Deutscher Mobilitätspreis 2018

Den Nachtbus per App "freezen"

Das ist die Idee "Freeze" von Moritz Wühr: Mit einer App sollen Fahrgäste in Zukunft den Nachtbus kurz stoppen können, falls sie sich um wenige Minuten verspäten. Der 21-Jährige studiert Verkehrswesen an der Technischen Universität Berlin und hat mit seiner Idee den zweiten Platz des Deutschen Mobilitätspreises 2018 gewonnen.

Die Grafik zeigt einen Bus an der Haltestelle und ein Smartphone, auf dem die App "Freeze" aufgerufen ist. Der Titel lautet Flexibel mobil sein, mit der App "Freeze"

Das Prinzip von "Freeze" ist bereits aus dem ICE bekannt: Der Zugbegleiter informiert bei Verspätungen den Anschlusszug, der dann auf Fahrgäste wartet.

Foto: Bundesregierung/"Deutschland – Land der Ideen"/Deutscher Mobilitätspreis

Worum geht es bei Ihrem Projekt "Freeze" und an wen richtet es sich?

Moritz Wühr: Ob auf dem Land oder in der Stadt: Die niedrige Taktung von Bussen macht dann Probleme, wenn man nachts vom Regionalbahnhof noch den Bus bekommen muss, dieser aber nur jede Stunde fährt. Oft genug besteht keine Anschlusssicherung zum Bus, welcher in die dünner besiedelten Randgebiete fährt. Den Bus zu "freezen", also bei Bedarf noch ein paar Minuten warten zu lassen, wenn entsprechend viele Fahrgäste betroffen sind, wäre eine Lösung.

Man kennt das im Prinzip bereits aus dem ICE: Der Zugbegleiter schaut bei Verspätungen, wer einen Anschluss braucht. Im Öffentlichen Personennahverkehr gibt es dies nicht, also greift man bei diesem neuen Konzept selbst zum Smartphone und meldet den Anschlussbedarf an. Damit steigt die Nutzung des Nahverkehrs, denn Menschen können sich darauf verlassen, dass sie durch kleine Verspätungen nicht kurz vor dem Wohnort Ewigkeiten in der Kälte stehen, und verzichten möglicherweise aufs Auto.

Wie funktioniert die App genau?

Moritz Wühr: Die Umsetzung soll über die App des Verkehrsverbundes oder Verkehrsunternehmens erfolgen. Wenn Fahrgäste merken, dass der Bus wahrscheinlich knapp nicht mehr erreicht werden kann, melden sie dies der App. Hat eine bestimmte Anzahl von Fahrgästen das gleiche Problem, wird der Busfahrer via Leitstelle oder App darüber informiert, noch zum Beispiel maximal fünf Minuten zu warten. Wenn die Bedienung im Nachtverkehr ohne weitere Anschlüsse passiert, ist dies unproblematisch. Der Fahrgast bekommt dann eine Rückmeldung, ob der Wunsch erfüllt werden kann.

Natürlich kann das Konzept noch weiter gedacht werden: Die Anzahl der Aufrufe einer Verbindung in der Kunden-App kann automatisch zur Erkennung der potenziell betroffenen Fahrgäste führen und ohne einen weiteren Klick durch den Fahrgast kann der Anschluss zum Warten aufgefordert werden.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Moritz Wühr: Sogar als Großstadtmensch kenne ich das Problem, nachts um drei oder halb vier an der U-Bahn-Station 30 Minuten auf die Tram warten zu müssen, weil die U-Bahn nur ein, zwei Minuten zu spät dran war. Wie ärgerlich muss diese Situation erst am späten Abend in einer Kleinstadt sein, wo der Bus mit Glück das letzte Mal um elf von der Regio-Station abfährt?

Die Grafik zeigt Moritz Wühr mit Foto und eine Skizze seiner App-Idee.

Die Realiserung von der Idee "Freeze" ist in der Planung.

Foto: Bundesregierung/"Deutschland – Land der Ideen"/Deutscher Mobilitätspreis

Als Student sprechen Sie für die junge Generation. Worauf kommt es jungen Leuten beim Thema Mobilität an?

Moritz Wühr: Ich denke, dass ich hier aus einer sehr bequemen Situation heraus sprechen kann – ich bin in Berlin aufgewachsen, trotz aller Probleme mit der Zuverlässigkeit des Nahverkehrs ist das Angebot hier großartig!

Für meine Generation bedeutet Mobilität die Freiheit, jederzeit überall hin gelangen zu können. Wir fahren zur Uni oder Arbeit, sind nachmittags gesellschaftlich engagiert oder fahren am Wochenende einfach mal mit Freunden zum Grillen in den Park – es wird viel einfacher alles unter einen Hut zu bekommen, wenn die Zeit nicht für die Wege dazwischen drauf geht. Und natürlich sind wir geprägt von einem offenen Europa, vom unkomplizierten Reisen.

Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die Faktoren Nachhaltigkeit und Preis. Ich merke immer stärker, dass sich mein Umfeld ganz bewusst selbst hinterfragt, ob der innerdeutsche Flug nun wirklich nötig ist oder das Auto in der Stadt, das sowieso an sechs von sieben Tagen in der Woche nur als Stück Blech herumsteht.

Aber wie bei vielen Dingen ist es natürlich auch am Ende der Preis, der jungen Menschen darüber entscheiden lässt, sich für das eine oder andere Verkehrsmittel zu entscheiden und in der Konsequenz auch für die Möglichkeit an gesellschaftlicher Teilhabe oder nicht.

Wie geht es mit Ihrer Idee weiter? Gibt es schon Realisierungsoptionen?

Moritz Wühr: Ich bin in wirklich konstruktiven Gesprächen mit verschiedenen möglichen Realisierern der Branche. Es ist aber klar, dass nicht morgen eine einsatzbereite App fertig sein wird. Vor allem wäre das Konzept ein Eingriff in den Fahrplan, mit dem der Verkehrsverbund oder Landkreis dem Verkehrsunternehmen Vorgaben macht. Es gehört also auch Überzeugungsarbeit zum Potenzial der App für eine vergrößerte Akzeptanz des Öffentlichen Personennahverkehrs dazu.

Was ist Ihre Vision von Mobilität der Zukunft? Wie bewegen wir uns in 50 Jahren fort?

Moritz Wühr: Ich bin der Meinung, dass wir in Zukunft viel personalisiertere, vernetztere und damit nutzerfreundliche Mobilitätsangebote erleben werden. Das ist ganz unabhängig davon, ob man den Durchbruch beim autonomen Fahren in fünf oder erst in 50 Jahren sieht. Aber natürlich eröffnet uns das neue Möglichkeiten hinsichtlich der Zuverlässigkeit, Kapazität, aber auch den Kosten des gesamten Verkehrssystems. Denn bei einer Sache bin ich mir sicher: Wir werden in Zukunft nicht weniger, sondern viel mehr Verkehr erzeugen, wenn wir es uns leisten können. Egal ob durch Online-Handel, Lieferdienste oder das Pendeln zur Arbeit.

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