Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich der Eröffnung der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand am 1. Juli 2014

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
sehr geehrte Frau Staatsministerin,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags,
sehr geehrter Herr Professor Tuchel und
Herr Professor Steinbach,
sehr geehrte Angehörige und Zeitzeugen,
meine Damen und Herren,

an Gedenkstätten wie diesen sehen wir uns mit der Vergangenheit konfrontiert, ohne aber den sicheren Boden der Gegenwart unter den Füßen zu verlieren. Denn Gedenkstätten wie diese schaffen es, uns bewusst zu machen, auf welchem Fundament wir uns heute bewegen. Solche Gedenkstätten schärfen unsere Sinne, um uns nicht wieder geschichtlich auf Abgründe hin zu bewegen.

Das ist der Grund, warum ich sehr gerne der Einladung gefolgt bin, mit Ihnen die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu eröffnen. Sie führt uns den Mut derer vor Augen, die in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus Wege suchten, um Terror und Gewalt ein Ende zu setzen. Und sie erinnert uns daran, wie unerbittlich damals ein solcher Mut bestraft wurde.

Nur wenige Schritte entfernt von uns liegt der Hof, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften erschossen wurden – und zwar noch in der Nacht nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Sie und alle Beteiligten des 20. Juli 1944 waren davon überzeugt, dass es sich in jedem Fall lohnen werde, das Risiko einzugehen und ein Zeichen zu setzen.

Diese Haltung hat Henning von Tresckow in den folgenden Worten zusammengefasst: „Das Attentat muss erfolgen. […] Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zeck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“

Die am Widerstand Beteiligten fühlten sich also zuletzt einzig ihrem Gewissen und nicht oder nicht mehr dem Staat und seiner Diktatur verpflichtet. Dieses Verständnis hat Claus Schenk Graf von Stauffenberg so auf den Punkt gebracht: „Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“ Und in der Tat: Es war auch nach Kriegsende nicht selbstverständlich, dass den Frauen und Männern des 20. Juli 1944 die ihnen gebührende volle Anerkennung zuteilwurde.

Umso wichtiger war und ist es, jedes Jahr am 20. Juli derer zu gedenken, die während der dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte nicht mitmachten, nicht wegschauten, nicht schwiegen, sondern die widerstanden und dafür ihr Leben aufs Spiel setzten und in letzter Konsequenz auch verloren. Dies geht weit über Graf von Stauffenberg und sein Umfeld hinaus.

Deshalb ehren wir an diesem Tag alle Männer und Frauen, die auf ihre Weise Zeichen gegen Terror, Verfolgung, Erniedrigung und Gewalt in Deutschland gesetzt haben. Sie stammten aus verschiedenen Bevölkerungsschichten. Sie handelten aus unterschiedlichen Motiven – aus politischen, ethischen oder religiösen. Die einen planten Attentate, die anderen verteilten Flugblätter. Wieder andere versteckten Verfolgte oder dachten über eine politische Neuordnung nach. Es gab diejenigen, die sich als Gleichgesinnte zusammentaten – wie etwa den Kreisauer Kreis, die Weiße Rose oder die Rote Kapelle. Es gab Einzelkämpfer wie Georg Elser, der mit seinem Attentat auf Hitler 1939 nach eigenen Worten versuchte, den Krieg zu verhindern. Und es gab die sogenannten stillen Helden, die im Kleinen Zeichen der Zivilcourage setzten.

So vielfältig die persönlichen Hintergründe dieser Menschen auch waren, so sehr einte sie alle das Aufbegehren gegen den Nationalsozialismus, gegen willkürliche Verfolgung, gegen millionenfachen Mord. Durch ihr Handeln zeigten sie, dass es noch ein anderes Deutschland gab. Damit schufen sie Anknüpfungspunkte für einen Neuanfang nach 1945 – für ein Deutschland, das die unantastbare Würde des Menschen als ersten Satz in seinem Grundgesetz verankert hat und seither in der Welt als verlässlicher Partner wahrgenommen wird.

Doch wir sollten nie vergessen, dass es nur eine kleine Minderheit war, die dem Nationalsozialismus die Stirn bot. Viel zu viele Deutsche haben den Aufstieg der Nationalsozialisten 1933 mitgetragen oder gar begeistert gefeiert. Viel zu viele schauten in den Jahren danach einfach weg oder zuckten nur mit den Schultern, wenn ihre jüdischen Nachbarn benachteiligt, verfolgt, abgeholt, deportiert, gequält und ermordet wurden.

Das Schweigen, die Gleichgültigkeit, das Wegschauen der großen Mehrheit – das war dann auch die Grundlage, ohne die der Holocaust und der Weltkrieg nicht möglich gewesen wären. Dies auszusprechen, fällt auch heute noch schwer. Es tut weh. Es ist eine schwere Bürde. Und diese Bürde lastet auf uns. Sie überträgt uns eine immerwährende Verantwortung für die Zukunft.

Dies sind wir nicht allein den Millionen Opfern des Nationalsozialismus schuldig, den Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Menschen mit Behinderung, politisch Andersdenkenden, Christen, den Männern und Frauen des Widerstands. Nein, dies sind wir auch uns selbst heute schuldig. Denn wir alle stehen stets in der Pflicht und Verantwortung, unsere freiheitliche, rechtsstaatliche und demokratische Ordnung immer wieder aufs Neue zu stärken.

Dazu gehört, schon im Ansatz zu verhindern, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Gesinnung oder ihrer sexuellen Orientierung diffamiert und ausgegrenzt werden. Ansonsten wären es nur wenige Schritte, bis Menschen wieder Verfolgung erleiden oder gar um ihr Leben fürchten müssten. Wir alle wissen: Auch heute haben wir damit viel zu tun.

Aus diesem Grund müssen wir uns entschieden gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus wenden. Aus diesem Grund unterstützen wir Zivilcourage, bürgerschaftliches Engagement und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dazu gehört eben auch, Erinnerung wachzuhalten. Wir sprechen bewusst von immerwährender Verantwortung. Jede Generation muss sich ihr aufs Neue stellen.

Dafür ist es unerlässlich, dass junge Menschen lernen, welches Leid von Deutschland ausging, dass sie verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass sie extremistische Denkweisen entlarven können, dass sie für sich Wege finden, wie sie selbst extremistischen Verführungen und Verführern entgegentreten können.

Als Orte einer solchen Bewusstseinsbildung fördert die Bundesrepublik Deutschland eine breite Vielfalt von Gedenkstätten – darunter auch diese Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Zum 70. Jahrestag des 20. Juli 1944 wurde nun eine neue Dauerausstellung geschaffen. Dafür danke ich der Leitung der Gedenkstätte, Herrn Professor Steinbach und Herrn Professor Tuchel, sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, im Anschluss noch einen Rundgang durch die Ausstellung zu machen.

Meine Damen und Herren, Helmuth James Graf von Moltke soll gegenüber einer Mitgefangenen im Konzentrationslager Ravensbrück einmal gesagt haben: „Hoffnung ist nicht mein Metier“. Und er soll damals sogar die Kraft für ein „ironisches Lächeln“ gehabt haben – zumindest ist es so überliefert.

Tatsächlich schien die Lage damals in vielerlei Hinsicht hoffnungslos zu sein. Und doch ist es den Männern und Frauen des deutschen Widerstands zu verdanken, dass wir heute mit Hoffnung und – mehr noch – mit Zuversicht in die Zukunft blicken können. Denn ihr Beispiel zeigt uns, dass es auch unter widrigsten Umständen Menschen gibt, die aufrichtig und verantwortungsvoll, die einfach menschlich dachten, fühlten und handelten. Sie sind uns Vorbild, Mutmacher und Mahner. Ihnen bewahren wir ein ehrendes Gedenken.

Herzlichen Dank.