Im Wortlaut

Rede der Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Präsentation der Ergebnisse des Forschungs- und Dokumentationsprojekts "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze"

Bei der Vorstellung der Studie zu den Todesopfern an der innerdeutschen Grenze hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters dazu aufgerufen, die Erinnerung an die Schrecken des Grenzregimes aufrecht zu erhalten. "Wir sind es den Menschen schuldig, die für Freiheit ihr Leben ließen", so Grütters. Gleichzeitig stünden wir aber auch in der Verantwortung für eine demokratische Zukunft.

Mittwoch, 7. Juni 2017 in Berlin

Das Titelbild der Publikation, das Sie hier an die Wand projiziert sehen, zeigt einen durchschossenen DDR-Sozialversicherungsausweis: Er gehörte dem 23-jährigen Fred Woitke, einem Straßenbauarbeiter, Vater zweier kleiner Töchter, getötet von neun Kugeln bei einem Fluchtversuch am Grenzübergang Marienborn am 21. April 1973. Es ist ein Bild, das von der Gnadenlosigkeit des Grenzregimes in der SED-Diktatur erzählt – so wie die Schicksale der Menschen, die an der innerdeutschen Grenze ihr Leben lassen mussten und deren Identität und Biographien der Forschungsverbund SED-Staat jetzt erstmals umfassend dokumentiert hat. Für Ihre jahrelange aufwändige Archivarbeit danke ich Ihnen und Ihrem Team herzlich, lieber Herr Prof. Schroeder, lieber Herr Dr. Staadt. Den beteiligten Ländern Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Hessen bin ich dankbar für die gute Zusammenarbeit bei der Projektfinanzierung.

Unser gemeinsames Anliegen war es, den Todesopfern des DDR-Regimes an der innerdeutschen Grenze Namen und Gesicht wieder zu geben und ihrer auf diese Weise würdig gedenken zu können. Stellvertretend für sie alle will ich nur das jüngste und das älteste ermittelte Todesopfer erwähnen: Emanuel Holzheuer wurde nur sechs Monate alt. Er erstickte im Juli 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeugs. Ernst Wolter, ein 81jähriger Bauer aus Lüchow-Dannenberg, geriet im Juni 1967 versehentlich in ein Minenfeld. Landminen rissen ihm beide Beine ab. Er verblutete unter den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der den verminten Grenzstreifen nicht zu betreten wagte.

In solchem Leiden und Sterben an der innerdeutschen Grenze zeigte der real existierende Sozialismus der DDR sein wahres Gesicht: Wer es wagte, dem Traum von der Freiheit Worte und Taten folgen zu lassen, wurde zum Verbrecher gestempelt. Und wer gar den Versuch unternahm, Repression und Unfreiheit hinter sich zu lassen, war im wahrsten Sinne des Wortes zum Abschuss frei gegeben.

Die Erinnerung an die Schrecken des Grenzregimes an der ehemaligen innerdeutschen Grenze aufrecht zu erhalten, ist ein zentrales Anliegen bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Wir sind es den Menschen schuldig, die für Freiheit und Selbstentfaltung ihr Leben ließen. Wir stehen aber auch in der Verantwortung für eine demokratische Zukunft. Denn die Freiheit braucht auch dort Verteidiger, wo die Selbstentfaltung nicht an Mauern, Stacheldraht und Minenfeldern endet.

Spätestens seit Demagogen, Populisten und Nationalisten auch in Deutschland wieder Beifall für ihre Angriffe auf demokratische Institutionen und Errungenschaften bekommen, ist offensichtlich, wie wichtig die bitteren Erkenntnisse aus der Aufarbeitung von NS-Terrorherrschaft und SED-Diktatur sind. Das historische Wissen liefert für ein "Wehret den Anfängen" überzeugende Argumente. Die Auseinandersetzung mit Einzelschicksalen - die Erinnerung an Menschen, deren Sehnsucht nach Freiheit größer war als die Angst vor den Unterdrückern der Freiheit - kann motivieren, persönliche Handlungsspielräume nicht nur zu erkennen, sondern auch zu nutzen. Deshalb fördern wir Gedenkorte, die entlang des früheren Verlaufs des "Eisernen Vorhangs" an das DDR-Grenzregime erinnern: in Marienborn beispielsweise, einst der größte und bedeutendste Grenzübergang an der Autobahn von Berlin nach Hannover, oder auch in Mödlareuth, einem kleinen Ort, der - durch die Grenze auseinandergerissen - als "Little Berlin" traurige Berühmtheit erlangte.

Die institutionelle Bundesförderung der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn und des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth trägt dazu bei, die Erinnerung an die Schrecken des Grenzregimes lebendig zu halten. Beide Einrichtungen werden mit finanzieller Unterstützung auch aus meinem Etat in naher Zukunft neue Dauerausstellungen bekommen, um gerade die jüngere Generation noch besser zu erreichen. Dabei hilft auch das aus dem BKM-Haushalt finanzierte Koordinierende Zeitzeugenbüro, das - als gemeinsame Servicestelle der Bundesstiftung Aufarbeitung, der Stiftung Berliner Mauer und der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen - im gesamten Bundesgebiet Zeitzeugengespräche vermittelt. Denn in der Auseinandersetzung mit einer Diktatur geht wohl nichts mehr unter die Haut, als einem Menschen zuzuhören, der ihre Repressionen selbst erlebt hat - zum Beispiel nach einem gescheiterten Fluchtversuch im Gefängnis. 

In eben diesem Sinne hoffe ich, meine Damen und Herren, dass möglichst vielen, gerade jungen Menschen auch die Schicksale der Todesopfer des DDR-Grenzregimes unter die Haut gehen. Fred Woitke, Ernst Wolter und all die anderen, die an der innerdeutschen Grenze ums Leben kamen, können nicht selbst davon erzählen. Aber (im übertragenen Sinne) "zuhören" können wir ihnen trotzdem - dank der Publikation des Forschungsverbunds SED-Staat, die ihre Lebensgeschichten nachzeichnet. Mögen die darin dokumentierten Schicksale Gehör finden und vermitteln, wie hart erkämpft die Freiheit ist - und dass es sich immer wieder dafür zu kämpfen lohnt!

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