Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr von Geldern,
sehr geehrter Herr Professor Fielmann,
sehr geehrter Herr Erhardt,
sehr geehrte Abgeordnete,
meine Damen und Herren,

das Pflanzen eines Baums hat neben seiner praktischen Bedeutung seit jeher auch Symbolwert: Brautpaare pflanzen Bäume als Zeichen einer gewachsenen und weiter gedeihenden Partnerschaft. Eltern pflanzen Bäume für ihre Kinder. Und nun pflanzen wir in unserem Land auch Bäume als Sinnbild für die Deutsche Einheit. So wie Einzelne die Symbolik für die schönsten Momente ihres Lebens nutzen, so nutzen wir Deutsche die Symbolik für den schönsten Moment unserer jüngeren Geschichte.

Hier in Bonn vollenden wir heute mit einer Eiche ein lebendiges Denkmal, das in dieser Form bereits in vielen anderen Orten unseres Landes entstanden ist oder in nächster Zeit noch entstehen wird. Es sind jeweils eine Kiefer, eine Buche und eine Eiche, die kleine Inseln der Erinnerung und Begegnung bilden. Diese wiederkehrende Form verbindet sie alle. So veranschaulicht ein Einheitliches Wiedervereinigungsdenkmal unser zusammengewachsenes und zusammenwachsendes Land.

Damit verwirklicht sich eine schöne Idee, die mir von Anfang an gefallen hat. Eingebracht hat sie Herr Erhardt beim Zukunftsdialog, den ich in der vergangenen Legislaturperiode mit Vertretern gesellschaftlicher Gruppen geführt habe. Im Mittelpunkt der Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern sowie mit Experten verschiedener Fachrichtungen stand damals die Frage: Wie wollen wir leben? Die Diskussionen waren sehr ertragreich und brachten viele Vorschläge zutage – so eben auch den von Herrn Erhardt.

Seiner Idee und ihrer Umsetzung hat sich die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald angenommen. Dafür danke ich sehr herzlich. Ich habe sehr gerne die Schirmherrschaft übernommen. Es ist stets eine belebende Erfahrung, wenn aus einer guten Idee etwas Reales wird, wenn sie Gestalt annimmt. Dies ist eine belebende Erfahrung für die Vordenker, für diejenigen, die die Idee umsetzen, und für alle, die sich dann an den Früchten der Arbeit erfreuen können.

Sich einzubringen, etwas zu bewegen und zu gestalten – für sich und für andere –, setzt eines voraus: Freiheit. In wenigen Tagen feiern wir den Mauerfall vor 25 Jahren. Heute scheint uns die Errungenschaft der Freiheit geradezu selbstverständlich zu sein – Gott sei Dank. Der Rückblick auf die Ereignisse im Herbst 1989 macht uns in besonderer Weise bewusst, dass das Streben nach Freiheit ein ureigenes menschliches Bedürfnis, ja, Wesen und Charakterzug des Menschen ist. Aber was kümmerte das einst die Machthaber in der DDR?

Diejenigen, die das Menschenrecht auf Freiheit für alle mutig einforderten, mussten harte Konsequenzen befürchten. Der Ausgang der Proteste war ungewiss. Doch der Drang zur Freiheit überwog. Der Aufbruch gelang – und mit ihm der Ausbruch aus der Enge des Systems. Diese Enge bekam jeder anders zu spüren und nahm oft höchst skurrile Formen an. Davon weiß zum Beispiel der Neurobiologe Gerald Hüther zu berichten, der ebenfalls am Zukunftsdialog beteiligt war. Zu DDR-Zeiten wollte er in Leipzig zusammen mit anderen einen Abenteuerspielplatz auf einer brachliegenden Fläche einrichten. Seine Erfahrung war – ich zitiere ihn: „Die Behörden behandelten uns jedoch wie Staatsfeinde.“

Bürgerliches Engagement war in der DDR nur in vorgefertigten Mustern willkommen. Alles andere war der Staatsmacht verdächtig. Der Staat bevormundete seine Bürgerinnen und Bürger, wo es nur ging. Er setzte Grenzen – im wörtlichen Sinne, aber auch materiell und geistig. Er maßte sich an, alles besser zu wissen, selbst in sehr persönlichen Fragen. Ein Staat, der Freiräume über alle Maßen einengt, ist ein unmenschlicher Staat. Er missachtet Talente. Er verschenkt Ideenreichtum und unterdrückt Engagement. Er verliert Erneuerungs- und Schaffenskraft. Kurz: Er verspielt Zukunft.

Ihre Zukunft endlich in eigene Hände nehmen zu können – dafür gingen 1989 viele mutige Menschen in Leipzig, Berlin, Plauen und vielen anderen Orten im Osten auf die Straße. Doch auch Bonn zähle ich zu den Schauplätzen der Deutschen Einheit. Hier, in der ehemaligen Bundeshauptstadt, wurde über politische und rechtliche Voraussetzungen für eine Vereinigung verhandelt. Hier wurde der Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion unterzeichnet. Für die damalige Bundesrepublik war dies eine Selbstvergewisserung der Grundlagen, die zu Freiheit und Wohlstand geführt haben. Für die Menschen in der DDR war es der Aufbruch in ein neues Zeitalter. Und für Deutschland insgesamt war es der entscheidende Schritt, der den Weg zur staatlichen Einheit unumkehrbar machte.

Daher freue ich mich, Herr Oberbürgermeister und liebe Bonnerinnen und Bonner, dass auch und gerade hier in Bonn das Einheitliche Wiedervereinigungsdenkmal Gestalt annimmt. Die Kinder, die heute mit dabei sind, werden beobachten können, wie mit ihnen auch die Bäume wachsen. Es ist ein Ort des gedeihlichen Miteinanders auf dem Boden von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Es ist ein Ort, der Freiheit atmet, der uns spüren lässt, wie kostbar das hohe Gut der Freiheit ist – der uns aber auch bewusst macht, dass die Freiheit des einen immer auch die Freiheit des anderen berührt. Daher mahnt uns dieser Ort auch, Maß und Mitte zu wahren, Austausch zu pflegen und Ausgleich zu suchen.

Wir müssen in diesen Tagen nicht einmal über Europa hinaus blicken, um zu sehen, wie verletzlich Freiheit ist, wie schnell ein gesellschaftliches Gefüge in eine gefährliche Schieflage geraten kann. Ob in der Ukraine oder auch im Nahen Osten und in anderen Konfliktregionen der Welt – so verhärtet und ausweglos viele Krisen zu sein scheinen, mit keiner einzigen dürfen wir uns abfinden.

Gerade wir Deutschen haben doch mit den Ereignissen von 1989 und 1990 die wunderbare Erfahrung gemacht, dass nichts so bleiben muss, wie es ist, dass ein Wandel zum Guten möglich ist. Das bestärkt uns in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern in der Welt. – Bonn ist inzwischen ein internationaler Ort geworden, an dem viele internationale Verhandlungen stattfinden. Dieser internationale Chor hier spricht auch für sich. –

Das spornt uns an, auch in unserem eigenen Land immer wieder Gestaltungsspielräume für Verbesserungen zu nutzen – im Kleinen wie im Großen. Was konkret unter Verbesserungen in unserem Land zu verstehen ist, da gehen die Meinungen nicht selten auseinander. Trotzdem muss Politik Entscheidungen treffen können. Sollen sich diese als tragfähig erweisen, dann gilt es, möglichst genau in Erfahrung zu bringen, was die Bürgerinnen und Bürger bewegt.

Genau daran knüpft auch eine andere Anregung aus dem Zukunftsdialog an, die die Bundesregierung nun weiterverfolgen wird. Wir wollen bundesweit auf zahlreichen Veranstaltungen von Bürgerinnen und Bürgern erfragen, was ihnen im Leben besonders wichtig ist. Die Ergebnisse sollen dazu dienen, die Vorstellungen von gutem Leben, von Lebensqualität in Deutschland greifbarer zu machen, um daraufhin konkrete Maßnahmen zu deren Verbesserung zu entwickeln.

Meine Damen und Herren, dass viel Gutes daraus entstehen kann, wenn Bürgerinnen und Bürger mit ihren Ideen nicht hinterm Berg halten, sondern sich mit Rat und Tat für unser Gemeinwesen einbringen, davon kündet ja auch das Einheitliche Wiedervereinigungsdenkmal. Zwar wachsen auch in einem wiedervereinten Deutschland die Bäume nicht in den Himmel. Aber wir dürfen durchaus stolz darauf sein, wie sich unser Land seit 1990 entwickelt hat, und müssen alle Kraft darauf lenken, dass es sich auch weiterhin zum Guten entwickelt.

Herzlichen Dank.