Das Problem Produktpiraterie

Eine schicke Uhr, Turnschuhe einer bekannten Marke, eine modische Handtasche – alles echt prestigeträchtig. Was Urlauber aus Fernost und anderen Reiseländern nach Hause mitbringen, stammt dagegen oft gar nicht von den Unternehmen, deren Logo die Waren ziert. Mit dem guten Namen machen andere ihre Geschäfte. Betrug mit Plagiaten nennt man Produktpiraterie.

Das Phänomen ist längst nicht mehr auf Urlaubsmitbringsel beschränkt. Es tritt in fast allen Wirtschaftsbranchen auf. Selbst  Maschinenbauteile werden nachgemacht. Professor Jürgen Gausemeier von der Universität Paderborn schätzt, dass der deutschen Wirtschaft durch Plagiate jedes Jahr ein Schaden von sieben Milliarden Euro entsteht. Zehntausende von Arbeitsplätzen seien bereits verloren gegangen.

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Jürgen Gausemeier

Das Problem mit der Produktpiraterie besteht nicht allein darin, dass die Verkaufszahlen des Originalherstellers zurückgehen. Dadurch zahlen sich die Entwicklungskosten weniger aus als erwartet. Was oft schlimmer wiegt: Die Verwechselung mit gefälschten, minderwertigen Waren schädigt den Ruf des Unternehmens. Dass die Qualität der gefälschten Waren zu wünschen übrig lässt, hat einen triftigen Grund: Die Kosten von Plagiaten liegen um 40 bis 70 Prozent unter denen der Originalartikel. Das zeigen Erfahrungen aus dem Maschinenbau.

Gegen Produktpiraterie kann man diplomatisch und rechtlich vorgehen, was auch geschieht. Fälschungen lassen sich aber auch bekämpfen, indem man sein Know-how aktiv schützt oder die Produkte speziell gestaltet, kennzeichnet und überwacht.

Produktpiraten einfach aussperren

Professor Gausemeier nimmt die Schutzabdeckung seines Miniaturroboters ab und zeigt dessen Innenseite. Die diversen Bauelemente sind mit einem völlig neuartigen Verfahren verkabelt. Die Leiterbahnen sind auf die Innenseite des Gehäuses aufgedruckt. Dieses Verfahren beherrschen Produktpiraten noch nicht. Selbst wenn es ihnen gelingt, die sonstigen elektronischen Bauteile nachzumachen, daran werden sie sich die Zähne ausbeißen.

Ein anderer Trick: Ein wichtiges Bauteil zerstört sich von selbst, sobald man es zu öffnen versucht, um seine Funktion zu untersuchen. Verschiedene Maschinen können so aufeinander abgestimmt sein, dass sie eine Fälschung erkennen – und die Arbeit einstellen.

Fälschungssicherheit durch Verpackungen

Besonders verheerend wirken sich Plagiate von Arzneimitteln aus. Sind die Wirkstoffe falsch dosiert, kann dies lebensgefährliche Folgen haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund fördert das Bundesforschungsministerium das Projekt EZPharm, in dessen Rahmen eine elektronische RFID-Sicherung für Medikamentenverpackungen entwickelt wird.

Ein in die Arzneipackung integrierter Chip enthält Daten, mit deren Hilfe die Echtheit des Produkts überprüft werden kann. Er kann auch auf Salbentuben aufgebracht werden. Nebenbei dient der Chip dazu, den Weg des Medikaments vom Hersteller über den Vertrieb bis zum Patienten nachverfolgbar zu machen.

Eine andere vom Bund geförderte Abwehrmethode widmet sich den Verpackungen von Produkten. In dem Projekt OPUR (Originäres Produktsicherungs- und Rückverfolgungskonzept) wird eine industriell breit anwendbare Lösung entwickelt, die einen idealen kostengünstigen und kaum fälschbaren Produktschutz enthält. Dazu wird ein wenige Millimeter großer Code beispielsweise im Druckprozess auf Verpackungen mit aufgedruckt. Mit Scanverfahren lässt sich jederzeit prüfen, ob ein originalverpacktes Produkt vorliegt.

Alles gefälscht

Gefälscht werden nicht nur Waren, die sich anfassen lassen, sondern auch Computerprogramme. Maschinen sind heutzutage von spezieller und teurer Steuerungssoftware abhängig. Diese Programme lassen sich mit fortschrittlichen Verschlüsselungsverfahren wirksam schützen. Das Forschungsprojekt ProProtect arbeitet an solchen Verfahren.

Für kleine und mittlere Unternehmen ist die Herausforderung, sich vor der Produktpiraterie zu schützen, besonders groß. Damit die Firmen zunächst einmal das tatsächliche Risiko einschätzen können, fördert die Bundesregierung das Projekt „KOPIRA“. Dabei entwickeln Fachleute Methoden zur Untersuchung und Bewertung des Risikos: und zwar maßgeschneidert für mittelständische Unternehmen.

Gebündelt werden die Projekte KOPIRA, ProProtect, OPUR, EZPharm mit sechs weiteren in der Forschungsinitiative „Innovationen gegen Produktpiraterie“. Von 2008 bis 2010 fördert das Ministerium die Projekte mit 15 Millionen Euro. Industriepartner schießen noch einmal den gleichen Betrag hinzu. Auf der Internetplattform ConImit (von „Contra Imitatio“) können sich Unternehmen über die Risiken informieren. Und sie haben die Möglichkeit, sich über Erfahrungen, Strategien und Methoden im Kampf  gegen Produktpiraten auszutauschen. Schließlich reicht es, wenn die faulen Tricks der Betrüger einmal funktioniert haben.

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