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Physik für Flüchtlinge

Kleine Forscher ganz groß

Kinder sind neugierig. Sie wollen lernen und entdecken – egal aus welchem Land sie stammen. Das Projekt "Physik für Flüchtlinge" bietet in Flüchtlingsunterkünften einfache physikalische Experimente zum Mitmachen an. So werden aus Kindern kleine Forscher.

Frau und Kind schauen wie sich Farbe in einem Wasserbehälter verteilt "Sieht aus wie ein Vulkan" – bei "Physik für Flüchtlinge" wird experimentiert und gestaunt. Foto: Lars Berg

"Das sieht aus wie bei einem Vulkanausbruch!", Majid ist begeistert. Konzentriert hat er lila Tinte in einen Glaskolben getropft und umgerührt. Anschließend hat er das Gefäß mit dem gefärbten warmen Wasser in einen größeren Becher mit kaltem Wasser getaucht. Man sieht, wie das bunte Wasser aufsteigt. "Warum ist es oben lila und unten nicht?", fragt Majid. Jessica Oertel sitzt neben ihm, hat ihn angeleitet und erklärt: "Fühl mal, das Wasser ist oben warm und unten kalt. Warmes Wasser steigt nach oben."

Einmal in der Woche experimentieren

Das Experiment findet in der Flüchtlingsunterkunft Wienburgstraße im westfälischen Münster statt. Josef Stein, Sozialarbeiter in der Einrichtung, stellt einen Raum zur Verfügung. Einmal in der Woche kommen Jessica Oertel und ehrenamtliche Helfer hierher und bringen einen Koffer voller Ausrüstung mit. Ballons wie eine Rakete starten lassen? Kein Problem. Konzentriert mit Pipetten arbeiten? Geht selbst mit Kindern, die vorher laut und aufgedreht waren.

Oertel ist Physikerin und Pädagogin. Sie koordiniert die zwölf ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer von "Physik für Flüchtlinge" vor Ort. Seit dem Sommer 2016 läuft das Projekt in Münster, momentan in drei Flüchtlingsunterkünften. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat es deutschlandweit Ende 2015 ins Leben gerufen, als Willkommensgeste für die vielen Flüchtlinge. Sie stellt die Ausrüstung und hilft logistisch. In Münster ist der Fachbereich Physik der Universität beteiligt.

Selbstbewusstsein stärken

In der Flüchtlingsunterkunft leben 43 Menschen, unter ihnen viele Kinder und Jugendliche. Sie kommen wie Majid aus Syrien, andere aus Afrika oder Tschetschenien. Ein buntes Gemisch, aber Physik ist überall auf der Welt gleich. Gesprochen wird Deutsch, die Kinder beherrschen es nach wenigen Monaten in Deutschland erstaunlich gut.

Sechs Jungen stehen an diesem Nachmittag vor Schalen mit in Wasser gelöster Speisestärke. Sie dürfen matschen, formen, kneten. Die Masse ist mal fest und mal flüssig. Krystof Beuermann lobt einen Jungen, der die Stärke zu einer Kugel geformt hat. "Super! Schnell den anderen zeigen, bevor sie wieder zerfließt." Der Junge ist sichtlich stolz.

Es ist wichtig und macht Spaß

Beuermann ist eigentlich Software-Entwickler. Er nimmt sich einen Tag in der Woche Zeit für Sachen, die ihm "sonst noch wichtig sind". Die ehrenamtliche Arbeit mit den Flüchtlingskindern gehört dazu. Es sei "ein wilder Haufen", aber es mache "total Spaß", sagt er.

Jessica Oertel betont, dass es nicht um physikalische Formeln gehe. Sie erkläre die Phänomene, wenn die Kinder fragen. Der Spaß am Ausprobieren steht im Vordergrund. So lernen die Kinder automatisch. Beide Helfer lachen viel mit den Kindern, haben Geduld, wenn mal etwas nicht klappt. Die Kinder hören ihnen gespannt zu.

Ein idealer Moment

Die Eltern der Kinder laden die Helfer zum Kaffee oder Abendessen ein. Der Kontakt geht also über das eigentliche Projekt hinaus. "Wir lernen die Leute kennen und viel Neues. Es sollten mehr Bürger in die Unterkünfte kommen.", wünscht sich Krystof Beuermann.

Jessica Oertel erinnert sich an das Sommerfest, mit dem das Engagement in der Wienburgstraße begann. Aus der Nachbarschaft kamen viele Menschen und feierten miteinander. "Ein Moment des Idealen", sagt Oertel. "Alle waren zusammen."

Physik für Flüchtlinge ist ein Projekt der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Georg-August-Universität Göttingen. Das Bundesbildungsministerium fördert es mit rund 159.000 Euro. Ziel ist es, Flüchtlingskindern Physik spielerisch näher zu bringen – weit mehr als 1.000 hat man in den vergangenen Monaten erreicht. Aktuell nehmen deutschlandweit 58 Standorte am Projekt teil. Dabei engagieren sich 527 Helfer.

Freitag, 13. Oktober 2017

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