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Perlen der Forschung

Auf der Suche nach den zerbrochenen Worten

Jedes zwanzigste Kind leidet unter einer ausgeprägten Lese-Rechtschreibschwäche, der sogenannten Legasthenie. Je eher sie festgestellt wird, desto besser für die Zukunftsaussichten der betroffenen Kinder. Das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften entwickelte einen Frühtest zur Diagnose.

Ein Kind mit Kopfhörern absolviert einen Test für Legasthenie. Der Legasthenie-Test für Vorschulkinder macht Spaß. Foto: MPI CBS Leipzig

Die betroffenen Kinder, zwei Drittel sind Jungen, verzweifeln, wenn es darum geht, Wörter und Sätze zu schreiben oder zu lesen. Wörter dehnen sich, zerbrechen, Buchstaben sind unerkennbar. Und das bei ansonsten normaler allgemeiner Intelligenz. Legasthenie bedeutet vor allem oft jahrelanger schulischer Misserfolg – ohne, dass die wahre Ursache erkannt wird. Darunter leidet das Selbstbewusstsein der Kinder. Ängste, Depressionen und psychosomatische Probleme sind oft die Folge – ganz zu schweigen von den schwierigen Zukunftsaussichten in einer zunehmend verschriftlichten Welt.

Handschriftlicher Brief mit RechtschreibfehlernBild vergrößern Schriftbeispiel für Legasthenie Foto: MPI CBS Leipzig

Vermeidbares Leid

Das wäre vermeidbar. Denn das Problem ist, dass Legasthenie bisher zu spät erkannt wird. Die gängigen diagnostischen Tests kommen erst am Ende der zweiten Klasse, häufig gar erst viel später zum Einsatz - nämlich dann, wenn die Schwächen beim Erlernen des Lesens und Schreibens bereits offensichtlich sind.

Besser wäre es, wenn man frühzeitig "in die Köpfe der Kinder schauen" könnte. Die neurowissenschaftliche Forschung macht genau das möglich.

Die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, Professorin Angela D. Friederici beschäftigt sich täglich mit dem Thema. Dank der präzisen Erforschung der Sprachnetzwerke im Gehirn können Friederici und ihr Team nun mit über als 90 Prozent Exaktheit abschätzen, ob ein Kind unter diesem Defizit leiden wird. Und das bereits im Alter von fünf Jahren.

Blick ins Gehirn

Visualisierung der Netzwerke im Gehirn.Bild vergrößern Netzwerke im Gehirn sichtbar gemacht Foto: MPI CBS Leipzig

Per hochauflösender, präziser Bilder aus dem Magnetresonanztomographen (MRT) lassen sich anatomische Unterschiede identifizieren. Der Blick in die für die Sprachverarbeitung wesentlichen Hirnareale zeigt zum einen eine geringere Stärke der Hirnrinde, insbesondere in einer bestimmten Region in der linken Hirnhälfte. Zum anderen ist die Übertragung von Signalen zwischen den beteiligten Hirnarealen verrauscht.

Vor allem sind wesentliche Hirnstrukturen weniger ausgeprägt: Das sind die Faserverbindungen zwischen den entscheidenden Spracharealen, die als eine Art Datenautobahnen die Informationen zwischen diesen Hirnbereichen transportieren. Fehlen diese Verbindungen oder sind sie nur schwach ausgeprägt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Lese-Rechtschreibschwäche auftreten wird.

Mit einer frühzeitigen Diagnose - im Alter von fünf Jahren – befindet sich das Kind in einer Entwicklungsphase, in der das Gehirn sehr plastisch ist. In dieser Phase lassen sich noch ganz entscheidende Weichen stellen, denn erst in diesem Alter beginnt sich das Sprachnetzwerk im Gehirn richtig zu formieren. Hier nun kann gezielte Frühförderung ansetzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Präsentation von Forschungsprojekte der Max-Planck-Gesellschaft und Fraunhofer-Gesellschaft.Bild vergrößern Professor Friedrici präsentiert der Bundeskanzlerin ihr Projekt. Foto: Ausserhofer/MPG

Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte kürzlich bei der Präsentation des Projekts wissen, wie hoch der Aufwand ist, um alle Kinder zu untersuchen. Friederici schränkte ein, man wolle zunächst die Untersuchung auf jene Risikokinder beschränken, bei denen bereits eine Lese-Rechtschreibschwäche in der Familie vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder auch eine Lese-Rechtschreibschwäche zeigen werden, ist besonders groß.

Genetische Besonderheiten

In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie wird zudem untersucht, ob es auch genetische Besonderheiten betroffener Personen gibt. Mit beiden Verfahren würde dann die Trefferquote weiter steigen.

"Wenn wir es so schaffen, beispielsweise im Zuge von Kinder-Vorsorgeuntersuchungen einen Großteil der betroffenen Kinder zu erfassen, ersparen wir ihnen nicht nur Leid in der Schule, sondern eröffnen jedem Kind die gleiche Chance auf eine erfolgreiche Ausbildung, auf Teilnahme in der Gesellschaft und ein zufriedenes Leben“, fasste Professorin Friederici zusammen.

Dienstag, 14. Februar 2017