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Staatsministerin für Kultur und Medien
Monika Grütters

Humboldt Forum Berlin

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Besuch auf der Baustelle des Humboldt Forum

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Monika Grütters

Verleihung des deutschen Musikautorenpreises

Inhalt

Rede der Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Verleihung der Kinoprogramm- und Verleiherpreise 2017

Datum:
18. Oktober 2017
Ort:
Potsdam

Kulturstaatsministerin Grütters hat 214 Programmkinos und drei Verleiher für ihr künstlerisch ambitionierten Filmangebot ausgezeichnet. "Wir brauchen Ihre Begeisterung für die "Perlen" des Filmschaffens, Ihre kundige Programmarbeit und Ihren Mut zum ökonomischen Risiko, damit der Film auch als Kulturgut - und nicht allein als Wirtschaftsprodukt - eine Zukunft hat!".

Am heutigen 18. Oktober hätte einer der berühmtesten Dichter Brandenburgs, nämlich Heinrich von Kleist, seinen 240. Geburtstag gefeiert. Das wäre an einem Abend, der herausragenden Programmkinos und Filmverleihern gehört, gewiss keiner Erwähnung wert - wenn Kleist nicht auf besonders dramatische und - nun ja: sagen wir - filmreife Weise Selbstmord begangen hätte, als er hier ganz in der Nähe, am Kleinen Wannsee, zunächst seine Freundin und dann sich selbst erschoss. Die Wiener Filmemacherin Jessica Hausner hat aus Kleists Suche nach einer suizidwilligen Seelenverwandten tatsächlich einen Film gemacht - "Amour fou", der 2014 in Cannes uraufgeführt wurde und 2015 bei unseren heutigen Gastgebern, im Thalia Programmkino Babelsberg, seine Vorpremiere feierte.

"Amour fou" wurde in den Medien als "kleine Film-Perle" gewürdigt - eine Perle, die vielen Film-Liebhabern vermutlich verborgen geblieben wäre, gäbe es in der Filmwelt nicht auch jene Filmkunstverleiher und Kinobetreiber, die sich ganz dem künstlerisch anspruchsvollen Film verschrieben haben. Solche Perlen, die in der Flut des Filmschaffens, in der Masse des Mainstreams allzu leicht untergehen, im Licht öffentlicher Aufmerksamkeit zum Strahlen zu bringen, ist das Verdienst der Filmkunstverleihe und der Programmkinos - und spätestens im Rückblick zeigt sich, wie sehr sie sich damit sowohl um die Filmkunst insgesamt als auch um den Ruf des deutschsprachigen Films verdient machen. So verdanken zahlreiche Regisseure, die heute in künstlerischer wie auch in kommerzieller Hinsicht für ganz großes deutsches Kino stehen (- man denke nur an Werner Herzog, Wim Wenders oder Rainer Werner Fassbinder -), ihren Kult-Status nicht zuletzt den im wahrsten Sinne des Wortes neu-gierigsten Förderern der Filmavantgarde: Ihnen, meine Damen und Herren, den Filmkunstverleihern und Programmkinobetreibern! Die Cineasten-Gemeinde, die Sie mit Ihrem künstlerisch ambitionierten Filmangebot begeistern, mag im Vergleich zu den Massen, die die Blockbuster in die Multiplex-Kinos locken, überschaubar sein. Doch kaum zu überschätzen ist Ihr Beitrag zur Verbreitung künstlerisch herausragender Filme. Wir brauchen Ihre Begeisterung für die "Perlen" des Filmschaffens, Ihre kundige Programmarbeit und Ihren Mut zum ökonomischen Risiko, damit der Film auch als Kulturgut - und nicht allein als Wirtschaftsprodukt - eine Zukunft hat!

Diese Begeisterung, diese Expertise und dieser Mut verdienen Anerkennung und Unterstützung. Deshalb freue ich mich, heute Abend die Kinoprogramm- und Verleiherpreise 2017 vergeben zu dürfen - einmal mehr dank der sorgfältigen Vorarbeit der beiden Jurys, deren Mitglieder viel Zeit und Energie in die Auswahl der Preisträger investiert haben. Herzlichen Dank Ihnen, liebe Frau Pfeiffer und lieber Herr Schmalz, und allen anderen Jurymitgliedern für das große Engagement, das man angesichts des damit verbundenen Arbeitsaufwands für sich genommen schon als Liebeserklärung an die Programmkinos und Filmkunstverleiher werten darf... .

Die Preisgelder - in diesem Jahr sind es insgesamt 1,8 Millionen Euro für 214 Programmkinos und insgesamt 225.000 Euro für drei Verleiher - sind Teil der kulturellen Filmförderung meines Hauses, die mir, wie viele von Ihnen sicher wissen, ganz besonders am Herzen liegt. Deshalb habe ich im vergangenen Jahr die Verleihförderung aufgestockt und den Etat für den Kinoprogrammpreis um 20 Prozent erhöht, was sich für Sie insofern auszahlt, meine Damen und Herren, als die überwiegende Zahl der Preisträger deutlich höhere Prämien als noch 2015 erhalten wird. Darüber hinaus stehen seit 2016 zusätzlich 15 Millionen Euro jährlich für die kulturelle Filmförderung meines Hauses zur Verfügung, so dass wir künstlerisch anspruchsvolle Filmprojekte in wesentlich höherem Umfang als bisher (nämlich mit rund 28 Millionen Euro jährlich) unterstützen können. Sollte ich in der neuen Bundesregierung für Kultur und Medien verantwortlich bleiben, werde ich mich selbstverständlich dafür einsetzen, dass die zusätzlichen Mittel auch in den kommenden Jahren zur Verfügung stehen. Davon werden mittelfristig auch Sie, die Filmkunstverleiher und Programmkinobetreiber, profitieren, weil wir erwarten, dass die Erhöhung der Fördermittel neue "Filmperlen" hervorbringt. Mit der Stoffentwicklungsförderung, den zusätzlichen Mitteln für die kulturelle Filmproduktionsförderung und der Aufstockung der Verleihförderung sowie der Kinoprogrammpreisprämien können wir ambitionierte und innovative Filmprojekte von der ersten Papierskizze bis zur Premiere im Programmkino effektiv unterstützen.

Nicht weniger wichtig sind eine optimale Kinoauswertung und ein öffentliches Bewusstsein für die Bedeutung der Kinos als Kulturorte, gerade auch im ländlichen Raum. Der Schutz der Kinos als kulturelle Begegnungsstätten ist mir deshalb ein wichtiges Anliegen, und ich bin froh, dass es im Rahmen der FFG-Novelle gelungen ist, die bisher geltenden Sperrfristen zu erhalten - allen Forderungen nach einer Aufweichung zum Trotz - und insbesondere die kleinen und mittleren Kinos bei den Abgaben deutlich zu entlasten. Unterstützenswert sind auch Initiativen, die die Filmkunst stärker als bisher ins Rampenlicht rücken - so wie der vom Internationalen Verband der Arthouse-Kinos initiierte European Art Cinema Day, der am vergangenen Sonntag unter dem Motto "Europa geht ins Kino" zum zweiten Mal als Feiertag der Vielfalt europäischer Filmkunst begangen wurde. Ich habe zusammen mit meiner französischen Amtskollegin Francoise Nyssen gerne die Schirmherrschaft übernommen. Denn ich bin überzeugt, dass wir Kinos als Kulturorte - als Orte öffentlicher Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Menschseins und den welt-bewegenden Themen unserer Zeit - auch in Zukunft brauchen.

Kulturstätten sind gerade in sehr kleinen Städten dünn gesät, und vielfach ist das Kino der einzige Ort, der Menschen aus ihren digitalen Echokammern und Filterblasen holt und zum Perspektivenwechsel anregt. Filmtheater, die Kino als Gemeinschaftserlebnis, als sinnlichere Alternative zum einsamen Serienkonsum auf der heimischen Couch attraktiv machen, die filmbegleitende Veranstaltungen anbieten, die sich in der Kinder- und Jugendarbeit engagieren, sich für das Filmerbe einsetzen und den "Perlen" einer vielfältigen Filmkunst landauf landab ein Publikum verschaffen - solche Filmtheater stärken die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Reflexion und Verständigung - und damit gewissermaßen auch die gesellschaftliche Immunabwehr gegen populistische Vereinfacher. Der 100. Geburtstag des traditionsreichen Thalia Programmkinos, das in seiner Geschichte fünf politische Systeme erlebt hat und allen widrigen Umständen durch Krieg und Diktatur zum Trotz insgesamt nur drei Jahre geschlossen war, darf uns jedenfalls zuversichtlich stimmen, dass das Kino als gleichermaßen in der Stadtgesellschaft verwurzelter wie dem Zeitgeschehen zugewandter Kulturort immer eine Zukunft hat. Ihnen und Ihrem Team herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Jubiläum, liebe Frau Zuklic, lieber Herr Bastian!

Heinrich von Kleist, dem Sie mit "Amour fou" eine Premierenbühne geboten haben, hätte sich so etwas wie ein Kino vermutlich nicht einmal vorstellen können. Aber anlässlich seines 240. Geburtstags verdient er es dann doch, heute zu Wort zu kommen. Nirgends könne man, schrieb er einmal in einem Brief, "den Grad der Kultur einer Stadt und überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller und doch zugleich richtiger kennenlernen als - in den Leihbibliotheken." Das war im Jahr 1800, als er diese Worte zu Papier brachte, sicherlich zutreffend. Ich trete dem Jubilar aber gewiss nicht zu nahe, wenn ich unterstelle, dass er heute, um "den Grad der Kultur einer Stadt" und "den Geist ihres herrschenden Geschmacks" schnell und richtig einzuschätzen, vermutlich zur Durchsicht ihres Kinoprogramms raten würde … . Es ist Ihr Verdienst, liebe Programmkinobetreiber, liebe Filmverleiher, wenn uns dabei um Kultur und Geist nicht bange werden muss. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch allen Preisträgerinnen und Preisträgern der Kinoprogramm- und Verleiherpreise!