"Spiritualität ist hier Alltag"

Interview "Spiritualität ist hier Alltag"

Kanzlerin Angela Merkel und ein Teil des Kabinetts sind derzeit zu Gast bei den Deutsch-Indischen Regierungskonsultationen in Neu-Delhi. Ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter Walter Lindner über die enge Partnerschaft der beiden Länder, E-Rikschas und Indiens magische Orte.

Walter Lindner, Botschafter der Bundesrepublik in Indien.

Inspirierende Begegnungen: Botschafter Walter Lindner möchte möglichst viele Seiten des indischen Lebens kennenlernen.

Foto: privat

Für den Diplomaten Walter Lindner war es der 14. Umzug seines Berufslebens, als er im April 2019 die Leitung der Botschaft Neu-Delhi übernahm. Der 62-Jährige war unter anderem schon Botschafter in Südafrika sowie Sprecher und Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Indien hat er bereits in den 70er-Jahren für sich entdeckt: auf einer Weltreise mit dem Rucksack. Mit seinem Team begleitet er nun die 5. Regierungskonsultationen zwischen Deutschland und Indien in Neu-Delhi.

Herr Lindner, was interessiert die Menschen in Indien, wenn sie den deutschen Botschafter treffen?

Walter Lindner: Da ist sehr viel Neugierde, Offenheit, Wärme. Und: Vielleicht überraschend, aber viele Gespräche drehen sich schnell um Existentielles. Spiritualität ist hier Alltag. Viele Inder sind neugierig, wie man über Spirituelles denkt. Kürzlich hatte ich zum Beispiel ein Treffen mit dem indischen Vorstandsvorsitzenden eines großen deutschen Unternehmens im Land. Geplant hatten wir einen tiefgreifenden Austausch zu Bilanzzahlen und ökonomischen Perspektiven. Aber er kam gerade von seinem Haustempel und der dort täglich praktizierten religiösen Ehrerweisung Puja. Vor dem eigentlichen Wirtschaftsgespräch haben wir dann wie selbstverständlich zuerst über Wiedergeburt, Rituale und Erleuchtung gesprochen.

Auf der Seite der Botschaft schreiben Sie, dass Sie vor 42 Jahren nach dem Musikstudium das erste Mal ins Land kamen – als Rucksackreisender. Haben Sie Indien noch wiedererkannt?

Indien hat eine 7000 Jahre alte Kultur, da sind gut 40 Jahre ja eine Winzigkeit (lacht). Im Ernst: Das Indien auf der Suche nach Weisheiten, das mich damals so fasziniert hat, gibt es natürlich noch. Auch das Land der Tempel, Paläste, Moscheen, des prallen und bunten Straßenlebens ist natürlich noch da. Aber Indien hat auch einen Riesensprung gemacht: Mit den IT-Zentralen von Bangalore, dem riesigen Bankenviertel in Mumbai und seinem ganzen urbanen Lebensstil, der Teile der Großstädte in sehr moderne urbane Zentren verwandelt hat – mit indischem Touch!

Zu den Regierungskonsultationen reist die Kanzlerin mit mehreren Ministerinnen und Ministern nach Neu-Delhi. Welche Schwerpunkte haben die Gespräche?

Unsere beiden Länder treiben viele ähnliche Themen um. In Indien bündeln sich viele Zukunftsfragen wie in einem Brennglas – in enorm größerer Dimension: die Luftverschmutzung in den vielen Großstädten, die Wasserqualität im Ganges, moderne Stadtentwicklung oder die Chancen der Digitalisierung. Wenn wir hier Fortschritte in diesen Fragen machen, dann bringen wir Lösungen voran, die sich auf den ganzen Globus auswirken. Als Deutsche können wir da unsere Technik und unser Wissen einbringen – und voneinander lernen.

Wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Die Kanzlerin wird zum Beispiel ein Projekt zur E-Mobilität besuchen. Die U-Bahn-Stationen in Neu-Delhi sollen irgendwann komplett solarbetrieben werden. Einzelne Solar-Bahnhöfe gibt es schon. Und mit der Metrokarte kann man dort für den verbleibenden Weg nach Hause noch eine E-Rikscha nehmen. Unsere Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit unterstützt das Projekt mit Krediten.

Indien hat 1,3 Milliarden Einwohner. In der öffentlichen Wahrnehmung steht es aber im Vergleich zu anderen Regionen nicht so sehr im Fokus. Woran liegt das?

Das stimmt. Wir fokussieren uns oft vor allem auf die Konfliktherde in der Welt. Dabei gerät etwas aus dem Blick, wie viel Potenzial unsere Zusammenarbeit mit dem geostrategischen Riesen Indien hat. Als Deutsche teilen wir viele gemeinsame Werte mit der größten Demokratie der Welt. Wie wir setzt Indien stark auf die Kooperation in internationalen Gremien, auf Multilateralismus. Das ist heute viel wert.

Walter Lindner, Botschafter der Bundesrepublik in Indien, auf einem Markt in Indien.

Indiens buntes Straßenleben bietet oft einen überwältigenden Mix aus Farben, Gerüchen und Geräuschen.

Foto: privat

Was interessiert Ihre indischen Gesprächspartner an Deutschland?

Wir sind hier für viele noch immer eine Nation der Ingenieure, Erfinder und Tüftler. Unsere Kompetenzen bei Themen wie Künstlicher Intelligenz, im Maschinenbau oder in der Autoindustrie interessieren viele Inder. Wir sind Indiens größter Handelspartner in der EU – mit 21 Milliarden Euro Handelsvolumen. Und haben mehr indische Studenten als etwa in England. Das sind sehr gute Kontakte.

Die Kanzlerin wird auch das Haus von Mahatma Gandhi besuchen: Wie wichtig ist Gandhi noch für das moderne Indien?

Man begegnet seinem Porträt hier in vielen Häusern und Büros. Er ist immer noch die Identifikationsfigur des Landes. Ich kann diesen Stolz verstehen: Seine Geschichte von religiöser Toleranz und Gewaltfreiheit ist in einer Zeit von wachsenden Nationalismen doch ein mächtiges Symbol.

Sie twittern viel über Ihre Besuche im Land: Haben Sie schon den Ort gefunden, der Indien am besten beschreibt?

Ich wäre auch gerne Fotograf geworden. Jetzt reise ich an den Wochenenden oft privat durchs Land und versuche, Indien durch meine Augen zu zeigen. Den einen Ort gibt es sicher nicht: Aber an den Gaths von Varanasi oder in den Tempelanlagen von Madurai Kerala, im Sufischrein von Nizamuddin – um nur einige zu nennen – spürt man schon die besondere Tiefe der Kulturen, die Vielschichtigkeit des Landes.

Sie sind nach sechs Monaten also angekommen?

Man zieht als Diplomat ja oft um, das macht es mir vielleicht etwas leichter. Aber klar: Indien ist anspruchsvoll. Die Intensität dieses Landes ist unvergleichbar. Es überwältigt einen mit Farben, Gerüchen, mit den intensivsten Eindrücken - auch mit seinen Widersprüchen. Die Inder fliegen zum Mond und zugleich gibt es viele Menschen in großer Armut. Das muss man aushalten. Ich könnte hier wohl zehn Jahre wohnen und hätte das Land nicht komplett verstanden.