundeskanzleramt zur Verleihung des Nationalen Integrationspreises.

Integration ist eine doppelte Herausforderung: für die, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, und für diejenigen, die diese Menschen hier aufnehmen. Integration ist ein Weg, der beide also zueinander führt. Dieser Weg ist manchmal lang, mitunter steinig. Aber es ist auch ein Weg, auf dem sich Begleiter finden, die Mut zusprechen, die die Richtung weisen und die Hand reichen, um Hindernisse zu überwinden.

Wir möchten diese Helfer und Wegbegleiter auch öffentlich würdigen. Denn zum einen hilft ihre Arbeit dem einzelnen Menschen, der zu uns gekommen ist. Sie hilft dabei, sich zurechtzufinden und sich etwas aufzubauen. Zum anderen ist der Einsatz dieser Helfer für unsere Gesellschaft insgesamt von Bedeutung. Denn dadurch werden Toleranz und Zusammenhalt gefördert. Das geschieht oft ehrenamtlich und auf vielerlei Weise. Und das verdient wahrlich Auszeichnungen.

Es freut mich, dass wir heute zum zweiten Mal den Nationalen Integrationspreis verleihen. Ich möchte den vielen Institutionen, die Projekte nominiert haben, ganz herzlich danken. Die Projekte sind vielfältig, sie sind kreativ. Nach Deutschland geflohene Menschen schreiben zum Beispiel Zeitungstexte über ihre Erfahrungen; und zwar auf Deutsch. Es gibt Schwimmunterricht für geflüchtete Frauen und Wohngemeinschaften von jungen Deutschen und jungen Flüchtlingen und vieles andere mehr. Aus all diesen bemerkenswerten Initiativen einen Preisträger zu bestimmen, ist alles andere als einfach. Deshalb freuen wir uns, dass wir eine Jury haben, die sich dieser komplizierten Aufgabe widmet. Herr Weise, Frau Roth, Herr Mansour, Frau Professor Foroutan und Herr Khedira haben sich dieser Aufgabe als Jury auch in diesem Jahr wieder gestellt.

Der Weg der Integration hat viele große und kleine Etappen: die Sprache zu lernen, einen Ausbildungsplatz zu finden, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, Freunde zu gewinnen, an deutschen Festen teilzunehmen; und ich mag mir angesichts unserer Bürokratie gar nicht vorstellen, was alles man da verstehen muss. Selbst uns fällt wahrscheinlich auf, wie viel einfacher man manches machen könnte. Über all diese Etappen hinweg kommt vor allem eines zum Tragen: das sind Werte und Grundüberzeugungen, die wir in unserem Land teilen und auf denen unser friedliches Zusammenleben hier beruht.

Wertevermittlung war der Schwerpunkt der diesjährigen Preisträgerwahl. In den nominierten Projekten wird vorgelebt, dass für alle Menschen in unserem Land dieselbe Grundlage gilt, nämlich unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. – Annette Widmann-Mauz hat das eben auch schon gesagt. – Dazu gehören ein respektvoller, selbstverständlich auch gewaltfreier Umgang miteinander, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungs- und Glaubensfreiheit. Wenn Kinder auf dem Schulhof als Juden beschimpft werden, muss die Schule sofort reagieren. Wenn Frauen mit Kopftuch oder Männer mit Kippa angepöbelt oder angegriffen werden, muss unser Rechtsstaat mit aller Konsequenz einschreiten. Vor allem aber gilt, dass wir Männer und Frauen mit Zivilcourage brauchen. Dazu gehört auch, klar zu widersprechen, wenn Muslime oder Flüchtlinge pauschal unter Antisemitismusverdacht gestellt werden.

Ja, von Einwanderern und Flüchtlingen muss die Einhaltung von Recht und Gesetz und die Beachtung unserer Werte verlangt werden. Umgekehrt haben sie aber auch den berechtigten Anspruch, respektvoll behandelt zu werden und die Chance zu bekommen, sich ein neues, menschenwürdiges Leben aufzubauen. In dieser Verantwortung stehen wir als aufnehmende Gesellschaft.

Um den Stellenwert des Engagements in diesem Bereich zu unterstreichen, haben wir 2016 den Nationalen Integrationspreis ins Leben gerufen. Damals hat die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen viele Kräfte gebunden. Viele Menschen und Organisationen haben dabei Unglaubliches geleistet. Wir haben damals mit der Meseberger Erklärung zur Integration ein Paket geschnürt, das auf dem Grundsatz „Fördern und Fordern“ beruht. Dabei war das Integrationsgesetz ein wichtiger Baustein. Wir wollten vor allen Dingen erreichen, dass Flüchtlinge schneller in Integrationskurse und Sprachkurse und schneller in Ausbildung und Arbeit kommen. An einigen Stellen sind wir – das muss man sagen – schon beträchtlich vorangekommen. Wir haben neulich im Gespräch mit Verbänden, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, feststellen können, dass jetzt schon 300.000 Flüchtlinge in Arbeit sind; viele in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen. Das ist sehr, sehr gut. Zudem wollen wir gesellschaftliches Engagement unterstützen und würdigen und haben deshalb im vergangenen Jahr die Stadt Altena für ihr Leitbild „Vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger“ ausgezeichnet.

Der Einsatz für Integration und Wertevermittlung ist sicher nicht immer leicht. Der Ton ist auch etwas gereizter geworden. Aber gerade deshalb sind Vorbilder so wichtig. Wir haben heute viele Vorbilder hier: Menschen, die Integration unterstützen, und Menschen, die selbst den Weg der Integration gegangen sind. Deutschland wäre um vieles ärmer ohne seine Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund. In diesem Bewusstsein dürfen wir bei der Integration und ihrem Gelingen nicht nachlassen. Im Übrigen ist immer wieder die Frage interessant: Wie lange integriert man sich, wann ist man integriert? Ich würde sagen, wenn man ganz normal teilhat, Teilhabe geschafft hat, dann ist Integration gelungen. Aber das ist immer wieder eine spannende Diskussion im Zusammenhang mit Integration.

Wenn wir heute den Preis vergeben, wollen wir auch ein Zeichen setzen, dass es sich lohnt, im Bereich der Integration zu arbeiten, und dass dies ein Gewinn für alle ist. Natürlich soll ein solcher Preis auch ein Ansporn für noch mehr sein, sich in diesem Gebiet zu tummeln.

Ich danke Ihnen hier nochmals herzlich für Ihren Einsatz. Ich bin neugierig darauf, mehr über die Projekte zu erfahren, freue mich auf das Podiumsgespräch und übergebe das Wort wieder an Linda Zervakis.

Herzlichen Dank.

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