Baukultur

Bauhaus-Erbe in Tel Aviv

Die "Weiße Stadt" in Tel Aviv, Israel, ist das weltweit größte zusammenhängende Architekturensemble von rund 4.000 Bauten der Moderne. Das Bundesbauministerium fördert mit knapp drei Millionen Euro den Aufbau eines Zentrums für Architektur und Denkmalschutz.

Ein Bauhaus-Gebäude mit geschwungenen Balkonen in der Weißen Stadt Tel Aviv

Schlichte Schönheit, die überzeugt

Foto: mauritius images/Dorosz/Alamy

Seit 2003 zählt die "Weiße Stadt" Tel Aviv zum UNESCO-Weltkulturerbe. 2.000 der rund 4.000 Gebäude, die hauptsächlich zwischen 1930 und 1940 entstanden sind, stehen unter Denkmalschutz. Allerdings sind viele von ihnen höchst sanierungsbedürftig. Diese werden nun rekonstruiert - im Spielraum zwischen denkmalgerechter und pragmatischer Reparatur. Ein schönes Beispiel für die deutsch-israelische Kooperation.

Einzigartig: Die Architektur der Moderne

Schwungvolle Rundungen, auskragende Balkone, gestaffelte Bauten, klare Gebäudegliederungen, markante Linien bei Fenstern und Treppenhäusern sowie Flachdachkonstruktionen – in diesem Stil entstanden 1930 bis 1940 tausende Neubauten in Tel Aviv. Ihre Architekten hatten in Berlin, London oder Paris studiert. Viele von ihnen waren angesichts von Antisemitismus und Verfolgung in das britische Mandatsgebiet Palästina emigriert.

In auffallend vielen Details stimmen diese Gebäude der klassischen Moderne mit Bauten in Deutschland überein, die während der Weimarer Republik entstanden sind. Die hellen Oberflächen der Gebäude, die Fliesen der Eingangsbereiche, die Ausstattungen der Wohnungen mit Einbauschränken, Türklinken oder Wasserhähnen ähneln den in Deutschland gebauten modernen Siedlungen aus den 1920er Jahren. In Tel Aviv allerdings wurde die geschlossene Bebauung auf wenige Hauptachsen beschränkt, vorherrschend sind freistehende Gebäude.

In Tel Aviv wurde die Bebauung funktional an den geografischen Gegebenheiten ausgerichtet: Durch Verschattung werden die Wohnungen am Tag vor übermäßiger Erwärmung geschützt, nachts kühlt der Wind vom Meer. Alle Wohnungen können quer gelüftet werden. Viele Gebäude stehen auf Stützpfeilern, wodurch die Luftbewegungen in den Straßen verbessert werden. Für ein angenehmes Mikroklima sorgen Bäume und Büsche in den Vorgärten und Innenhöfen.

Die Bezeichnung "Weiße Stadt" gründet sich nicht nur auf den hellen Außenputz der Gebäude:  Die Farbe "weiß" ist der Inbegriff der Moderne und prägte markant die Bauhaus-Architektur. Auch die Großsiedlung im Berliner Ortsteil Reinickendorf wird seit ihrer Entstehung 1928 als "Weiße Stadt" bezeichnet und zählt ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Ein Zentrum für Architektur und Denkmalschutz in deutsch-israelischer Kooperation

Viele Gebäude des Weltkulturerbes "Weiße Stadt Tel Aviv" gibt es heute nicht mehr in ihrer ursprünglichen Gestalt. Sehr viele sind höchst sanierungsbedürftig. So entstand  2012 die Idee, ein "Zentrum für Architektur und Denkmalschutz zum Erhalt der Weißen Stadt Tel Aviv" als deutsch-israelisches Kooperationsprojekt zu gründen. Ziel ist es unter anderem, das Bauhaus-Erbes zu erhalten und zu modernisieren. Ein neu aufgebautes Kompetenz-Netzwerk unterstützt das Projekt. Das Denkmalschutz-Zentrum vermittelt der Öffentlichkeit und den Bewohnern den behutsamen Umgang mit dem einzigartigen baukulturellen Erbe der "Weißen Stadt". Erhaltungsmaßnahmen werden diskutiert.

Das Bundesbauministerium unterstützt den Aufbau des Zentrums von 2015 bis 2025 mit insgesamt rund drei Millionen Euro. Mit der Förderung unterstreicht der Bund die gemeinsame historische und baukulturelle Bedeutung der "Weißen Stadt" für Deutschland und Israel. Als erster Schritt wurde vom Bundesamt für Bau- Stadtentwicklung und Raumordnung ein Forschungs-Gutachten erstellt. Es enthält eine genaue Bestandsaufnahme von ausgewählten Gebäuden in Tel Aviv sowie Empfehlungen für deren Sanierung und Modernisierung. Ein digitales Datenarchiv wird derzeit aufgebaut.

Die Stadt Tel Aviv hat für die Einrichtung des Zentrums das denkmalgeschützte Max-Liebling-Haus zur Verfügung gestellt. Die Sanierung des vom Architekten Dov Karmi errichteten Gebäudes soll bis 2019 fertiggestellt werden. Passgenau zum 100jährigen Bauhaus-Jubiläum ist die Wiedereröffnung geplant. Während der Sanierung ist das Haus dennoch als sogenannte "offene Baustelle" zugänglich. So gibt es Handwerker-Workshops und Lesungen sowie regelmäßige Führungen für Besucher. 

Tel Aviv - Einwanderungsmagnet für Juden aus aller Welt

Tel Aviv war das wichtigste Ziel der jüdischen Immigration. Zumal die Stadt schon seit 1922 im Teilungsplan des Völkerbundes (ab 1945 Vereinte Nationen) für Palästina als Bestandteil eines jüdischen Staates vorgesehen war. Die Stadt wuchs rasch. 1925 beauftragte die britischer Mandatsregierung den schottische Stadtplaner Patrick Geddes, einen Masterplan für die Bebauung und Infrastruktur zu entwickeln.

Weitgehend diesem Bebauungsplan folgend entstand in den 1930er Jahren ein riesiges Areal mit modernen Neubauten von Stadtvillen und Mehrfamilienhäusern. Die - überwiegend aus Deutschland und Osteuropa emigrierten jüdischen - Architekten brachten ihre Ideen von modernem Bauen mit. So entstand das heute weltweit größte zusammenhängende Architekturensemble von rund 4.000 Gebäuden mit Bauhaus-Charakter im sogenannten "Internationalen Stil".

Tel Aviv wurde 1909 von jüdischen Siedlern gegründet. Zunächst ein südlicher Vorort von Jaffa, erhielt Tel Aviv bereits 1921 eine eigene städtische Verwaltung und 1934 die Unabhängigkeit von Jaffa. 1931 hatte Tel Aviv 46.000 Einwohner, 1938 bereits 150.000, 1947 schon 230.000 Einwohner. Heute leben rund 400.000 Menschen in der Stadt und mehr als drei Millionen Einwohner in der gesamten Metropolregion. Vor 70 Jahren, am 14. Mai 1948, rief David Ben-Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus.

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