Das Leid und Unrecht anerkennen

Sexueller Kindesmissbrauch Das Leid und Unrecht anerkennen

Kinder und Jugendliche, die in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren haben, leiden darunter oft ein Leben lang. Im Interview spricht die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission für die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen, über die Arbeit der Kommission und den jüngsten Aufruf an Betroffene aus dem Kontext Schule.

Sabine Andresen, Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs

Hilft Betroffenen von sexuellem Missbrauch dabei, über ihre Vergangenheit zu sprechen und sie zu bewältigen: Prof. Sabine Andresen, Vorsitzende der Aufarbeitungskommission.

Foto: Aufarbeitungskommission/Kathrin Harms

Frau Prof. Andresen, Sie sind Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Was ist die Aufgabe der Kommission und warum braucht es sie?

Prof. Sabine Andresen: Um Kinder und Jugendliche wirksam schützen zu können, braucht es den Blick in die Vergangenheit. Wir wollen erkennen, welche Strukturen Missbrauch ermöglicht oder begünstigt haben, warum sich Kinder nicht anvertraut haben oder wenn doch, warum ihnen nicht geholfen wurde. Und auch, wieso es möglich war, dass Taten verschwiegen oder gar vertuscht werden konnten.

Wir haben den Auftrag, sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen in allen Bereichen zu untersuchen, in denen sich Kinder aufhalten. Dazu zählen neben der Schule, dem Sport und anderen Freizeiteinrichtungen, den Kirchen und Heimen auch die Familie und das soziale Umfeld. Bisher ist die Kommission weltweit die einzige Aufarbeitungskommission, die sexuellen Kindesmissbrauch in der Familie untersucht. Das ist ein besonders wichtiger Bereich, weil sexuelle Gewalt dort sehr häufig geschieht. Und gerade in Familien sind Kinder ja ganz besonders abhängig und sie können sehr allein mit ihren Erlebnissen, dem Schmerz und den Ängsten sein.

Ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit ist das Gespräch mit Betroffenen von sexuellem Missbrauch. Warum ist das so wichtig?

Andresen: Sexueller Kindesmissbrauch geht oft damit einher, dass Betroffenen nicht zugehört und geglaubt wird. Diese Erfahrung wiederholt sich häufig im Laufe ihres Lebens. Betroffene einzuladen, ihnen zuzuhören und zu glauben und ihre Berichte als Ausgangspunkt für Aufklärung und Aufarbeitung anzuerkennen, ist deshalb wichtig. Insofern sind die Anhörungen der Kommission für viele Betroffene eine sehr hilfreiche und wertvolle Erfahrung. Aber zugleich ist das Sprechen über die sexuelle Gewalt auch schmerzhaft und es kann wieder als belastend erlebt werden.

Für uns war es eine wichtige Erkenntnis, von betroffenen Menschen zu hören, wie viele von ihnen bereits als Kinder den Mut gefasst und gesprochen, sich anvertraut haben. Auch diesen Mut und das damit verbundene Leid und Unrecht, wenn der Missbrauch nicht beendet, ihnen nicht geholfen wurde, zu sehen und anzuerkennen, ist ein Ziel unserer Arbeit. Dafür schaffen wir einen sicheren vertraulichen Raum, in dem Betroffene, außerhalb von Therapieräumen und Gerichtssälen sprechen können.

Das Sprechen über die sexuelle Gewalt ist für viele Betroffene auch mit dem Ziel verbunden, einen aktiven und sehr sinnvollen Beitrag zu leisten, nämlich Kindern und Jugendlichen heute Leid zu ersparen und sie besser zu schützen. Diese Motivation ist bemerkenswert und wir haben großen Respekt davor.

Sie starten heute einen Aufruf an Betroffene aus dem Umfeld der Schulen. Sie sollen sich bei der Unabhängigen Kommission melden, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Warum ist das aus Ihrer Sicht nötig? Ist sexueller Missbrauch denn ein großes Problem an unseren Schulen?

Andresen: In sehr vielen vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichten von Betroffenen spielt die Schule eine Rolle. Alle sind zur Schule gegangen und diese ist als Alltagsort und -erfahrung einfach sehr präsent. Wie taucht Schule in den Berichten Betroffener auf? Für manche war sie ein Schutzort, wenn sie beispielsweise in der Familie sexuelle Gewalt erlitten haben. Aber Betroffene berichten auch von der Schule als Tatort, weil Pädagogen oder Peers – also Mitschüler – übergriffig waren. Wir wollen nun herausfinden, welche Bedingungen den Missbrauch an Schulen ermöglicht haben, welche Strukturen und Haltungen dazu beigetragen haben, dass Gewalt verschwiegen und die Aufklärung verhindert wurde. Und uns interessiert, wer Kindern auf welche Art und Weise geholfen hat.

Um dieses Wissen zu erlangen, haben wir eine Aufrufkampagne gestartet. Wir möchten Betroffene, die sexuellen Missbrauch in der Schule erlebt haben, ermutigen, sich bei uns zu melden und von ihren Erfahrungen zu berichten. Aber wir möchten auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer mit dem Aufruf ansprechen.

Betroffene können sich über die anonyme und kostenfreie Nummer des Infotelefons Aufarbeitung 0800-4030040 melden. Sie können sich auch auf der Internetseite der Aufarbeitungskommission über die verschiedenen Möglichkeiten informieren, wie sie der Kommission berichten können: in einer vertraulichen Anhörung oder mit einem schriftlichen Bericht.

Haben Sie zuvor bereits andere Schwerpunkte gesetzt?

Andresen: Wir haben 2016 unsere Arbeit mit dem Bereich Familie begonnen. Bereits nach unserem ersten öffentlichen Hearing meldeten sich rund 800 Menschen, die sexuellen Kindesmissbrauch in der Familie erlebt hatten und uns davon berichten wollten. Zu den Bereichen die wir außerdem untersucht haben, gehören die evangelische und die katholische Kirche, der Sport, sexueller Kindesmissbrauch in pädophilen Strukturen sowie in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen. Auch den Kontext DDR haben wir bearbeitet.

Hat sich in den vergangenen Jahren auch etwas verbessert?

Andresen: Ich glaube, inzwischen erkennen immer mehr Menschen an, dass sexuelle Gewalt ein Verbrechen ist und nicht bagatellisiert werden darf. In der Zivilgesellschaft gibt es inzwischen eine größere Bereitschaft, betroffenen Menschen zuzuhören und ihnen zu glauben. Ein großer Gewinn, gerade auch für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, ist es, dass immer mehr betroffene Menschen die Kraft und den Mut aufbringen, über das in ihrer Kindheit und Jugend erlebte Unrecht zu sprechen. Ich würde das sehr hoch gewichten und ich hoffe, dass wir dadurch alle lernen, über sexuelle Gewalt zu sprechen und sie nicht immer wieder auszublenden. 

Es gibt in vielen pädagogischen und sozialen Bereichen die Bereitschaft für Präventionsansätze und auch die Erkenntnis, dass Vernetzung mit Fachleuten von außen hilfreich ist. Deutlich schwerer fällt es dagegen, in die Vergangenheit des eigenen Verbandes oder der eigenen Schule zu blicken und sich für Aufarbeitung zurückliegender Fälle verantwortlich zu zeigen.

Man darf sich nicht entmutigen lassen und nun auf halber Strecke quasi stehenbleiben. Es gibt zahlreiche Schritte in die richtige Richtung, gerade auch wenn wir auf die Forschung blicken, beispielsweise zu sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Strukturen. Als ein Ergebnis der letzten Jahre kann man sicherlich auch die große öffentliche Debatte um die Aufarbeitung der Kirchen verstehen und die Erwartungshaltung vieler Bürgerinnen und Bürger, dass Geistliche in der katholischen und evangelischen Kirche Verantwortung übernehmen.

Für erwachsene Betroffene fehlt es bislang leider oft an passgenauer Unterstützung. Viele sind mit den Folgen des sexuellen Kindesmissbrauchs zum Teil weit ins Erwachsenenalter hinein konfrontiert. Sie müssen schneller und unbürokratisch die richtigen Hilfen bekommen können. Betroffen von sexuellem Kindesmissbrauch zu sein, erleben viele noch als Stigma und das liegt an uns als Gesellschaft.

Wie kann man Missbrauch im eigenen Umfeld erkennen und was kann jeder Einzelne tun, um Betroffenen zu helfen?

Andresen: Für Kinder ist es häufig sehr schwer, über die Gewalterfahrungen zu sprechen. Entweder weil sie sich unsicher fühlen und das Geschehene nicht einordnen können. Oder weil sie eine tiefe Scham empfinden, über etwas so Intimes zu sprechen. Sie können sich auch mitschuldig fühlen, weil der Täter ihnen das eingeredet hat und sie dazu zwingt, darüber zu schweigen.

Zunächst ist es wichtig, Verhaltensänderungen bei einem Kind ernst zu nehmen und nachzufragen oder bereit zu sein, ihm zuzuhören, wenn es sich von selbst anvertraut. Es ist wichtig, dem Kind das Gefühl zu geben, das es richtig war, darüber zu sprechen und dass man ihm helfen wird. Man muss das Problem aber nicht selbst lösen können. Man sollte jedoch wissen, wo man professionelle Hilfe bekommt, zum Beispiel bei einer spezialisierten Beratungsstelle. Auch beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch oder beim Hilfeportal Sexueller Missbrauch erhält man die nötigen Informationen. Auch wenn man sich einfach nur unsicher fühlt, ein komisches Gefühl hat, kann das die richtige Anlaufstelle sein.

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Aufruf an Betroffene: Werden Sie los, was Sie nicht löslässt.

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