Schnellere Asylverfahren

Gewissheit in 48 Stunden

Ein ganzes Asylverfahren innerhalb von 48 Stunden: Das Konzept der bundesweit 23 neuen "Ankunftszentren", eines davon in Bonn, macht dies möglich. Behörden führen unter einem Dach alle Schritte des Asylverfahrens durch: Von der Gesundheitsuntersuchung über die Anhörung bis zur ersten Beratung für eine Integration in den Arbeitsmarkt.

Familien bei der Erstaufnahme im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bonn

Über den Asylantrag der syrischen Familie wird innerhalb von 48 Stunden entschieden.

Foto: Ute Grabowsky

Kurzzeitig verliert der kleine Majid dann doch seine Geduld. Bis gerade konnte ihn seine Mutter noch auf ihrem Schoß halten. Doch jetzt hält es der Einjährige nicht mehr aus und klettert mitten über den Besprechungstisch auf die Fensterbank. Dort angekommen, lässt er sich wieder seelenruhig nieder, grinst fröhlich in die Runde und schaut mit seinen braunen Augen wie ein Unschuldslamm.

Seine Eltern reagieren entspannt auf diesen turbulenten Ausflug ihres Sohnes. Für sie ist der heutige Tag zu wichtig, um sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Sie durchlaufen heute das komplette Asylverfahren – an einem einzigen Tag. Und spätestens innerhalb von 48 Stunden weiß die syrische Familie, ob sie in Deutschland bleiben kann.

Aufbruchstimmung im BAMF

Majid und seine Familie sitzen in einem hellen freundlichen Raum des sogenannten Ankunftszentrums des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bonn. Manches in dem Gebäude der ehemaligen Ermekeilkaserne wirkt noch provisorisch: An einigen frischgestrichenen weißen Wänden fehlen Bilder, im Treppenhaus sind einige Stufen mit einer Plane abgedeckt. Kein Wunder: Das Ankunftszentrum ist erst seit dem 18. April in Betrieb, einige Renovierungsarbeiten laufen noch.

Familien bei der Erstaufnahme im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bonn

Ein BAMF-Dolmetscher (links) erklärt Familienvater Yaser K. die Abläufe des Asylverfahrens.

Foto: Ute Grabowsky

Das BAMF ist in Aufbruchstimmung. Dies merkt man auch Sachbearbeiterin Sevil Y. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) an: Spürbar hochmotiviert führt sie das Gespräch mit der insgesamt vierköpfigen syrischen Familie. Detailreich beschreibt sie den Ablauf des Asylverfahrens. Wichtig ist ihr vor allem, die Familie über Rechte und Pflichten als Asylbewerber in Deutschland aufzuklären. Dieser Teil des Asylverfahrens wird als "Belehrung" bezeichnet, eine der ersten Schritte des Verfahrens.

Um sicherzustellen, dass die Informationen auch verstanden werden, kann die BAMF-Mitarbeiterin auf mehrere Übersetzer des Ankunftszentrums zurückgreifen. In diesem Fall gibt sich der Dolmetscher besonders bei Fachbegriffen große Mühe, langsam zu sprechen, und vergewissert sich immer wieder, ob die syrische Familie auch wirklich alles richtig verstanden hat.

Flucht mit dem Schlauchboot

Familienvater Yaser K. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) dankt es ihm mit einem Lächeln. "Ich bin so froh, in Deutschland zu sein", erzählt er. Im vergangenen Oktober ist die Familie nach Deutschland geflüchtet, 13 Tage lang, ihr Weg führte sie mit dem Schlauchboot über die Ägäis. "Der Bürgerkrieg ist furchtbar", erinnert sich der 31-Jährige.

Zunächst hätten sie gehofft, außerhalb ihres Wohnortes Aleppo Schutz zu finden. Doch als selbst dort auf dem Land die Kämpfe immer heftiger geworden seien, hätten sie sich zur Flucht entschieden. In Deutschland lebte die Familie zunächst in einem Auffanglager. Seit einem halben Jahr ist sie in einer Wohnung in Troisdorf untergekommen, einer Kleinstadt in der Nähe von Bonn. Als sie den Termin im neuen Ankunftszentrum erhielt, fiel der Familie ein Stein vom Herzen. Endlich Klarheit, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Und dies innerhalb von höchstens zwei Tagen.

Schnellere Asylverfahren

"Dies ist schon der wichtigste Fortschritt, dass wir einen sehr großen Teil der Asylverfahren innerhalb von 48 Stunden bearbeiten können. Die lange Dauer der Verfahren war ja auch immer eine Hauptkritik am BAMF", sagt Armin Mörs. Er ist Aufbauleiter des Ankunftszentrums in Bonn. Sein Job ist es, die neuen Arbeitsabläufe so zu organisieren, dass perspektivisch bis zu 400 Asylbewerber täglich angehört werden können, derzeit sind es etwa 120 pro Woche. Langfristig will das BAMF rund 260 Beschäftigte im Ankunftszentrum in Bonn einsetzen.

Alles unter einem Dach

Familien bei der Erstaufnahme im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Bonn

Bei der "erkennungsdienstlichen Behandlung" werden auch Fingerabdrücke registriert.

Foto: Ute Grabowsky

Einen großen Teil seiner Arbeitszeit widmet Mörs der Kommunikation mit anderen Behörden. Denn das Konzept aller neuen, bundesweit aktuell 23 Ankunftszentren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge lautet: Alles unter einem Dach. BAMF, Land und Bundesagentur für Arbeit ziehen an einem Strang. Über ein bundes- und landesweit übergreifendes Kerndatensystem sind alle Behörden miteinander vernetzt. Zudem werden sämtliche Schritte eines Asylverfahrens in den Ankunftszentren gebündelt: Von der Gesundheitsuntersuchung, der Registrierung, der erkennungsdienstlichen Behandlung bis hin zur Asylantragsstellung, dem Bescheid und ersten Angeboten zur Beratung bei der Integration in den Arbeitsmarkt.

Integriertes Flüchtlingsmanagement

Für Armin Mörs ein überzeugendes Konzept: "Das integrierte Flüchtlingsmanagement als neues Instrument führt dazu, dass wir ganz schnell in der Lage sind, unkompliziert mit den anderen Behörden Absprachen zu treffen." Konkret bedeutet dies: Bei der Registrierung eines Asylbewerbers arbeiten das Bundesamt und die Zentrale Ausländerbehörde Hand in Hand. Dafür wird zur Hälfte Personal des Bundesamts und zur Hälfte kommunales Personal eingesetzt.

Oder es fehlen wichtige Unterlagen von Asylbewerbern, was laut Armin Mörs häufiger vorkommt. Bislang musste das Verfahren dann oft unterbrochen werden, weil die Unterlagen zunächst umständlich von anderen Dienststellen in Deutschland beschafft werden mussten. Und das konnte länger dauern. Heute liegt das erforderliche Dokument möglicherweise nur im Gebäude nebenan; das Asylverfahren kann also wesentlich schneller durchgeführt werden.

Zur Beschleunigung des Verfahrens trägt auch die Einteilung der Asylsuchenden in vier Gruppen bei, sogenannte Cluster. Hierbei wird nach der jeweiligen Herkunft unterschieden.
Cluster A: Herkunftsländer mit hoher Schutzquote: Asylsuchende aus Syrien, Eritrea, religiöse Minderheiten im Irak. Das komplette Verfahren dauert zwischen 24 und 48 Stunden. In der Regel erfolgt ein positiver Bescheid. Es erfolgt ein direkter Beginn von Integrationsmaßnahmen (Integrationskurse, Arbeitsmarktzugang).
Cluster B: Herkunftsländer mit geringer Schutzquote: Trifft insbesondere für Westbalkanstaaten zu. Auch hier dauert das komplette Verfahren maximal 48 Stunden. In der Regel erfolgt ein negativer Bescheid.
Cluster C: Komplexe Fälle. Hierbei werden die Asylsuchenden vom Ankunftszentrum häufig an eine Außenstelle weitergeleitet, wo die Bearbeitung erfolgt.
Cluster D: Dublin-Fälle. Asylsuchende, die zunächst in einem anderen EU-Land eingereist sind. Die Asylbewerber werden an eine Außenstelle weitergeleitet.

Bei Familie K. läuft bislang alles problemlos. Alle erforderlichen Schriftstücke liegen vor oder sind bekannt. Auf dem Weg zur Anhörung, dem Herzstück des Asylverfahrens, schaut Yaser K. durch die Fenster des Treppenhauses auf die anderen Gebäude des 25.000 Quadratmeter großen Areals der ehemaligen Bundeswehrkaserne. In einem Haus finden in Kürze die Gesundheitsuntersuchungen statt, hier in Bonn übernimmt dies als Träger das Deutsche Rote Kreuz.

Stockbetten als Schlafgelegenheit

Andere mehrstöckige Gebäude dienen Asylbewerbern als kurzzeitige Unterkunft. Wenn sich beispielsweise ihr Fall als kompliziert erweist und sie einige Tage im Ankunftszentrum bleiben müssen. Als Schlafgelegenheit dienen Stockbetten, für Armin Mörs haben die Räume "Jugendherbergs-Atmosphäre". Familien erhalten in der Regel ein eigenes Zimmer, gewiss keine Selbstverständlichkeit. In einem anderen Gebäudekomplex werden Büros der Bundesagentur für Arbeit untergebracht. Auch der Integrationsbereich des Bundesamts wird bald auf dem Gelände vertreten sein. Ein Ankunftszentrum ist zugleich Wohn- und Arbeitsort.

Im Büro der Entscheiderin

Die syrische Familie ist mittlerweile eine Etage höher angelangt, im Raum einer sogenannten Entscheiderin. So heißt eine BAMF-Mitarbeiterin, die die Anhörung im Asylverfahren durchführt. Auch Entscheiderin Sara B. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) hat sich aus dem Dolmetscher-Pool Unterstützung geholt. Dieses Mal übersetzt eine junge Frau. Ein Wechsel der Dolmetscher ist vorgesehen, um beispielsweise eine zu enge Verbindung zwischen Übersetzer und Asylbewerber und damit eine Einflussnahme auf die Anhörung auszuschließen.

Bevor es losgeht, bittet Sara B. Frau und Kinder aus dem Raum. Freundlich erklärt sie: Erwachsene Asylbewerber müssen einzeln angehört werden, um eine Beeinflussung durch den Partner zu verhindern. Nun muss der junge Syrer Rede und Antwort stehen. Wann sind sie nach Deutschland eingereist? Wie war ihr Fluchtweg? Haben sie einen Beruf im Heimatland ausgeübt? Eine halbe Stunde lang berichtet der gelernte Friseur über sein bisheriges Leben und seine Gründe für die Flucht. Immer wieder fragt die Entscheiderin nach, während sie alle Angaben in ihren PC eingibt.

Endlich Gewissheit

Danach ist Yasers Ehefrau an der Reihe, die beiden Kinder dürfen bei ihr bleiben. Dem kleinen Majid ist mittlerweile die Müdigkeit anzusehen. Für ihn geht jetzt im Ankunftszentrum in Bonn ein langer und wohl eher langweiliger Tag zu Ende. Für seine Eltern dagegen ein Tag, der ihr Leben verändern wird. Sie rechnen fest damit, dass sie zumindest für längere Zeit in Deutschland bleiben können. Nach kurzer Zeit haben Sie Gewissheit: Dann werden sie den Bescheid über ihr Asylverfahren in ihren Händen halten.

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