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Rede von Kulturstaatsministerin Grütters bei der Verleihung des VBKI-Preises Berliner Galerien

Datum:
15. September 2017
Ort:
Berlin

Kulturstaatsministerin Grütters hat die Initiative des Vereins Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI) begrüßt, zusammen mit dem Landesverband Berliner Galerien einen Preis für junge Galerien in der Hauptstadt ins Leben zu rufen. Damit werde über ein einzelnes, herausragendes Ausstellungsvorhaben hinaus auch der nicht unerhebliche Anteil einer starken Galerieszene am erneuten Aufstieg Berlins zu einer Kunstmetropole mit weltweiter Strahlkraft gewürdigt, so Grütters.

- Es gilt das gesprochene Wort.-

Preise gehören zum Kunstbetrieb wie Vernissagen zum Galeriebetrieb: Um die 900 Auszeichnungen für Bildende Kunst gibt es angeblich in Deutschland, von A wie Alpirsbacher Malwettbewerbe für Kunststudenten bis Z wie Zonta Cologne Art Award, von unterschiedlich dotierten Arbeitsstipendien bis zum renommierten Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst, der Künstlerinnen und Künstlern der Avantgarde eine Einzelausstellung in den Tempeln des kanonisierten Kunstverständnisses ermöglicht.

Ebenfalls preiswürdig - doch deutlich weniger mit Auszeichnungen gesegnet - ist die hohe Kunst, Kunst zu verkaufen: das Engagement derjenigen, die die Avantgarde aus den Ateliers und Off-Räumen ins Licht der Öffentlichkeit holen, die die Kunstwerke auf den Markt - und ins Gespräch - bringen, und die als Vermittler zwischen Künstlern und Kunstliebhabern Pionierarbeit für die Rezeption zeitgenössischer Kunst leisten. Deshalb freue ich mich sehr über die Initiative des Vereins Berliner Kaufleute und Industriellen (VBKI), zusammen mit dem Landesverband Berliner Galerien einen Preis für junge Galerien in der Hauptstadt ins Leben zu rufen und damit über ein einzelnes, herausragendes Ausstellungsvorhaben hinaus auch den nicht unerheblichen Anteil einer starken Galerieszene am erneuten Aufstieg Berlins zu einer Kunstmetropole mit weltweiter Strahlkraft zu würdigen.

Diesen Anteil kann man gar nicht hoch genug einschätzen, zumal mit Blick auf die Verdienste der namhaften Kunsthändler, die einst von Berlin aus Kunst- und Gesellschaftsgeschichte schrieben. Dafür steht, um nur ein Beispiel zu nennen, insbesondere der Galerist, Verleger und feinsinnige Intellektuelle Paul Cassirer, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Impressionisten und van Gogh in seinem Kunstsalon Cassirer bekannt machte und über 2.300 Werke allein von Max Liebermann verkaufte - zu einer Zeit wohlgemerkt, als der Berliner Nationalgalerie keine Ankäufe, ja nicht einmal eine neue Hängung ohne Genehmigung Kaiser Wilhelms II. erlaubt waren. Wo der Kaiser den Impressionismus als "Rinnsteinkunst" schmähte und sein Volk im drückenden Mief der Deutschtümelei gefangen hielt, rissen nicht nur die Künstler der Berliner Sezession, sondern auch Galeristen und Kunsthändler wie Paul Cassirer die Fenster zur Welt weit auf. Seine Galerie brachte, schrieb Lovis Corinth, „die schönsten modernen Werke nach Berlin, die man nur hier und sonst nirgends in Deutschlands zu sehen bekam.“ Mit der damals "jungen" europäischen Kunst, mit kontroversen Debatten über Ausstellungen, Künstler und einzelne Werke hielten neue Weltsichten, geistige "Horizonterweiterer" Einzug in Deutschland - eine Entwicklung, die 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Flucht vieler Künstler, Sammler und Kunsthändler bekanntlich ihr jähes Ende fand.

Was die legendären, vor allem jüdischen Galeristen auszeichnete, die Berlin in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zum Nabel der Kunstwelt gemacht hatten, war nicht nur ihre Kunstfertigkeit im Verkauf von Kunst, waren nicht nur Geschäftstüchtigkeit und ein weit verzweigtes Netzwerk. Es waren vor allem ihr Kunstenthusiasmus, ihre Liebe zur künstlerischen Avantgarde. So beschrieb der Maler George Grosz den einflussreichsten deutschen Galeristen der Weimarer Republik, Alfred Flechtheim, einmal als einen der - ich zitiere - „letzten Überlebenden einer älteren, nun längst ausgestorbenen Kunsthändlergeneration, die in der Kunst nicht nur Ware sahen und sich oft überhaupt nicht wie Händler verhielten, sondern wie Mäzene.“ Diese Haltung, meine Damen und Herren, bringt die Kunst zum Blühen - und sie ist in Berlin zum Glück ganz und gar nicht ausgestorben. In den wilden Jahren nach dem Fall der Mauer entstand zwischen Anarchie und Aufbruch ein Biotop für Experimente und Enthusiasmus in der Kunst, und auch wenn Gentrifizierung und steigende Mieten diesem Biotop mittlerweile gefährlich zusetzen, erleben wir rund acht Jahrzehnte nach dem Niedergang des Kunststandorts Berlin unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft seit vielen Jahren ein Aufblühen der künstlerischen Vielfalt: eine Renaissance jenes Kunstenthusiasmus, der schon einmal Berlins Ruf als Metropole der Gegenwartskunst nährte.

Heute bewegt er nicht zuletzt die vielfältige Berliner Galerienszene - vor allem die Galerien, die jungen, innovativen Künstlerinnen und Künstlern ein Forum bieten. Der VBKI-Preis BERLINER GALERIEN zeichnet den unternehmerischen Mut aus, den es braucht, um in künstlerischen Mut zu investieren - jenen unternehmerischen Mut, auf den weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler ebenso angewiesen sind wie die Kunstmetropole Berlin, und zu dem ich die nominierten Galeristinnen und Galeristen - Nina und Jens Mentrup, Katharina Maria Raab und Jan Philipp Sexauer - herzlich beglückwünsche.

Nicht nur, aber ganz besonders für den Kunststandort Berlin sind die kuratorischen Anstrengungen junger Galerien wie auch deren Förderung wichtig und zukunftsweisend. Berlin ist weder die Hauptstadt der Kunstmäzene noch der Reichen oder der Industriellen. Es wird als Kunsthandelsstandort in vielerlei Hinsicht nicht an die ganz großen Player wie London, Miami oder New York heran kommen. Was Berlins Sonderstellung auf dem Kunstmarkt ausmacht, sind die zuverlässigen und inspirierenden Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler, der hohe Anteil junger Galerien und die Vielfalt an Ausstellungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, wie sie in anderen Metropolen kaum noch zu finden sind - die art berlin (ich habe mir gestern einen Rundgang gegönnt) vermittelt davon aktuell ja ein beeindruckendes Bild. So sind heute viele international renommierte Künstlerinnen und Künstler Berliner „Gewächse“: fest verwurzelt in den Berliner Galerien, die ihrer Karriere den Boden bereitet haben. Was in einer Künstlerbiografie früher New York war, das ist heute Berlin: Schmelztiegel der Ideen, Labor für Experimente, Resonanzraum für Diskurse, „the place to be“ für Kreative. Diese Vielfalt ist das kulturelle Kapital Berlins, das Pfund, mit dem die Hauptstadt wuchern kann. Man muss es nicht so sarkastisch sehen wie ein bekannter deutscher Illustrator, der, wie viele andere Künstler, nach Jahren in New York nun die deutsche Hauptstadt zur Wahlheimat auserkoren und festgestellt hat, Berlin sei, ich zitiere, „ein bisschen wie der laute Spaßvogel auf einer Party, der alle unterhält und nie ´ne Flasche Wein mitbringt, dessentwegen aber alle gern zu der Party kommen.“ Eines jedenfalls wird kaum jemand bestreiten: Berlin verdankt seine Anziehungskraft der Kunst und Kultur. Es hat sich zum Sehnsuchtsort für junge Kreative entwickelt und steht heute für ein weltoffenes, vielfältiges Deutschland. Das ist auch Ihr Verdienst, meine Damen und Herren: das Verdienst der Galeristinnen und Galeristen, die mit unternehmerischem Mut künstlerische Freiheit und das Wagnis kreativen Experimentierens fördern.

Eben deshalb - weil ich aus langen Berufsjahren in der Kultur und in der Kultur-politik natürlich um die enormen Verdienste und die Bedeutung der Galerien für eine lebendige Kunstszene weiß - eben deshalb bedaure ich es sehr, dass die hitzigen Debatten um die Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes unter Galeristen und Kunsthändlern für so große Verunsicherung gesorgt haben. Das hat mich in diesem Ausmaß zugegebenermaßen auch überrascht: zum einen, weil sich mit der Gesetzesnovelle für diejenigen, die nur mit zeitgenössischer Kunst handeln (wie vermutlich die meisten von Ihnen, meine Damen und Herren), überhaupt nichts ändert; zum anderen, weil ich nicht mit dieser Flut an nicht aus der Welt zu schaffenden Falschinformationen gerechnet hätte, die über viele Monate Panik geschürt haben.

Mir war dieses Gesetz zunächst vor allem ein Herzensanliegen. Als Kulturpolitikerin habe ich mich seit Jahren dafür geschämt, dass Deutschland – die Nation, die weltweit das meiste staatliche Geld für Kultur ausgibt und die ihr mittlerweile wieder hohes Ansehen 70 Jahre nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust zu einem großen Teil dem hartnäckigen Engagement für Kunst und Kultur verdankt – dass dieses Land sich allen Ernstes fast vier Jahrzehnte lang gesträubt hat, eine UNESCO-Konvention zum Schutz von Kulturgütern in nationales Recht umzusetzen. Es war überfällig, das zu korrigieren. Und ich bin froh, dass wir damit nun ein Kulturgutschutzgesetz haben, das einer Kulturnation würdig ist. Genauso froh bin ich aber auch, heute sagen zu können, dass die Befürchtungen des Kunsthandels insbesondere, was den Mehraufwand durch das Gesetz betrifft, sich zum Glück nicht bewahrheitet haben. Das belegen die Zahlen der Länder seit Inkrafttreten des Gesetzes vor gut einem Jahr.

Die prophezeite „Antragsflut“ bei den Genehmigungen ist ausgeblieben; von unzumutbarem Verwaltungsaufwand kann keine Rede sein:

So wurden bundesweit rund 1.000 Ausfuhrgenehmigungen in EU-Mitgliedsstaaten beantragt und erteilt. Das ist weit entfernt von den Befürchtungen des Kunsthandels, der von 10.000 bis 30.000 Ausfuhranträgen jährlich, einzelne Sammler sogar von bis über 130.000 ausgegangen waren. Ausfuhrgenehmigungen in Drittstaaten wie Schweiz und USA sind bereits seit 1993 aufgrund von EU-Recht erforderlich. Daran hat sich durch das neue Gesetz nichts geändert.

Nur ein einziges Mal wurde bisher ein Kunstwerk in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts aufgenommen – und das auf Antrag des kirchlichen Eigentümers. Zum Vergleich: Einer der schärfsten Kritiker hatte 150 "Listungsverfahren" pro Jahr prophezeit.

Auch die befürchtete, erhebliche Schwächung des Kunsthandelsstandorts Deutschland ist bisher nicht ersichtlich: Schlagzeilen machen vielmehr die von den deutschen Auktionshäusern selbst veröffentlichten, sehr guten Ergebnisse für das laufende und das vergangene Geschäftsjahr.

Wie Sie sicherlich wissen, werden wir den Verwaltungsaufwand, wie gesetzlich vorgesehen, zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes, also 2018, evaluieren. Eine Gesamtevaluierung steht fünf Jahre nach Inkrafttreten an. Mir war und ist wichtig, dass der Kunsthandel wie auch die Kunst - das bedingt sich ja wechselseitig - in Deutschland bestmögliche Zukunftsperspektiven haben. Deshalb bin ich sehr interessiert an Ihren Erfahrungen und versichere Ihnen, dass wir mit Vertretern des Kunsthandels intensiv im Gespräch sind und bleiben: So wird im Herbst der Gesprächskreis mit den Kunsthandelsverbänden und meinem Haus erneut tagen.

Im Sinne bestmöglicher Zukunftsperspektiven für den Kunsthandel will ich mich - auch das sei in diesem Zusammenhang noch kurz erwähnt - weiterhin vehement für eine kulturverträglichen Anwendung der pauschalierten Margenbesteuerung einsetzen, sollte ich auch nach der Bundestagswahl Kulturstaatsministerin bleiben. Wir brauchen eine Lösung, die im gewerblichen Kunsthandel die Nachteile durch den Wegfall des ermäßigten Umsatzsteuer-satzes ausgleicht, und dafür werde ich mich sowohl gegenüber den Ländern als auch gegenüber dem Bundesfinanzministerium noch einmal stark machen.

Bei diesen beiden „harten Brettern“, die kulturpolitisch zu bohren waren bzw. sind, will ich es in meinem kurzen Ausblick auf die Perspektiven des Kunsthandels angesichts der sicherlich mit Spannung erwarteten Preisverleihung bewenden lassen. Klar ist damit einmal mehr, was Karl Valentin gemeint hat, als er einst seufzte, Kunst sei schön, mache aber viel Arbeit. Nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Aufregung, darf man sicherlich ergänzen - aber ich glaube, dass die kontroverse Debatte um das Kulturgutschutzgesetz für die Zukunft des Kunsthandels in Deutschland wie auch für unser Selbstverständnis als Kulturnation gut und wichtig war. Sie war wichtig, weil es dabei nicht zuletzt auch um die Frage ging, welchen Wert wir der Kunst beimessen - und weil sie einmal mehr deutlich gemacht hat, warum es in Deutschland nicht nur einen Kunstmarkt, sondern auch eine vergleichsweise großzügige staatliche Kulturförderung gibt.

Die Debatte ums Kulturgutschutzgesetz hat allerdings Positionsverschiebungen im Verhältnis von Wert und Preis der Kunst zu Tage gefördert, vor denen ich als Kulturpolitikerin nur warnen kann. Wir sind uns sicherlich einig, dass gerade die Kunst einen Wert und einen Preis hat und dass die sorgfältige Unterscheidung zwischen beidem keinesfalls nur eine semantische Spitzfindigkeit ist. Das ist allerdings leider weder banal noch selbstverständlich. „Wer etwas verkauft, möchte dafür einen möglichst hohen Preis erzielen“, begründete ein namhafter Kritiker des Kulturgutschutzgesetzes und Befürworter eines am besten völlig unregulierten Kunstmarkts seine Ablehnung - als wäre Kunst eine Ware wie jede andere. Und Sie erinnern sich vielleicht, dass die damalige rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen vor drei Jahren zwei Warhols verscherbelte, um mit dem Spekulationsgewinn Spielbanken zu sanieren bzw. zu bauen und Haushaltslöcher zu stopfen. Der zuständige Finanzminister erklärte dazu, ich zitiere: „Ein Kunstwerk hat einen Wert, wenn es zu veräußern ist.“

Es wäre fatal, wenn diese Gleichsetzung von Wert und Marktwert in der Politik und im Kunstbetrieb salonfähig würde. Denn das ist eine Haltung, die auf lange Sicht dem gesamten Kunstbetrieb schadet. Sie sägt an dem Ast, auf dem Künstler ebenso wie Kunsthändler sitzen. Sie zerstört den besonderen Nimbus der Kunst, auf dem doch die Leidenschaft der meisten Kunstsammler gründet. Und sie zerstört den Konsens, auf den wir Kulturpolitiker uns bisher verlassen konnten - den Konsens, dass Kunst ein Wert an sich ist, den zu schützen und zu verteidigen zu unseren vornehmsten Pflichten zählt; genau den Konsens also, der der deutschen Kulturförderung und der Kulturfinanzierung durch die öffentliche Hand zugrunde liegt - und nebenbei: auch den massiven Erhöhungen meines Kulturetats in den letzten Jahren. Wo die Preise, die sich mit Kunst erzielen lassen, politisch höher bewertet werden als ihr Wert, wird Kunstförderung zum dekorativen Luxus, den wir uns - siehe Nordrhein-Westfalen unter Rot-Grün - nur in guten Zeiten leisten und den wir in schlechten Zeiten zur Disposition stellen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Und wo nicht mehr der Wert der Kunst Regeln und Grenzen begründet, sondern nur noch der Preis regiert, muss man für den Kunstmarkt wohl irgendwann konstatieren, was der Galerist Franz Teller mit Blick auf die dann tonangebenden, reichen Geschäftsleute feststellte: „… wir sind in die Epoche der Hofmalerei des Ancient Régime zurück gefallen.“

Der Galerist Franz Teller, der das gesagt hat, meine Damen und Herren, ist nur eine Figur in einem der bekanntesten zeitgenössischen Romane über den Kunstbetrieb - in Michel Houellebecqs Meisterwerk „Karte und Gebiet“. Ich kann es zur Lektüre nur wärmstens empfehlen. Man erinnert sich dann gern daran, dass es aus unserem Kunst- und Kulturverständnis heraus und auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte gute Gründe gibt, Kunst nicht allein dem Markt, der Regulierung durch Angebot und Nachfrage zu überlassen. Kunst ist eben keine Ware und keine Geldanlage wie jede andere. In ihrem Bezug zu unserer kulturellen Identität darf die Kunst Förderung wie auch Schutz erwarten - und die Mitverantwortung aller, die mit dem Verkauf von Kunst Geld verdienen und für den Kauf von Kunst Geld ausgeben. Ich denke, wenn dieser Konsens auch in Zukunft erhalten bleibt, meine Damen und Herren, dann muss uns um die Zukunft des Kunststandorts Deutschland nicht bange sein.