Rede der Kulturstaatsministerin bei der Konferenz „Kulturelles Erbe in Europa: Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft“

In ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament hat Kulturstaatsministerin dazu aufgerufen, das Europäische Kulturerbjahr als "Bürgerfest der Verständigung über unsere europäischen Wurzeln und Werte zu feiern." Unzählige Initiativen und Projekte würden zeigen, dass die Europäische Union viel mehr sei als ein Zweckbündnis zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen, so Grütters.

Dienstag, 26. Juni 2018 in Brüssel

Schwarz auf weiß, so stehen die Grundlagen eines geeinten Europas in den Europäischen Verträgen. Live und in Farbe erlebt man das Fundament eines geeinten Europas in seinen Institutionen, so wie hier in Brüssel. Worauf Europa aber im wahrsten Sinne des Wortes gebaut ist, offenbart sich weder zwischen den Zeilen des Vertrags von Maastricht noch auf den Fluren des Europäischen Parlaments. Vielmehr ist es unser gemeinsames, europäisches Kulturerbe, sind es Bauwerke und Denkmäler, lebendige Bräuche und Traditionen, sind es materielle und immaterielle Schätze aus über 2.000 Jahren Geschichte, in denen sinnlich erfahrbar wird, was uns in Europa verbindet - so wie auch in der Musik, mit der das European Union Youth Orchestra das europäische Kulturerbe heute für uns im wahrsten Sinne des Wortes zum Klingen bringt.

Hörbar und sichtbar, spürbar und erfahrbar zu machen, was uns Europäer verbindet, ist vielleicht wichtiger denn je in diesen Zeiten, in denen sich die Europäische Union angesichts des Erstarkens nationalistischer Kräfte und auch angesichts nur schwer überwindbarer Interessengegensätze - etwa im zähen Ringen um eine europäische Asylpolitik - neu bewähren muss. Deshalb will ich mit meiner Reise nach Brüssel zur heutigen Konferenz „Europäisches Erbe in Europa“ einmal mehr unterstreichen, wie sehr das breite gesellschaftliche Engagement für das gemeinsame Kulturerbe und wie sehr der Zusammenhalt der Europäischen Union mir am Herzen liegen. Vielen Dank für die Einladung, verehrter Herr Präsident.

Gerade das aktuelle Europäische Kulturerbejahr 2018, meine Damen und Herren, lädt ja dazu ein, der Seele Europas in den allgegenwärtigen Zeugnissen vergangener Epochen nachzuspüren. Dafür haben wir in den vergangenen Jahren in den Brüsseler Gremien und in zahlreichen Gesprächen mit meinen Amtskolleginnen und Amtskollegen intensiv geworben, und ich bin dankbar, dass die Europäische Kommission, das Parlament und alle europäischen Mitgliedsstaaten diese gemeinsame Initiative in großer Einigkeit unterstützen. Zu den glanzvollen Höhepunkten dieses Jahres gehört sicherlich der European Cultural Heritage Summit, der rund 70 Identität und Zusammenhalt stiftende Projekte und Veranstaltungen von mehr als 100 Institutionen aus ganz Europa vereint und zu dem ich vergangene Woche etwa 400 Teilnehmende aus ganz Europa in Berlin begrüßen durfte. Dort haben wir unter anderem betont, wie wichtig ein gutes, wirksames Urheberrecht ist, um sicher zu stellen, dass Künstlerinnen und Künstler auch künftig von ihrer Leistung leben können. Und wir haben nach Antworten auf die Frage gesucht, wie wir Werte und Tugenden, die wir im analogen Leben mühsam erarbeitet haben, in die digitale Welt retten können.

Das Zusammenwirken von Staat und Zivilgesellschaft ermöglicht es uns, das Europäische Kulturerbejahr als eine Art Bürgerfest der Verständigung über unsere europäischen Wurzeln und Werte zu feiern. Unzählige Initiativen und Projekte zeigen, dass die Europäische Union viel mehr ist als eine Freihandelszone oder ein Zweckbündnis zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen. Vor allem aber setzen sie dem vielerorts – leider auch in Deutschland - wieder aufkeimenden Nationalismus den Stolz auf die vielfältige, im Austausch mit anderen Kulturen gewachsene europäische Kultur entgegen.

Ich bin überzeugt: Gerade in diesen Zeiten, in denen schwelende Konflikte Europas Einheit bedrohen, kann die Vergegenwärtigung des gemeinsamen kulturellen Erbes Zusammenhalt stiften. Die Meisterwerke der Kunst und Architektur und die darin sichtbaren Spuren bereichernden Austauschs wie auch die darin eingebrannten Narben leidvoller Kriege führen uns eindringlich vor Augen, dass Europa für eine zivilisatorische Errungenschaft steht, die sich nach dem unfassbaren Leid zweier Weltkriege und nach dem Grauen der nationalsozialistischen Barbarei vermutlich nicht einmal die visionären Unterzeichner der Römischen Verträge hätten träumen lassen. Wir Europäerinnen und Europäer haben es geschafft, das Gemeinsame über das Trennende zu stellen und eben dadurch unterschiedlichen Kulturen und Religionen, Lebensentwürfen und Weltanschauungen eine Heimat zu bieten. Diese Einheit in Vielfalt durch Verständigung macht Europa - und den Frieden im Europa - im Kern aus.

Deshalb muss allen, die politisch Verantwortung tragen, klar sein: Wer in Konfliktsituationen den Glauben an die Möglichkeit gemeinsamer europäischer Lösungen preisgibt, katapultiert Europa zurück in eine Zeit, in der das Recht des Stärkeren regierte – und ignoriert die Zeugnisse jener Jahrhunderte, in der dieses Prinzip brutale europäische Realität war. Einheit in Vielfalt durch Verständigung: Das ist nicht das Ergebnis unseres wirtschaftlichen Wohlstandes; es ist vielmehr dessen Voraussetzung. Vor allem aber ist die Bereitschaft, der Verständigung Vorzug vor der Macht des Stärkeren zu geben, Ausdruck von Humanität. Daran zu erinnern und in der Vergegenwärtigung leidvollen Scheiterns wie auch hoffnungsvoll stimmender Erfolge europäischer Verständigung Ankerpunkte des Erinnerns sichtbar zu machen, auf die sich Menschen aus allen europäischen Ländern gemeinsam beziehen können, ist das Beste, was wir für ein starkes, demokratisches Europa und für starke Demokratien in Europa tun können. Als Inspiration mag uns das Orchester dienen, das diese Konferenz musikalisch begleitet. Hier gelingt, was wir uns für Europa wie auch für Europas Rolle in der Welt wünschen: das Zuhören und Einfühlen, das Lauschen auf andere Stimmen, auf Takt und Tonart, auf laut und leise, das Miteinander des Unterschiedlichen. In diesem Sinne, meine Damen und Herren, hoffe ich, dass das European Union Youth Orchestra heute nicht nur musikalisch den Takt vorgibt. Ich wünsche Ihnen eine erkenntnisreiche Konferenz, die das gemeinsame Engagement für ein geeintes, demokratisches Europa stärkt - ein Engagement, das Europa Frieden, Freiheit und Wohlstand geschenkt hat und auf das Europa seine Zukunft bauen kann!

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