Kommunikation ist der Schlüssel

Projekt "Zusammenhalt durch Teilhabe" Kommunikation ist der Schlüssel

Demokratie kann jeder lernen! Wie genau, das zeigt das Bundesprogramm "Zusammenhalt durch Teilhabe". Sogenannte Demokratietrainer sollen ein respektvolles und gewaltfreies Zusammenleben in Deutschland stärken. Im Mittelpunkt stehen regional verankerte Vereine und Verbände.  

Ingo Bröcker spricht mit Jugendlichen in einem Jugend-Camp der Landesjugendfeuerwehr Brandenburg.

Demokratietrainer Ingo Bröcker schult den Feuerwehr-Nachwuchs, um Konflikten vorzubeugen.

Foto: Ludwig Schäler

Es ist ein bewölkter Vormittag auf dem Freizeit-Camp der Landesjugendfeuerwehr in Bagenz in der Lausitz. Ein Dutzend Jugendlicher sitzt in einem großen Mannschaftszelt auf Holzbänken im Kreis, die Meisten von ihnen in leuchtend blauer und orangefarbener Funktionskleidung der Feuerwehr. Anspannung liegt in der Luft. Der Workshop beginnt.

Einander verstehen ist nicht leicht

"Kommunikation in Konflikten" lautet das Thema. Ingo Bröcker, der Workshop-Leiter, fragt jeden Teilnehmer, wie die Stimmung so ist. Ein Mädchen ist an der Reihe und fängt an zu lachen. Ingo Bröcker nutzt die Chance und fragt in die Runde, warum sie lacht. Ist ihr etwas peinlich? Hat sie ihren Vorredner ausgelacht? Woran hat sie gedacht?

Die Gruppe diskutiert, jeder hat eine andere Interpretation. "Genau das ist es, was ich Euch zeigen will", sagt Bröcker, "wir sind in unserer Kommunikation selten eindeutig. Missverständnisse können entstehen. Es lohnt sich, darüber zu sprechen".

Beraten, um Konflikte zu lösen

Seit September 2016 ist Bröcker sogenannter ausgebildeter Demokratietrainer. Ein halbes Jahr wurde er in Systemischer Beratung geschult. Er leitet das Projekt "Ohne Blaulicht" beim Landesfeuerwehrverband Brandenburg in Potsdam. "Mir wäre allerdings lieber, man nennt uns Kommunikations- und Konfliktberater, denn das ist es, was wir tun", erklärt Bröcker.

"Ohne Blaulicht" ist Teil des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe".  Im September 2010 wurde das Programm ins Leben gerufen und seitdem mit 12 Millionen Euro jährlich durch das Bundesinnenministerium gefördert. Die Bundeszentrale für politische Bildung koordiniert das Programm.

"Zusammenhalt durch Teilhabe" will aufmerksame und respektierte Ansprechpartner vor Ort stärken und ausbilden. Das Programm richtet sich vor allem an Vereine und Menschen, die regional gut verankert sind. Die Projekte sollen Problemen vorbeugen. Ziel ist, dass alle gleichwertig und gewaltfrei zusammenleben können.

Regeln aufstellen und sich Hilfe suchen

Bröcker und die Teilnehmer seines Workshops stellen Kommunikationsregeln auf. Handy aus, wer reden möchte, gibt ein kurzes Handzeichen, alle sollen sich gegenseitig aussprechen lassen.

Es folgt ein Rollenspiel: Zwei Jungen stellen eine Rempelei in der Umkleidekabine der Jugendfeuerwehr nach. Die beiden prügeln sich fast, der eine will den anderen beim Wehrleiter anschwärzen. Die Jungen streiten sich, kommen nicht weiter, ihnen wird eine Mediatorin zur Seite gestellt. Gemeinsam lösen sie das Problem. Das Ganze dauert etwa eine Stunde.

"Feuerwehrleute sind grundherzliche Menschen", erzählt Bröcker, "aber sie müssen lernen, sich Rat zu holen. Es ist eine Stärke, sich helfen zu lassen. Das gilt insbesondere für die Nachbereitung von psychisch belastenden Situation".

Sprachgrenzen überwinden

Der letzte Workshop für heute steht auf dem Programm: Feuerwehr international. Zwei Flüchtlinge, Ahmed Mohamed aus dem Jemen und Steffi Tchouta aus Kamerun, erzählen von ihrem Leben vor ihrer Flucht und danach in Deutschland. Beide sind ehrenamtliche Mitglieder der Feuerwehr Fürstenwalde.

"Steffi und Ahmed haben uns schon viel geholfen. Nachdem die ersten Flüchtlinge bei uns gelandet waren, gab es überdurchschnittlich viele Einsätze der Feuerwehr in der Flüchtlingsunterkunft in Stahnsdorf – ausgelöst durch falschen Alarm. Das hat die Kameraden frustriert und für Negativschlagzeilen in der Presse gesorgt", erinnert sich Bröcker.

Ahmed Mohamed und Steffi Tchouta an einem Informationsstand der Landesfeuerwehr Brandenburg

Ahmed Mohamed und Steffi Tchouta engagieren sich ehrenamtlich.

Foto: Ludwig Schäler

Er und sein Team entwickeln eine Idee: Mohamed und Tchouta helfen mit ihren Sprachkenntnissen dabei, die Flüchtlinge in der Unterkunft in Sachen Brandschutz zu schulen. Mit Hilfe von Piktogrammen erklären die Feuerwehrleute den Flüchtlingen, wie man einen Herd richtig benutzt, was ein Rauchmelder ist und warum es wichtig ist, beim Kochen stets dabei zu bleiben. Die Sicherheitstrainings zeigen Wirkung, die Zahl der Fehlalarme geht deutlich zurück.

Vorurteile gemeinsam abbauen

Auch innerhalb des Landesfeuerwehrverbandes bauen Ahmed Mohamed und Steffi Tchouta Berührungsängste ab, weiß Bröcker. "Manche Kameraden hatten Vorurteile gegenüber Flüchtlingen. Aber wenn Ahmed von seinem Leben erzählt, wird jedem klar: Er ist ein Kamerad wie jeder andere auch."

Ahmed Mohameds Weg führte ihn aus dem Jemen über die Türkei nach Griechenland. Von dort nach Belgrad und später Ungarn. "Ein Transporter mit 16 Leuten besetzt, hat uns nach Bayern gebracht. Von da aus bin ich nach Fürstenwalde gereist", berichtet der 37-Jährige.

In Fürstenwalde hat Mohamed den Integrationskurs der Volkshochschule besucht und überlegt, wie er sich künftig in Deutschland engagieren kann. "Da ich schon immer Menschen helfen wollte, bin ich der freiwilligen Feuerwehr beigetreten", erzählt er.

Idee findet Nachahmer

Wenn es um Konfliktbewältigung durch Fehlalarme geht, um Kommunikationsprobleme innerhalb der Kameradschaft oder Fragen zum Umgang mit Extremismus, melden sich immer mehr Feuerwehren und Kommunen bei Ingo Bröcker und seinem Team. Bröcker gibt seine Erfahrungen weiter, bietet Gespräche und gemeinsame Workshops an.

"Kommunikationsberater zu sein, ist mehr als ein nur ein Job, es ist eine Lebenseinstellung geworden. Die Ausbildung befähigt mich, als Impulsgeber zu wirken, selbstbewusst Lösungen anzusprechen, bevor sich ein Konflikt aufbaut", sagt er stolz.

In der ersten Programmphase von "Zusammenhalt durch Teilhabe" bis 2013 wurden insgesamt 102 Projekte gefördert, weitere 38 Projekte kamen bis 2016 dazu. In der aktuellen Programmphase von 2017 bis 2019 werden 58 Projekte mit einer Laufzeit von drei Jahren gefördert.

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