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Rede von Kulturstaatsministerin Grütters zur Eröffnung der Dauerausstellung "Exil. Erfahrung und Zeugnis 1933-1945" im Deutschen Exilarchiv

Datum:
08. März 2018
Ort:
Frankfurt am Main

Die neue Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs sei wegweisend für die Vermittlung von Exilerfahrungen, hob die Kulturstaatsministerin in ihrer Eröffnungsrede hervor. Sie ermögliche einen "Perspektivenwechsel, mit dem die Relevanz der Vergangenheit für die Gegenwart sichtbar wird."

„Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben“. So beschreibt Anna Seghers in ihrem berühmten, autobiographisch geprägten Roman „Transit“ anhand zahlreicher Einzelschicksale die Wochen und Monate des Wartens auf Transitpapiere und Einreisegenehmigungen am Hafen von Marseille - jener Stadt, in der 1940 nach der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten tausende Flüchtlinge versuchten, auf einem Schiff ins rettende Exil zu gelangen. Bis heute gehört ihr Roman zu den bewegendsten Zeugnissen der Existenzbedingungen im Exil: Er zeigt, wie sehr der Weg der Emigration vom Gefühl der Verlorenheit geprägt ist - nicht nur bedingt durch Angst und Verzweiflung, durch emotionale Entwurzelung, sprachliche Barrieren und materielle Verluste. Anna Seghers erzählt, wie auch Würde und Menschlichkeit auf dem Weg ins Exil verloren gingen, wenn Menschen sich gezwungen sahen, um des ersehnten Stempels oder um der nötigen Papiere willen Angehörige und Freunde im Stich zu lassen. Wer es ins Exil schaffte, hatte oftmals nicht mehr gerettet als die eigene, nackte Existenz.

Etwa 500.000 Menschen waren es, die zwischen 1933 und 1945 aus dem Machtbereich der NS-Diktatur ins Exil gezwungen wurden und - wie Anna Seghers - Zuflucht in der Fremde suchen mussten. Gut 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige von ihnen. So droht mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten, welche Verwüstungen der Verlust der Heimat und das Leben im Exil in unzähligen Lebenswegen, in familiären und freundschaftlichen Beziehungen, im gesellschaftlichen Miteinander hinterließen. Die Erinnerung daran lebendig zu halten, ist Teil unserer historischen Verantwortung, Lehren aus der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Barbarei zu ziehen. Dafür werden mit dem allmählichen Abschied von den Zeugen des deutschsprachigen Exils die Zeugnisse des deutschsprachigen Exils immer wichtiger: Sie verdienen - über die wissenschaftliche Auseinandersetzung hinaus - mehr Raum in unserer Erinnerungskultur, mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Deshalb freue ich mich, dass das Deutsche Exilarchiv heute erstmals in seiner über 60jährigen Geschichte eine Dauerausstellung eröffnet, die Exilerfahrungen anhand von mehr als 250 Originalen aus Nachlässen und mehr als 300 Publikationen ganz unterschiedliche Perspektiven auf das Thema ermöglicht. Die Exponate stehen für individuelle Exilerfahrungen in den Jahren 1933 bis 1945: für Bruch und Verlust, Leid und Schmerz, aber auch für Neuanfang und Hoffnungen auf ein besseres Leben. Gerade die letzten Habseligkeiten, die ein Mensch aus der Heimat in die Fremde gerettet hat, erzählen ja viel über Halt und Herkunft, über Werte und Wurzeln. Allein schon deshalb hat man, wenn man mit wachem Blick durch die Ausstellungen geht, den Eindruck, den Menschen sehr nahe zu kommen, die sich einst in den Häfen von Marseille und anderen Transitstädten ihren Weg ins Exil erkämpften. Bewegend finde ich auch die acht Lebensgeschichten, deren Spuren die Besucherinnen und Besucher anhand besonders hervorgehobener Sammlungsgegenständen folgen können: Ich bin jedenfalls nach meinem Rundgang überzeugt, dass die neue Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs wegweisend sein wird für die Vermittlung solcher Exilerfahrungen.

Es ist aber natürlich keineswegs die einzige Möglichkeit, sich diesem - unsere Geschichte und Identität prägenden - Thema anzunähern. In zahlreichen, von der BKM finanzierten bzw. mitfinanzierten Einrichtungen nimmt es breiten Raum ein, etwa in der Berliner Akademie der Künste, die über 300 Nachlässe emigrierter Künstlerinnen und Künstler beherbergt, oder in der Stiftung Deutsche Kinemathek, die einen ganzen Abschnitt ihrer ständigen Ausstellung dem Wirken deutscher Filmschaffender im Exil widmet, oder auch im Literaturarchiv Marbach: Hier ist Exilliteratur ein eigener Sammelschwerpunkt. Die BKM unterstützt über Stipendien auch bedeutende Erinnerungsorte des Exils im Ausland - wie die ehemaligen Wohnhäuser Lion Feuchtwangers und Thomas Manns. Darüber hinaus hat der Bund 2012 den Aufbau eines virtuellen Museum „Künste im Exil“ bei der Deutschen Nationalbibliothek angestoßen und dafür Mittel aus meinem Kulturetat bereitgestellt. Mehr als 30 Forschungseinrichtungen, Archive, Ausstellungshäuser und Initiativen im In- und Ausland haben unter der Federführung des Deutschen Exilarchivs gemeinsam die unter www.kuenste-im-exil.de abrufbare Ausstellung entwickelt. Sie bietet Einblicke in das Leben und Werk exilierter Künstler, damit möglichst viele - auch und gerade junge - Menschen verstehen, was es bedeutet, zur Heimatlosigkeit verurteilt zu sein. Auch diese virtuelle Ausstellung profitiert enorm von der hervorragenden Expertise der Deutschen Nationalbibliothek, die die prägenden Erfahrungen des Exils und der Emigration in den Jahren 1933 bis 1945 mit dem Deutschen Exilarchiv schon seit der frühen Nachkriegszeit vor dem Vergessen bewahrt.

In Zukunft wird dazu auch das im Aufbau befindliche, unter der Schirmherrschaft der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller stehende Exilmuseum in Berlin beitragen. Das freut mich sehr - und ich bin beeindruckt vom bürgerschaftlichen Engagement der Stiftung Exilmuseum. Jeder Beitrag, der das Erinnern fördert und zum Nachdenken über Emigration und Exil anregt, ist willkommen - auch und gerade in Kooperation mit den bereits bestehenden Institutionen und Initiativen, wie sie das Exilmuseum offenbar anstrebt. Denn es braucht eine Menge Expertise und gute Ideen, um den - zum Glück! - in Frieden und Wohlstand aufgewachsenen Nachkriegsgenerationen zu vermitteln, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, eine Heimat zu haben.

Die Exilerfahrungen hunderttausender Menschen verdienen einen festen Platz in unserem Erinnern an die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, aber auch in der Auseinandersetzung mit Emigration und Exil in der Gegenwart. Sie verdienen breite öffentliche Aufmerksamkeit in einem Land, das einst so viele Menschen ins Exil trieb und das heute selbst Exilland für Menschen geworden ist, die in Diktaturen, in autoritär regierten Staaten, in Kriegs- und Krisengebieten politisch verfolgt werden. Gerade mit Blick auf unsere Geschichte und die Exilerfahrungen deutscher Dichter und Denker stehen wir besonders in der Pflicht, verfolgten Künstlern und Intellektuellen Schutz zu gewähren. So finanziert mein Haus beispielsweise das Programm „Writers in Exile“ des Deutschen PEN-Zentrums, das verfolgten Schriftstellerinnen und Schriftstellern bis zu zwei Jahre lang eine sichere Bleibe und Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland bietet. Im Koalitionsvertrag, dessen Umsetzung wir nun endlich angehen können, haben wir außerdem vereinbart, „eine Initiative für die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Presse- und Meinungsfreiheit, auch im Hinblick auf Exilerfahrungen“ zu unterstützen.

Solche Exilerfahrungen hat der Regisseur Christian Petzold im Übrigen gerade erst auf die Leinwand gebracht und damit gezeigt, wie bestürzend nah und aktuell die Emigration der NS-Zeit immer bleiben wird: Sein bewegender Film „Transit“, der im Februar auf der Berlinale Premiere feierte und im April in die Kinos kommt, holt den eingangs zitierten, gleichnamigen Roman von Anna Seghers ins Marseille der Gegenwart - und das Irritierendste daran ist, dass diese Vergegenwärtigung des längst Vergangenen eben nicht irritiert: dass es nicht schwer fällt, sich auszumalen, was Menschen, insbesondere Künstler und Andersdenkende, heute aus Deutschland ins Exil treiben würde - und dass Anna Seghers‘ Worte und Dialoge aus dem Jahr 1940 auch in die heutige Zeit passen, ja, etwas Allgemeingültiges haben. So betrachtet, scheint es plötzlich ganz und gar nicht mehr selbstverständlich, im Deutschland des 21. Jahrhunderts eine sichere Heimat zu haben, verwurzelt zu sein an einem Ort, in einer Sprache, in einem Geflecht aus stabilen Beziehungen. Ja, Heimat scheint plötzlich nichts mehr zu sein, was man einfach „hat“. Alles, was die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Presse gefährdet, kann auch einen Schritt ins Elend des Exils bedeuten - und sei es auch nur ins Verstummen und Beschweigen, denn Exil beginnt fast immer in der Sprache.

Genau diesen Perspektivenwechsel, mit dem die Relevanz der Vergangenheit für die Gegenwart sichtbar wird, wünsche ich auch den hoffentlich zahlreichen Besucherinnen und Besuchern der neuen Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs, meine Damen und Herren. Möge die intensive Auseinandersetzung mit Deutschland prägenden Exilerfahrungen dazu motivieren, die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Presse gegen ihre Feinde zu verteidigen! Das ist ein hehres Ziel für eine Ausstellung - aber wir schulden es den Menschen, von deren Heimatverlust die Exponate des Deutschen Exilarchivs erzählen.