"Wenn die Patienten gesund werden, ist das für mich das Größte"

Pflege-Azubis mit eigener Station "Wenn die Patienten gesund werden, ist das für mich das Größte"

Die 21-­jährige Michelle hat sich für einen Beruf mit Perspektive entschieden: Sie ist Pflege­-Azubi in einem Krankenhaus. Das Sankt Adolf­-Stift in Reinbek überträgt seinen Auszubildenden frühzeitig Verantwortung. Auf einer Schülerstation übernehmen sie eigenständig die Pflege der Patienten. Eine Reportage aus "schwarzrotgold", dem Magazin der Bundesregierung.

Auszubildende Michelle Gagala steht im hellblauen Kittel in einem Krankenhausflur.

Wollte schon immer anderen Menschen helfen: Pflege-Azubi Michelle.

Foto: Thies Raetzke

Michelle muss sich beeilen. Es ist morgens, kurz vor sechs: In wenigen Minuten startet die Übergabe. Kaum ist die Pflege-Auszubildende auf Station angekommen, ertönt der Schwesternruf. Das dumpfe Klingeln und das weiße Blinklicht über dem Eingang von Zimmer sieben signalisieren ihr: Jemand braucht Hilfe. Zügig öffnet Michelle die Tür. Eine ältere Frau bittet sie um Unterstützung, weil sie nach einer Knie-OP nicht allein zur Toilette gehen kann. Michelle begleitet die Patientin, die sich mit einem Lächeln bedankt, ins Bad.

Für einen Moment herrscht auf der Station wieder morgendliche Ruhe. "Gerade am Anfang der Ausbildung war das frühe Aufstehen für mich schon ein Problem", erzählt die 21-Jährige. "Wenn ich aber Patienten zum Strahlen bringe, weiß ich immer, warum ich mich für den Beruf entschieden habe."

"Wenn ich aber Patienten zum Strahlen bringe, weiß ich immer, warum ich mich für den Beruf entschieden habe." Pflege-Azubi Michelle

Seit März 2018 lernt sie im Sankt Adolf-Stift in Reinbek nahe Hamburg den Beruf der Gesundheits- und Krankenpflegerin. Ihre erste Ausbildung als chemisch-technische Assistentin hat sie abgebrochen, weil "mir die Kommunikation mit den Menschen gefehlt hat und ich eigentlich schon immer anderen helfen wollte. Und wenn die Patienten mit meiner Unterstützung gesund werden, ist das für mich das Größte", sagt die junge Hamburgerin begeistert.

Verantwortung für die Pflege der Azubis

Jetzt sitzt Michelle in ihrer blau-weißen Dienstkleidung im Stationszimmer. Übergabe. Die Nachtschwester gibt einen kurzen Überblick über die Krankheitsbilder der Patientinnen und Patienten. Aufmerksam hört Michelle zu – gemeinsam mit fünf anderen Auszubildenden. Und das ist das Besondere: Die orthopädische Station der Klinik ist eine Schülerstation. Der Pflegenachwuchs ist hier für den gesamten Ablauf und die Patientenversorgung selbst verantwortlich – natürlich stets unter Aufsicht von erfahrenen Pflegekräften. Deshalb sind bei der Übergabe auch zwei examinierte Krankenschwestern dabei.

Michelle, Vanessa und Niloofar bilden heute ein kleines Team. Sie stimmen sich ab: Wer übernimmt die Körperpflege der Patienten? Wer misst die Vitalzeichen wie Blutdruck, Puls und Temperatur? Und wer kümmert sich um die Infusionen? Gemeinsam Verantwortung übernehmen "stärkt die Motivation und den Zusammenhalt von uns Auszubildenden", betont Michelle. "Vor allem wird einem hier mehr zugetraut", ergänzt die 23-jährige Vanessa.

Dialog zwischen Azubi und Arzt erwünscht

Das zeigt sich auch bei der Visite. Die Schülerinnen begleiten Stationsarzt Torben Bohne zu einer 82-Jährigen, die mit Schmerzen an ihrem Hüftgelenk zu kämpfen hat. "Können Sie nochmal kurz erklären, woher die Schmerzen kommen?", fragt Michelle den Arzt selbstbewusst. Geduldig antwortet Bohne. Ein solcher Dialog zwischen Pflege-Azubis und Medizinern ist auf vielen anderen Stationen eher die Ausnahme. Auf der Schülerstation in Reinbek ist er dagegen erwünscht.

"Früher hatten manche Auszubildende das Gefühl, nur Beiwerk für die Ärzte zu sein", berichtet der 38-jährige Bohne. "Ohne gute Pflege gibt es aber keine gute Medizin. Und deshalb beziehen wir bereits die Schülerinnen als vollständige Pflegekräfte ein." Azubi Michelle bestätigt: "Ich habe schon das Gefühl, dass wir hier auch mit den Ärzten auf Augenhöhe kommunizieren. Der gegenseitige Respekt ist einfach da."

"Ohne gute Pflege gibt es aber keine gute Medizin." Stationsarzt Torben Bohne

Eine halbe Stunde später: Michelle und Niloofar übernehmen nun die Wundversorgung der Hüftpatientin. Langsam, laut und deutlich spricht Michelle die leicht schwerhörige 82-Jährige an: "Können Sie Ihre Beine etwas anwinkeln?" Bereitwillig kommt die Patientin der Aufforderung nach. Michelle und Niloofar arbeiten beim Verbandswechsel Hand in Hand und geben sich gegenseitig Feedback. Vom anderen lernen gehört auch zur Idee der Schülerstation.

Medizin 4.0 in der Pflege

Danach steht die Dokumentation an – per iPad. Einmal die Kamera ausgelöst – fertig ist ein Foto der Wunde für die digitale Patientenakte. Ein weiterer Klick zeigt den Auszubildenden, welche Aufgaben ihnen der Stationsarzt zugeteilt hat. "Das ist schon toll, dass wir hier so digital arbeiten können", freut sich Michelle.

Auch in der Pflegeschule auf dem Klinik-Campus sind iPads und Smartboards selbstverständlicher Teil des Unterrichts. Die 106 Auszubildenden in Reinbek haben jeweils mehrere Wochen Theorie. Dann wechseln sie wieder auf eine der Stationen. Um Theorie und Praxis noch besser miteinander zu verzahnen, gibt es sogenannte "Lerntage". Organisiert werden diese von Sandra Schubert. Sie ist als Zentrale Praxisanleiterin die erste Ansprechpartnerin der Auszubildenden. 

"Der Lernstoff ist ziemlich umfassend. Deshalb greifen wir Themen aus dem Unterricht direkt auf der Station auf und üben sie in der Praxis. Das hilft den Auszubildenden sehr", hebt die 44-Jährige hervor. Vor allem komme es in der Pflege aber auf "Menschlichkeit" an, meint Schubert.

Menschen eine Perspektive geben

Ein Aspekt, der dem katholischen Krankenhaus in vielerlei Hinsicht sehr wichtig ist. So beschäftigt die Klinik etwa 15 Geflüchtete, darunter zwei Auszubildende, berichtet Pflegedirektor Thomas Meyer. "Wir sehen es als Verpflichtung an, diesen Menschen eine Perspektive zu geben. Sie sind für uns eine Bereicherung: Mit ihren Sprachkenntnissen helfen sie ausländischen Patienten oft bei Verständigungsproblemen."

Auch die 22-jährige Niloofar wurde in der Klinik schon einmal als Dolmetscherin eingesetzt. Ihr Heimatland Iran musste sie 2016 verlassen, weil sie zum Christentum konvertierte und verfolgt wurde. Nach vielen Deutschkursen und einigen Praktika konnte sie ihre Ausbildung beginnen. "Das ist wirklich ein Traum für mich. Später möchte ich am liebsten OP-Schwester werden“, sagt sie in astreinem Deutsch.

"Später möchte ich am liebsten OP-Schwester werden." Pflege-Azubi Niloofar aus dem Iran

Michelle will sich nach der Ausbildung als Wundmanagerin fortbilden. "Ich hätte früher nie gedacht, dass der Pflegeberuf so viele Möglichkeiten bietet. Auch wenn er echt anstrengend sein kann", sagt Michelle. Und schaut zur Tür von Zimmer sieben, über der das weiße Blinklicht wieder unaufhörlich leuchtet.