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Rede der Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Verleihung des Theaterpreises des Bundes

Datum:
06. Juli 2017

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat acht kleine und mittlere Bühnen mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet. "Theater zu ermutigen, auch gegen politische Widerstände ihren künstlerischen Anspruch und ihr gesellschaftliches Selbstverständnis zu verteidigen – das ist das Beste, was wir uns für den Theaterpreis nur wünschen können", erklärte Grütters bei der Preisverleihung in Stendal.

Ist es nicht kurios? - Kein Mensch muss heute noch ins Theater gehen, um sich unterhalten, berühren, inspirieren zu lassen oder vielleicht gar im Sinne des guten, alten Aristoteles eine kathartische Läuterung zu durchlaufen. Niveauvolle Unterhaltung, große Emotionen, inspirierende Nachdenklichkeit – all das findet man (mit einiger Sorgfalt bei der Auswahl) auch im Fernsehen, im Kino und bei Netflix, und dank YouTube kann man sich sogar eine Shakespeare-Inszenierung zuhause auf der Couch ansehen. Und doch scheint die Anziehungskraft des Theaters ungebrochen: Konstant um die 21 Millionen Menschen zieht es Jahr für Jahr in öffentlich finanzierte Theater. Und die Zahl der Inszenierungen an öffentlichen Bühnen ist in den vergangenen 25 Jahren um sage und schreibe rund 50 Prozent gestiegen.

Kein Wunder! Denn bei aller medialen Konkurrenz bleibt das Theater doch einzigartig als Ort gesellschaftlicher Selbstreflexion und Selbstverständigung. Ins Theater geht man, um sich gemeinsam mit anderen mit allen Sinnen auf eine lebendige Bühnenwirklichkeit einzulassen – auf ein Gespräch, von dem, wenn sich der Vorhang schließt, ein vielstimmiges Echo bleibt. Mit dem Theaterpreis des Bundes würdigen wir dieses "Kontrastprogramm zur digitalen Einsamkeit", wie die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins, Barbara Kisseler, das Angebot der Theater einmal sehr treffend bezeichnet hat. Genauer gesagt: Wir würdigen die kleinen und mittleren Theater, die mit besonderen künstlerischen Leistungen landauf landab dafür sorgen, dass ein solches "Kontrastprogramm zur digitalen Einsamkeit" in unserem Land überall zur kulturellen Grundversorgung gehört, zu einem Angebot, das allen Bürgerinnen und Bürgern offen steht. Denn als Einladung in einen gemeinsamen Denk- und Diskursraum sind Theater unverzichtbar für Austausch und Verständigung in der konfliktträchtigen Vielfalt einer Stadtgesellschaft. Theater reflektieren, was Menschen bewegt und umtreibt; sie verhandeln Konflikte, die in der Gesellschaft gären und die zwischen verhärteten Fronten argumentativ oft nicht mehr zu bewältigen sind.

Was gerade die kleineren Bühnen, was gerade Theater fernab der Metropolen in diesem Sinne leisten, erfährt allerdings leider viel zu wenig Würdigung und Wertschätzung. Aus vielen Gesprächen mit Theaterschaffenden, aber auch aus den Erfahrungen meiner jüngsten Theaterreise, die mich im vergangenen Herbst nach Chemnitz, Halle, Jena und Senftenberg geführt hat, weiß ich, wie sehr viele Häuser angesichts der angespannten Finanzlage in den Kommunen einerseits um Anerkennung, insbesondere um auskömmliche finanzielle Zuwendungen, kämpfen müssen – und wie verheerend es andererseits wäre, wenn wir ausgerechnet auf unsere Theater verzichten müssten in der Auseinandersetzung mit Populismus, Rassismus und Nationalismus, oder allgemein gesprochen: mit Themen, die unsere Gesellschaft zu spalten drohen. Erst vor ein paar Tagen war ja in der Zeitung zu lesen, dass jetzt auf der Roten Liste der bedrohten Kultureinrichtungen des Deutschen Kulturrats drei weitere Theater stehen: das Bremer Musical Theater, die "Bühne der Kulturen" in Köln und "Das Theater der Keller", Kölns älteste Privatbühne.

Der Bund hat, wie Sie wissen, aus verfassungsrechtlichen Gründen keine Möglichkeit, einzelne Bühnen institutionell zu fördern. Aber selbst wenn wir strukturelle Probleme auf Bundesebene nicht lösen können, so können wir doch ein Zeichen der Wertschätzung setzen und das Bewusstsein dafür schärfen, welche herausragende Bedeutung Theater als Orte künstlerischer Intervention und gesellschaftlicher Selbstverständigung haben. Darum geht es mir, das liegt mir sehr am Herzen, und deshalb freue ich mich, dass der Theaterpreis nicht nur als finanzielle Unterstützung, sondern vor allem als eben jener "Ermutigungspreis" Wirkung zeigt und Anklang findet, als der er von Anfang an gedacht war. So schrieben mir Kay Kuntze und Volker Arnold stellvertretend für einen der Theaterpreisträger 2017, nämlich das vereinigte Fünf-Sparten-Theater "Bühnen der Stadt Gera / Landestheater Altenburg":

"Die Auszeichnung mit dem Theaterpreis des Bundes 2017 bedeutet uns sehr viel." Der Preis komme genau zu rechten Zeit, und ich zitiere weiter:

"Nach einer Spielzeit nämlich, die von skandalisierenden Berichterstattungen über Fremdenfeindlichkeit gegenüber Ensemblemitgliedern und einem Theaterboykottaufruf eines ,Bürgerforums‘ begleitet wurde. In der Dynamik und Tonlage dieser permanenten medialen Öffentlichkeit war es eine besondere Herausforderung, die Aufgaben des Theateralltags stets mit der notwendigen Konzentration im Blick zu behalten. (…) Der Theaterpreis erfüllt nicht nur unsere dreihundertköpfige Belegschaft mit Stolz, sondern ist darüber [hinaus] ein wichtiges Signal in die strukturschwache Region Ostthüringen – und das mit dem Preis verbundene Geld öffnet uns weitere künstlerische Spielräume."

Theater zu ermutigen, auch gegen politische Widerstände ihren künstlerischen Anspruch und ihr gesellschaftliches Selbstverständnis zu verteidigen - das ist das Beste, was wir uns für den Theaterpreis nur wünschen können, meine Damen und Herren! Deshalb hoffe ich, dass bei der nächsten Preisverleihung 2019 – die erneute Vergabe ist bereits im Haushalt meines Hauses abgesichert – auch Theater zum Zug kommen, die es diesmal aus der großen Gruppe der mehr als 130 Bewerbungen nicht in den kleinen Kreis der acht Preisträger geschafft haben. Sie alle lade ich herzlich ein, sich für den Theaterpreis 2019 erneut zu bewerben – zumal wir die Ausschreibungskriterien im Lichte der bisherigen Erfahrungen sicher noch einmal mit Fachleuten beraten und anpassen werden. Dem einen oder anderen wird ja beispielsweise aufgefallen sein, dass die Mehrheit der Preisträger in diesem Jahr doch aus Großstädten stammt. Dabei handelt es sich natürlich nicht um Dickschiffe des Theaterbetriebs, sondern - um im Bild zu bleiben - um überschaubar dimensionierte Forschungsschiffe, die nicht allzu üppig mit Treibstoff ausgestattet sind, aber in einzelnen, nicht gerade von öffentlicher Aufmerksamkeit verwöhnten Sparten wie dem Figurentheater oder dem Theater für Kinder und Jugendliche Wegweisendes leisten. Das ist großartig, das ist preiswürdig - und doch werden wir beraten müssen, wie wir noch mehr Theater in kleinen und mittleren Städten ins Rampenlicht holen können: auch als ermutigende Vorbilder für andere Häuser, die fernab vom Wahrnehmungsradar des überregionalen Feuilletons um ihre Zukunft kämpfen. So zeigt zum Beispiel das Theater Naumburg – Deutschlands kleinstes Stadttheater und Preisträger 2017 –, dass eine Theaterneugründung eine Alternative zur drohenden Schließung sein kann. Und das E.T.A. Hofmann Theater Bamberg hat vorgemacht, wie die Öffnung eines Hauses für ein größeres Publikum durch ungewöhnliche Repertoire-Arbeit und neue Kooperationen gelingen kann.

Angesichts der beeindruckenden, schier überwältigenden Vielfalt an Theater- und Veranstaltungsformen, an ästhetischen Experimenten und Grenzüberschreitungen, an zukunftsweisenden Programmüberlegungen und innovativen künstlerischen wie auch pädagogischen Konzepten kann ich mir vorstellen, wie schwer es der Jury gefallen ist, aus vielen preiswürdigen die acht preiswürdigsten Bewerbungen auszuwählen. Liebe Frau Eilers, lieber Herr Kasch, liebe Mitglieder der Jury – ich danke Ihnen herzlich für das Durcharbeiten des dicken Ordners mit den Bewerbungsunterlagen und für Ihre Sorgfalt bei der Auswahl der Preisträger! Ein herzliches Dankeschön verdient auch das Zentrum Bundesrepublik Deutschland des Internationalen Theaterinstituts (ITI), dessen hohes Ansehen in der Welt vor allem mit der darin vertretenen, geballten Kompetenz deutscher Theaterschaffender aller Sparten und Formen zu tun hat. Damit war es uns einmal mehr eine außerordentlich wertvolle Unterstützung. Lieber Herr Dr. Engel, lieber Herr Freundt, liebe Frau Lautenschläger: Vielen Dank für die sachkundige Begleitung der Ausschreibung, die Aufarbeitung der Unterlagen und die Unterstützung bei der Vorbereitung der Preisverleihung und des Symposiums "Theater als soziale Räume der Öffentlichkeit", das heute Nachmittag stattgefunden hat. Es freut mich sehr, dass dabei auch Preisträger des Jahres 2015 zu Wort kamen.

Vor allem aber freue ich mich auf die Preisträgerinnen und Preisträger 2017 und bin gespannt, was wir gleich von Ihrer Arbeit erfahren werden! Ohne den Laudatoren vorgreifen zu wollen, darf ich schon einmal ankündigen, dass wir heute Abend auf dieser wunderbaren Bühne im Theater der Altmark "Überzeugungstäter" im besten Sinne erleben werden: Künstlerinnen und Künstler, die mit Phantasie, Herzblut und Zivilcourage, mit viel Idealismus und hohem persönlichen Einsatz generationenübergreifend das wechselseitige Zuhören und Hinschauen über kulturelle, sprachliche, soziale, religiöse Grenzen hinweg kultivieren – und damit die wichtigsten demokratischen Tugenden überhaupt. Das verdient Aufmerksamkeit, Anerkennung und Applaus – ganz im Sinne des irischen Dramatikers George Bernard Shaw, der einmal gesagt hat: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ Herzlichen Dank Ihnen allen: den "verrückten Leuten" in den Theatern, die "den Normalen" den Spiegel vorhalten! Herzlichen Glückwunsch, liebe Preisträger, zu Ihrer Auszeichnung mit dem Theaterpreis des Bundes 2017!