Ausstellung

Die "Alte Welt" und das Meer

Für Europa war und ist das Meer Sehnsuchtsort, Handelsroute und Fluchtweg: Mit der Schau "Europa und das Meer" zeigt das Deutsche Historische Museum eindrücklich, welch große Rolle das Meer bei der Entwicklung der europäischen Zivilisation und für ein Zusammenwachsen des Kontinents hatte.

Gemälde, Menschen im Boot

Ade, Europa: "Abschied der Auswanderer": Antonie Volkmar malte das Bild 1860.

Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Europa ist ein maritimer Kontinent, mit seiner knapp 70.000 Kilometer langen Küstenlinie kommt kein anderer Erdteil stärker mit dem Meer in Berührung. Wer hätte das gedacht? Europa ist, das zeigt ein Blick auf die Weltkarte, von zwei Ozeanen und vier Meeren umgeben. So ist es nur konsequent, wenn das Deutsche Historische Museum sich der Beziehung zwischen Europa und dem Meer widmet.

Der Weg zu Macht und Reichtum

Seit jeher war das Meer die Verbindung zu fernen Ländern und Regionen, der Weg, mit Unbekanntem in Kontakt und dann in Handel zu treten. Europas Vormachtstellung kam über den Seeweg zustande - von den antiken Handelsposten am Mittelmeer über die Hanse bis zu den späteren Seemächten Spanien und England. Erbittert kämpften die Seemächte um die Hegenomie. Das Meer ermöglichte Reichtum und ist bis heute Basis des globalen Handels. Ob Kaffee, Schokolade, Kartoffel oder Bananen: Nichts von dem hätten wir, wenn nicht "Eroberer" in See gestochen wären. Die wirtschaftliche Blüte und Expansion Europas ist oft mit Leid durch koloniales Denken verbunden. Sklavenhandel und Unterdrückung gehören eben auch zu der Realität Europas und des Meeres.  

Facettenreiche und vielschichtige Beziehung

All diese Aspekte stellt die Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museums gut aufbereitet dar. Mit rund 400 Exponaten schaffen es die Aussteller, die äußerst facettenreiche und vielschichtige Beziehung zwischen unserem Kontinent und dem Meer deutlich zu machen. Über zwei Stockwerke können sich Interessierte über das Meer als "Herrschafts- und Handelsraum", "als Brücke und Grenze" und "Ressource" informieren, den Bogen zur Gegenwart, zu Flüchtlingsdramen im Mittelmeer und Plastikmüll in den Ozeanen schlägt der Besucher schnell selbst. Und auch der Blick auf den "Sehnsuchtsort Meer" und auf die Vorstellungen, die die Menschen mit dem Meer verbinden, bleibt nicht außen vor.

Maritimes Heiligtum der Briten in Berlin

Doch zurück zur (See-)Macht: Ein ganz besonderes Objekt der Ausstellung ist eine Nachbildung des ersten Marinechronometers "H1". Das Original wurde 1735 in England gebaut und ermöglichte zum ersten Mal, eine exakte Positionsbestimmung auf See. Das Exemplar aus dem 18. Jahrhundert befindet sich heute im National Maritime Museum in London und wird in Großbritannien fast wie ein Nationalheiligtum verehrt, schließlich förderte diese Erfindung die maritime Vormacht des Empire. Bisher durfte noch kein Museum außerhalb des britischen Hoheitsgebiets das Original oder eine Nachbildung ausstellen. Dem Deutschen Historischen Museum ist es nun jedoch gelungen, ein Exemplar auszuleihen.

Auf zu neuen Ufern

An solch kleinen Einzelstücken erschließt sich das große Ganze. Vor dem technischen und wissenschaftlichen Fortschritt waren die Meere die natürlichen Grenzen der Erdteile. Diese zu überwinden, erforderte Wagemut und Verzweiflung. In den 1840er Jahren kehrten 15 Millionen Menschen Europa den Rücken und suchten neue Perspektiven und ein besseres Leben in Übersee - Europa war ein Auswanderungs-Kontinent. Die Gründe zur Flucht waren Krieg, Armut, Verfolgung oder fehlende Aussicht auf eine bessere Zukunft.

Friendly Floatees, 1992

Vier Plastikenten: Hinweisgeber bei der Erforschung von Meeresströmungen.

Foto: Sitka/Alaska, Dean Orbison Foto: Deutsches Historisches Museum

Kuriose und spannende Stücke

Die Aussteller präsentieren darüber hinaus immer wieder Originelles. Wie etwa vier bunte Quietscheenten. 1992 rutschten diese von Bord eines Containerschiffes und tauchten Jahre später an unterschiedlichen Küsten wieder auf. Anhand der Fundorte lassen sich die globalen Meeresströmungen, die alle Plastikteile erfassen, gut nachvollziehen.

Eine Reise von Stadt zu Stadt

Erzählt wird die Beziehung von Europa und dem Meer Geschichte weniger chronologisch, sondern etwa anhand von zwölf Hafenstädten. Lissabon, Danzig, Nantes, London: Dabei stehen immer wieder Stadt- und zeitspezifische Themen der Zentren der Seefahrernationen im Fokus. Die Niederländer beeinflussten als hervorragende Schiffsbauer die Seefahrt im 17. und 18. Jahrhundert maßgeblich. Aus Amsterdam stammen Karten, Handbücher und Meeresatlanten. Ausgangspunkt ist als maritimes Machtzentrum "La Serenissima" Venedig, das wohl wie keine andere Stadt den Seehandel des 12. bis 16 Jahrhunderts repräsentierte.

Werbeplakat

Urlaub auf dem Meer: Die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft offeriert "Ausserordentlich preiswerte Nordlandreisen "

Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Badeurlaub am Strand

Nostalgische Urlaubsgefühle stellen sich ein beim Blick auf die Werbung für Schiffsreisen. Das Meer galt ab dem 18. Jahrhundert zunehmend als Ort der gesunden Erholung und Entspannung, Seebadeanstalten wurden an den Küsten gegründet, im britischen Brighton traf sich der europäische Adel zur Kur, später folgten die Bürger zur "Sommerfrische".

In der Malerei wurden Meeres- und Küstenlandschaften ein eigenständiges Sujet, entsprechende Kunstwerke, etwa von Max Liebermann oder Carl Gustav Carus sind auch zu sehen.

Die Sonderausstellung "Europa und das Meer" ist bis 6. Januar 2019 im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Gefördert wir das Projekt mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Das Ausstellungsprojekt ist in Zusammenarbeit mit dem Jean Monnet Lehrstuhl für Europäische Geschichte der Universität Köln entstanden.

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