Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels am 1. Juni 2016

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrte Damen und Herren Bundesräte,

Exzellenzen,

sehr geehrte Festgäste,

zumeist ist von Brücken die Rede, wenn man etwas Verbindendes zum Ausdruck bringen will. Ein Tag wie heute aber lässt uns unseren Sprachgebrauch noch einmal überdenken. Denn in diesem Fall ist es ein Tunnel, der Entfernungen schrumpfen lässt und uns einander näherbringt – und was für ein Tunnel: ein wahres Wunderwerk der Technik, ein Bauwerk der Superlative.

Deshalb möchte ich zu Beginn allen danken, die an diesem Bauwerk mitgewirkt haben: den Architekten, den Planern, den Bauarbeitern, den Konstrukteuren der Bohrmaschinen, den Sprengmeistern und denen, die 28 Millionen Tonnen Geröll weggefahren haben.

Aber wir wissen auch: Ein solches Bauwerk lässt sich nicht ganz ohne Unfälle errichten. Deshalb möchte ich an diesem Tag auch derer gedenken, die bei diesem Bau ihr Leben verloren haben, und möchte den Angehörigen Trost zusprechen.

Der neue Gotthard-Basistunnel ist der längste Eisenbahntunnel der Welt. Er erhöht das Tempo, mit dem Menschen und Waren quer durch Europa gelangen. Er erhöht den Takt unserer Zusammenarbeit und unseres Zusammenlebens. Er schafft neue Dimensionen der Freizügigkeit.

In diesen Monaten sprechen wir viel über Grenzen in Europa. Wir müssen unsere Außengrenzen schützen, aber wir erleben auch, dass unsere Binnengrenzen wieder an Bedeutung gewinnen. Durchlässige Binnengrenzen aber sind ein Kernelement der europäischen Integration und der Belebung unseres gemeinsamen Marktes. Ich wünsche mir, dass wir Verbindendes sehen und dass wir das Verbindende zu nutzen verstehen. Dafür steht symbolhaft der Gotthard-Basistunnel.

Neben der hohen Symbolkraft des Tunnels für das Schweizer Selbstverständnis ist er weitaus mehr. Das ist in Ihrem offiziellen Prospekt wunderbar beschrieben: „Norden und Süden gehen aufeinander zu: Mittelmeer trifft mitteleuropäische Industrielandschaften, Fellini-Figuren stoßen auf strenge Leistungsträger, Monteverdi auf Bach, Tarantella auf Alpentänze, Montanara auf Gloria.“ Schöner kann man es nicht sagen, wenn wir davon sprechen, dass unser europäisches Selbstverständnis immer die Vielfalt ist, die uns vereint – und so soll es auch bleiben.

Meine Damen und Herren, in die Entscheidung für dieses Jahrhundertprojekt waren in bester Schweizer Tradition die Bürgerinnen und Bürger direkt eingebunden. Dem Tunnelbau selbst kamen auch beste Schweizer Werte wie Innovationsstärke, Präzision und Zuverlässigkeit zugute.

Wir in Deutschland wissen – das sage ich als deutsche Bundeskanzlerin –, dass wir noch Aufgaben zu erledigen haben. Eine Zeitung schrieb zum Gotthardtunnel: „Das Herz ist da, aber die Aorta nicht fertig.“ Es gibt auch ein Stück deutsche Aorta. Und wir werden – gerade in diesem Moment entdecke ich unter den Festgästen auch unseren Verkehrsminister aus Deutschland – mit noch mehr Elan an unseren Aufgaben arbeiten.

Es bleibt mir nur noch zu sagen: Danke schön, dass wir heute hier dabei sein durften. Dies ist ein Freudentag, so wie es auch der Bundespräsident gesagt hat. Dafür, dass wir uns mitfreuen dürfen, danken wir allen Schweizer Verantwortlichen.

Herzlichen Dank.