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Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der 17. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung am 29. Mai 2017 in Berlin

Datum:
29. Mai 2017
Ort:
Berlin

Sehr geehrte, liebe Frau Thieme,
liebe Ratsmitglieder,
meine Damen und Herren,

Frau Thieme hat es gesagt: Ihre Jahreskonferenz steht – leicht versteckt, aber immerhin doch erkennbar – unter dem Titel „wissen. wählen. wünschen.“ Das lässt natürlich Spielraum für Interpretationen. Eine davon könnte lauten: Wir wissen, dass dieses Jahr der Bundestag zu wählen ist; und es bleibt zu wünschen, dass Nachhaltigkeit auch in der nächsten Legislaturperiode Leitprinzip bleibt. – Ich glaube, damit habe ich als Kanzlerin einer großen Koalition nichts Falsches gesagt. – In dieser Hinsicht bin ich sehr zuversichtlich – schon allein, weil der Rat für Nachhaltige Entwicklung mit Argusaugen darüber wachen wird.

Ich bin gerne wieder zu Ihnen gekommen. Es ist die erste Jahreskonferenz nach der Neuberufung des Rates im vergangenen Herbst. Ich möchte allen Mitgliedern dafür danken, dass sie ihre Zeit und Kraft in die Arbeit dieses Gremiums investieren. Erfolg ist natürlich der beste Lohn. Dank der vielfältigen Initiativen des Rates hat das Thema Nachhaltigkeit einen festen Platz im öffentlichen Diskurs und auch mehr und mehr im praktischen Lebensalltag. Die deutschen Beiträge zur Europäischen Nachhaltigkeitswoche zeigen das aus meiner Sicht sehr eindrucksvoll. Die diesjährige Aktionswoche beginnt ja morgen. Über 1.600 Aktivitäten sind allein in Deutschland geplant. In der Europäischen Union insgesamt sind es rund 3.000. Damit sind wir überproportional vertreten, denn normalerweise liegt unser Anteil bei etwa 20 bis 22 Prozent.

Auch weltweit spielt Nachhaltigkeit eine wachsende Rolle. Im Herbst 2015 hat die internationale Staatengemeinschaft die Agenda 2030 verabschiedet. Sie umfasst 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung mit 169 Unterzielen. Mit ihnen verpflichten sich die Nationen, gemeinsam rund um den Globus auf gute Lebensperspektiven heutiger und künftiger Generationen hinzuwirken. Oder um es auch in den Worten aus der Präambel der Agenda 2030 auszudrücken, die ich zitieren möchte: „Wir sind entschlossen, die Menschheit von der Tyrannei der Armut und der Not zu befreien und unseren Planeten zu heilen und zu schützen.“ Dieser Beschluss der Weltgemeinschaft hat durchaus historische Bedeutung. In den Mühen des Alltags müssen wir nun natürlich beweisen, dass wir den Worten Taten folgen lassen.

Noch ein kleiner Einschub: Wir haben ja vorher die Millenniumsentwicklungsziele gehabt. Mir fällt in den Diskussionen mit Präsidenten und politisch Verantwortlichen aus Asien und vor allen Dingen auch aus Afrika auf, wie wichtig der Paradigmenwechsel war, eine Agenda für alle zu beschließen und nicht immer nur Ziele für einige. Ich glaube, das wird die Diskussion sehr fördern und den gesamten Transformationsauftrag sehr viel klarer werden lassen.

Ich meine, der Anspruch der Agenda 2030 ist allerdings ziemlich hoch. Er könnte kaum höher sein. Denn mit der Agenda verbunden ist ein umfassender Auftrag zur Transformation für alle Staaten und letztlich – das klang ja gerade schon bei Frau Thieme an – für jeden Einzelnen von uns. Wie wir produzieren und arbeiten, was und wie wir transportieren, wie wir selbst von A nach B gelangen, wie wir wohnen und konsumieren – bei all dem verlangt das Nachhaltigkeitsprinzip ein neues Denken und Handeln; es verlangt die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Wandel.

An dieser Stelle erinnere ich an einen früheren amerikanischen Präsidenten, der heute auf den Tag genau vor 100 Jahren geboren wurde. Die Rede ist von John F. Kennedy. Er stand für die Hoffnung einer ganzen Generation auf Aufbruch und Fortschritt. Er gab zu verstehen – ich möchte ihn zitieren –: „Veränderung ist das Gesetz des Lebens. Diejenigen, die nur auf die Vergangenheit oder die Gegenwart blicken, werden die Zukunft verpassen.“ Kennedy sprach damit ein Phänomen an, das wir auch heute immer wieder beobachten. Mit Veränderungen gehen Unsicherheit, Skepsis – man hat ja noch keine Sicherheit, dass alles ein Erfolg wird – und auch nicht selten eine Verklärung einer vermeintlich guten alten Zeit einher.

Gerade angesichts der Komplexität globaler Zusammenhänge macht sich der Wunsch nach einfachen Antworten breit. Doch wer sich nationale Scheuklappen aufsetzt und keinen Blick mehr für die Welt um sich herum hat, verläuft sich, davon bin ich überzeugt, letztlich ins Abseits. Denn – wir erleben es ja jeden Tag – die großen Herausforderungen unserer Zeit machen eben nicht vor Grenzen halt; und sie sind sehr vielschichtig. Die Globalisierung in all ihren Facetten findet statt, ob man es will oder nicht. Es stellt sich eigentlich nur die Frage: Gestalten wir sie mit oder überlassen wir das Heft des Handelns anderen und nehmen damit in Kauf, dass das nicht unbedingt unseren Werten und unseren Interessen entspricht?

Tatsache ist: Um globale Aufgaben überhaupt lösen zu können, bedarf es differenzierter Antworten und auch enger Kooperationen über alle Grenzen hinweg – sei es mit Blick auf die Chancen auf ökonomischen, ökologischen und sozialen Fortschritt, sei es auch mit Blick auf Herausforderungen, die kein Land allein bewältigen kann; zum Beispiel Hungersnöte und Epidemien, Finanzkrisen und Klimawandel, Terrorismus und Krieg, Flucht und Migration.

Natürlich sind als Erstes auf globaler Ebene die Vereinten Nationen gefragt. Sie müssen sich institutionell und strukturell noch stärker an den globalen Nachhaltigkeitszielen ausrichten. Der neue UN-Generalsekretär António Guterres hat seine Stellvertreterin Amina Mohammed damit betraut, Fortschritte im Sinne der Agenda 2030 voranzutreiben. Er hat auch angekündigt – ich unterstütze das ausdrücklich –, für mehr Effizienz und eine bessere Koordination im UN-System einzutreten. Deutschland ist gerne bereit, ihn dabei tatkräftig zu unterstützen.

Auch während unserer G20-Präsidentschaft widmen wir uns drängenden Nachhaltigkeitsfragen. Auf unserer Tagesordnung stehen zum Beispiel Klimaschutz und Energie, globale Lieferketten und Handel, Gesundheit und Ernährungssicherung, Umwelt- und Meeresschutz ebenso wie Bildung und die wirtschaftliche Stärkung von Mädchen und Frauen. Gerade auch was Gesundheit und Ernährungssicherung anbelangt, hatten wir in diesem Jahr sehr interessante und spannende Konferenzen – so zum ersten Mal eine Konferenz der Gesundheitsminister aller G20-Staaten sowie auch eine Konferenz der Landwirtschaftsminister zu Beginn dieses Jahres.

Es versteht sich von selbst, dass die führenden Industrie- und Schwellenländer, nämlich die, die die G20-Staaten bilden, Vorreiter sein sollten, wenn es darum geht, die Agenda 2030 mit Leben zu erfüllen. Die Länder sind unterschiedlich. So unterschiedlich sie sind, so unterschiedlich können natürlich auch die jeweiligen Wege aussehen, die national beschritten werden. Dennoch können wir sehr viel voneinander und auch miteinander lernen. Daher trete ich für einen „Peer Learning Mechanism“ ein; so etwas sagt man ja heute nur noch auf Englisch. Zu verstehen ist darunter – ich versuche, es einmal zu übersetzen – ein freiwilliger, aber systematischer Austausch unter G20-Partnern über die nationalen Aktivitäten und – jetzt kommt wieder ein englisches Wort – auch über so etwas wie „best practice“. Es gilt also herauszufinden, wer die besten Resultate erreicht.

Innerhalb der G20 kommt wiederum der Europäischen Union eine besondere Rolle zu. Sie hatte sich ja mit Nachdruck für die Verabschiedung einer ehrgeizigen Agenda 2030 eingesetzt. Deshalb ist natürlich jetzt auch der Einsatz der Europäischen Union bei der Umsetzung der Agenda gefragt. Deshalb wirbt Deutschland für einen ambitionierten, aber auch realistischen strategischen Rahmen auf europäischer Ebene. Über die Eckpunkte sind wir uns mit unseren Partnern in Europa einig. Das haben wir auch im Rahmen des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge bekräftigt und in der Erklärung von Rom dokumentiert. Ich möchte daraus kurz zitieren: „In den kommenden zehn Jahren wollen wir eine sichere und geschützte, wohlhabende, wettbewerbsfähige, nachhaltige und sozial verantwortungsvolle Union, die willens und in der Lage ist, eine entscheidende Rolle in der Welt zu spielen und die Globalisierung zu gestalten.“ Mit diesem Ziel vor Augen kann die Europäische Union wiederum Antrieb für das Engagement auf den jeweiligen nationalen Ebenen geben; und das sollte und das muss sie auch. Denn über den Umsetzungserfolg der Agenda 2030 entscheiden nicht nur strategische, sondern eben vor allem die konkreten Konzepte der einzelnen Staaten.

Deutschland hat sich von Anfang an ehrgeizige Ziele gesetzt. Zu Ihrer letzten Jahreskonferenz lag der Entwurf der neuen Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie vor. Damals lag die Verabschiedung der Agenda 2030 erst ein gutes halbes Jahr zurück. Ihre Ziele wurden damals bereits mit unserer überarbeiteten Strategie auf nationaler Ebene aufgenommen. Viele von Ihnen hatten damals mitdiskutiert und sich in die Arbeit an der Strategie eingebracht. Dafür möchte ich noch einmal ganz herzlich danken. Sie haben dazu beigetragen, das klare Signal zu senden, dass wir unsere Verantwortung als Industrienation ernst nehmen.

Anfang dieses Jahres hat die Bundesregierung die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Deutschland hat auch als einer der ersten Staaten über sein Vorgehen dem Hochrangigen Politischen Forum der Vereinten Nationen berichtet. Unser Land genießt einen guten Ruf für seine Expertise und Glaubwürdigkeit in Sachen Nachhaltigkeit. Wir stellen ein sehr großes internationales Interesse an unseren Erfahrungen fest. Die positiven Einschätzungen zur Strategie sind uns eine Bestätigung dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Sie sollten uns aber auch Ansporn sein, auf diesem Weg nun Schritt für Schritt voranzukommen.

Sie haben es schon gesagt: Die 17 Ziele der Agenda 2030 spiegeln sich auch in unserer Nachhaltigkeitsstrategie wider. Zu jedem dieser Ziele gibt es mindestens einen Indikator und eine konkrete Absichtserklärung, was wir in Deutschland erreichen wollen. Wir zeigen mit Blick auf jedes Ziel, wie weit wir uns ihm genähert haben und welche Etappen noch vor uns liegen.

Durch die verstärkte globale Perspektive sind mehrere Aspekte in der neuen Strategie hinzugekommen oder werden jetzt anders gewichtet. Dazu zählen Themen wie Armut, Wasser, Meere, Verteilungsgerechtigkeit, Konsum und gute Regierungsführung. Zu den neu beschlossenen nationalen Zielvorgaben zählt beispielsweise, dass mit deutscher Unterstützung jährlich zehn Millionen Menschen der Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen ermöglicht werden soll. Erstmals festgehalten ist ein Ziel für den Endenergieverbrauch im Güter- und Personenverkehr. Er soll bis 2030 um 15 bis 20 Prozent sinken. Das Bezugsjahr dafür ist das Jahr 2005. Neu ist auch ein Ziel zur Korruptionsbekämpfung. Maßstab ist der Wert im „Corruption Perception Index“ von Transparency International, was auch Entwicklungsvergleiche zwischen verschiedenen Staaten erleichtert.

In Zeiten rasanten Wandels ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass einige Etappenziele von heute plötzlich hinfällige Ziele von gestern sind. Dann müssen wir nachsteuern. Auch dafür haben wir Vorsorge getroffen. Bis 2018 prüfen wir, ob und welche Änderungen an den Indikatoren und Zielen erfolgen sollen. Es wird auch einen neuen internationalen Peer Review geben. Dessen Ergebnisse können wir dann auch in die Weiterentwicklung der Strategie einfließen lassen.

Der Nachhaltigkeitsrat wurde – wie schon 2009 und 2013 – wieder damit beauftragt, mit internationalen Experten ein solches Gutachten zu erstellen. Ich freue mich, dass Helen Clark die Leitung der Gruppe übernommen hat. Sie war bis vor kurzem Chefin des UN-Entwicklungsprogramms. Ihr Nachfolger bei den Vereinten Nationen ist übrigens ein Mitglied unseres Nachhaltigkeitsrats, nämlich Achim Steiner. Ich gratuliere ihm noch einmal zur Wahl und wünsche viel Erfolg in diesem verantwortungsreichen Amt.

Der Indikatorenbericht des Statistischen Bundesamts trägt dazu bei, unsere Fortschritte zu überprüfen. Zur besseren Übersicht werden nun Wettersymbole vom Gewitter bis zur strahlenden Sonne verwendet. Diese lacht immerhin über mehr als 20 Indikatoren. Dazu zählt die Gesamtrohstoffproduktivität. Dabei geht es um das Verhältnis des Werts erzeugter Güter zu den für ihre Produktion eingesetzten Rohstoffen. Von 2000 bis 2015 nahm die Gesamtrohstoffproduktivität im Jahresdurchschnitt um 1,5 Prozent zu. Diesen Trend gilt es jetzt bis 2030 fortzuschreiben. Positiv haben sich auch die Staatsfinanzen entwickelt. Seit 2014 erzielen wir bei den öffentlichen Haushalten insgesamt einen Überschuss. Das EU-Defizitkriterium erfüllen wir durchgehend seit 2011.

Übrigens merke ich an den Indikatoren und Zielen, die wir festgelegt haben, dass die Spielräume für meine Rede geschrumpft sind. Denn nun haben wir sozusagen ein festes Rahmenwerk, zu dem ich hier Rede und Antwort stehen muss. Das bedeutet, dass ich Ihnen auch sagen muss, dass wir bei 20 Indikatoren nur das Symbol einer Wolke erreichen und dass das Nachhaltigkeitsbarometer bei neun sogar auf Gewitter zeigt. Das heißt also: durchwachsene Wetterverhältnisse, die darauf hinweisen, dass wir auch in Deutschland längst nicht alles erreicht haben, um wirklich nachhaltig zu leben und zu wirtschaften. Das kann nichts anderes sein als ein klarer Handlungsauftrag.

Ja, wir müssen sämtliche Entscheidungen daraufhin abklopfen, ob sie auch der Nachhaltigkeit dienen. Das gilt auch und gerade mit Blick auf eine so umfassende Querschnitts- und Daueraufgabe wie den Klimaschutz. Das Abkommen von Paris 2015 war wie die Agenda 2030 ein historischer Schritt. Aber zu einem historischen Erfolg haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Wie lang und wie steinig dieser Weg wird, das wurde gerade auch bei den Beratungen des G7-Gipfels am Wochenende deutlich, als es keine Einigung mit den Vereinigten Staaten von Amerika hierzu gab. Deshalb musste ich sagen, dass diese Beratungen sehr unzufriedenstellend waren. Aber ich denke, es war gut, dass wir die Differenzen nicht übertüncht haben. Es war unumgänglich, dass mit Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und Kanada – ohne Vereinigte Staaten von Amerika – sechs der sieben Staaten des G7-Gipfels ihre feste Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht haben, das Pariser Klimaabkommen zu unterstützen und umzusetzen. Dazu gehörten beim Gipfel auch die Vertreter der Europäischen Union. Wir sind überzeugte Transatlantiker. Als überzeugte Transatlantiker wissen wir, dass die transatlantischen Beziehungen, die auf gemeinsamen Werten und Interessen beruhen, für uns alle von überragender Bedeutung sind – gerade auch, wenn wir wie jetzt in Zeiten tiefgreifender Herausforderungen leben.

Die letzten Tage haben mir jedoch auch gezeigt, dass die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, ein Stück weit vorbei sind. Wir sind und bleiben enge Partner. Deutschland ist und bleibt ein enger Partner der Vereinigten Staaten von Amerika. Wir sind und bleiben überzeugte Transatlantiker. Aber wir wissen auch, dass wir Europäer unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen müssen, dass wir Europäer unser Schicksal auch in der eigenen Hand haben; und zwar gemeinsam – für Europa, für unsere Werte und Interessen. Wenn wir Europäer unsere Interessen präzise definieren, wenn wir unsere Werte ernst nehmen, dann können wir – davon bin ich überzeugt – jede Herausforderung meistern. Dass wir Europäer dazu in der Lage sein können, dass wir einig und geschlossen sein können, das haben wir in den letzten Monaten seit der Entscheidung der Bürgerinnen und Bürger in Großbritannien bewiesen.

Wir haben dies in der Vergangenheit gerade auch bei einem so überragend wichtigen Thema wie dem Klimawandel bewiesen – einer echten Menschheitsherausforderung, wie wir wissen. Immerhin, das Pariser Abkommen hat die Zielmarke festgelegt: Treibhausgasneutralität in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Das ist Voraussetzung dafür, dass die Folgen des Klimawandels für kommende Generationen beherrschbar bleiben. Das ist dann der Fall, wenn es gelingt, die Erderwärmung unter zwei Grad, möglichst bei 1,5 Grad zu halten.

In Deutschland haben wir mit unserem Klimaschutzplan 2050 festgelegt, den Ausstoß an Treibhausgasen gegenüber 1990 um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren. Der Klimaschutzplan beschreibt auch die Etappenziele bis 2050, die wir technologieoffen und kosteneffizient erreichen wollen. Aber wir haben bei der Verabschiedung dieses Plans auch gesehen, dass wir über den konkreten Weg noch viele, viele Diskussionen führen müssen. Deshalb haben wir das als lernenden Prozess angelegt, weil wir wissen, dass während des langen Zeitraums natürlich viel geschehen kann, was heute schwer vorhersehbar ist. Das heißt, wir müssen auch nachsteuern können.

Ob es nun darum geht, auf internationaler und europäischer Ebene unseren Beitrag zu leisten oder unseren nationalen Zielen gerecht zu werden – wir haben auf Bundesebene einige Institutionen, die aufmerksam darüber wachen und sich auch nicht scheuen, uns zu sagen, was nicht so richtig klappt. Dazu zählt der Staatssekretärsausschuss für nachhaltige Entwicklung, den der Chef des Bundeskanzleramts leitet und in dem sich natürlich all die kontroversen Diskussionen widerspiegeln. Hinzu kommen der Parlamentarische Beirat im Deutschen Bundestag und der Nachhaltigkeitsrat als manchmal unbequemer, aber – das will ich ausdrücklich sagen – stets wertvoller Ideengeber und – das zeichnet Sie auch aus – wirklich engagierter Förderer des Dialogs.

Trotz dieser bemerkenswerten Trias von Nachhaltigkeitsinstitutionen bleibt die Frage: Wie schaffen wir eine noch stärkere Kohärenz in der Politik; wie stellen wir sicher, dass wir wirklich am gleichen Strang ziehen und sich unsere Handlungsweisen in verschiedenen Bereichen nicht gegenseitig durchkreuzen? Daher hat die Bundesregierung beschlossen, in allen Ressorts Koordinatoren für Nachhaltigkeit zu benennen – möglichst auf Abteilungsleiterebene. Damit nimmt die Bundesregierung einen Vorschlag auf, den der Parlamentarische Beirat und der Nachhaltigkeitsrat im Dialog zur neuen Strategie gemacht haben. Dass mit der Benennung der Personen noch nicht alles geschafft ist, lässt sich leicht erahnen. Aber es müssen Persönlichkeiten sein, die Vollmachten haben. Jedenfalls müssen wir noch Erfahrungen sammeln, wie das in der Praxis läuft. Dieses Beispiel zeigt aber, dass ein reger Austausch zwischen den einzelnen Institutionen Früchte trägt. Deshalb ist es auch so wichtig, einen breiten Dialog zu führen und verschiedenste Akteure noch besser einzubeziehen.

Natürlich brauchen wir – das haben wir zum Beispiel auch beim Klimaschutzplan gemerkt – auch die Länder für ein Vorankommen in Sachen Nachhaltigkeit. Daher bin ich froh, dass die Länder im Bundesrat vor gut zwei Wochen ihre Bereitschaft unterstrichen haben, bei der Umsetzung der Agenda 2030 zusammenzuarbeiten.

Stärken wollen wir auch die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene. Dem dient unter anderem ein interministerieller Arbeitskreis zu nachhaltiger Stadtentwicklung. Dieser wurde vor kurzem als Leuchtturmprojekt 2017 zur Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ausgezeichnet – ich finde, zu Recht; denn dieser Arbeitskreis verknüpft nicht nur die Arbeiten der Ministerien, sondern er bezieht eben auch kommunale, wissenschaftliche und gesellschaftliche Akteure in das Engagement zur nachhaltigen Stadtentwicklung mit ein. Das ist ein Thema, das angesichts des anhaltenden Zuzugs in Ballungszentren weiter an Bedeutung gewinnt. Der Nachhaltigkeitsrat hat zudem regionale Netzstellen eingerichtet, um Initiativen auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene zu vernetzen.

Natürlich braucht es auch über die staatlichen Ebenen hinaus ein breites Bewusstsein dafür, dass es um viel geht und dass Nachhaltigkeit jeden etwas angeht. Deshalb hat die Bundesregierung auch die Öffentlichkeit verstärkt in die Diskussion über die neue Strategie eingebunden. Künftig soll es regelmäßig Gespräche zwischen der Bundesregierung und Vertretern gesellschaftlicher Organisationen geben. Das erste „Forum Nachhaltigkeit“, wie wir dieses Diskussionsformat nennen wollen, wird in etwa zwei Wochen stattfinden.

Bereits ihre Arbeit aufgenommen hat die „Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030“. Das ist ein Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das dazu dient, die Stimme der Wissenschaft in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie gebührend zu Gehör zu bringen.

Selbstverständlich kommt auch der Wirtschaft eine wichtige Rolle zu. Dass das Thema in den Unternehmen angekommen ist, zeigt sich auch bei Veranstaltungen wie der Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises. Erwähnen möchte ich auch den Deutschen Nachhaltigkeitskodex, der vom Nachhaltigkeitsrat entwickelt wurde. Mittlerweile sind es immerhin mehr als 200 Unternehmen, die sich entschieden haben, anhand von 20 Kriterien öffentlich und vergleichbar zu berichten, wie sie mehr Nachhaltigkeit bei sich umsetzen können. Ich bin gerne bereit, dafür zu werben, damit aus den 200 noch mehr werden. Dass das dann auch werbewirksam genutzt werden kann, ist durchaus gewollt; schließlich dürfen und sollen ja noch mehr Unternehmen mitmachen.

Generell sollte Nachhaltigkeit als Ziel und als Ausweis verantwortlicher Arbeit ihren festen Platz in Geschäftsstrategien haben. Ich finde es interessant, dass sich jetzt sozusagen auch ein Annäherungsprozess abspielt, in dem zum Beispiel auch die OECD das Thema inklusives Wachstum sehr hoch auf die Tagesordnung geschrieben hat. Wir haben ja jahrelang – das war ja oft auch eine der großen Kritiken an der Arbeit der OECD – ein sehr schmaldimensionales Wachstumsverständnis gehabt. Dass Inklusion jetzt sowohl von der OECD als auch vom IWF als auch von der Weltbank als wichtig erachtet wird, ist im Sinne der Nachhaltigkeit eine gute Botschaft.

Nun läuft parallel zu unseren Bemühungen eine Entwicklung der zunehmenden Digitalisierung ab. Ich glaube, dass Digitalisierung, gut gestaltet, und die Nachhaltigkeitsstrategien sehr fruchtbar zusammenwirken können. Big Data, das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, Robotik, Industrie 4.0 – das sind nur einige Schlagworte; das alles ermöglicht auf vielfältige Weise, effizienter zu wirtschaften und Ressourcen einzusparen.

Meine Damen und Herren, letztlich geht es auch bei der Nachhaltigkeit darum, aus einer zukunftsweisenden Idee einen praktischen Erfolg zu machen – und das heißt auch, einen weltweiten Trend zu setzen. Trendsetter war unter anderem die Brundtland-Kommission, die vor 30 Jahren ihren Bericht mit ihrer wegweisenden Definition einer nachhaltigen Entwicklung veröffentlichte. Vor 25 Jahren legten die Vereinten Nationen mit der ersten Konferenz in Rio de Janeiro die Grundlagen für die internationale Nachhaltigkeitspolitik. Vor fünf Jahren tagte die Staatengemeinschaft erneut in Rio de Janeiro und beschloss, Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erarbeiten. Damals gab es viel Skepsis, ob dabei etwas Vernünftiges herauskommen werde. Ich glaube, mit der Agenda 2030 ist doch etwas herausgekommen, das sich sehen lassen kann.

Allerdings: Bis 2030 sind es inzwischen weit weniger als 5.000 Tage. – Ich begrüße meinen Kollegen, den Entwicklungsminister Gerd Müller. – Das ist gemessen an dem Unterfangen für eine umfassende Transformation, die wir uns vorgenommen haben, natürlich ein sehr geringer Zeitraum. Deshalb darf man mit Fug und Recht sagen: Es zählt eigentlich jeder Tag. Mit dem Eintreten von Gerd Müller wird, glaube ich, auch klar, dass die Zeit drängt. Nein, nicht etwa für meine Rede – ich glaube, er hört mir noch drei Minuten zu –, sondern weil er ein Ressort verantwortet – Frau Wieczorek-Zeul ist ja auch hier und weiß, wovon ich rede –, in dem die Zeit nun wirklich drängt. Ich meine, wir sitzen hier und wir sprechen darüber, dass wir riesige Transformationsaufgaben haben – ich denke beispielsweise an die Ängste in den Braunkohleregionen und anderswo. Aber wenn Sie sehen, wie viele Menschen im Augenblick akut hungern – Somalia, Südsudan, Tschadsee-Region – und wie die Weltgemeinschaft auch zum Teil gleichgültig darauf reagiert, dann zeigt das umso mehr die Wichtigkeit meiner Aussage, dass jeder Tag zählt.

Wenn man afrikanische Regierungschefs hört – der italienische Premierminister Paolo Gentiloni hatte auch einige nach Taormina eingeladen –, die berichten, dass man sehen kann, wie der Klimawandel die landwirtschaftlichen Bedingungen völlig verändert, wie der Raubbau an Ressourcen etwa auch die Möglichkeit verändert, Wasserwege schiffbar zu halten – ich denke da etwa an den Niger und daran, was für eine Katastrophe sich abspielen würde, wenn der Tschadsee völlig verschwinden würde –, dann stellt man fest: Viele glauben zwar nicht, dass wir durch unser heutiges Handeln daran etwas ändern können, aber Transformationen haben etwas miteinander zu tun. Hätten wir in Deutschland die Solarenergie nicht so sehr ausgebaut, dann wären wir heute nicht in der Lage, in Afrika zu sagen, dass man zu wirklich erschwinglichen Preisen und dezentral Solarenergie und damit Zugang zu Energie ermöglichen kann. Ich sage ganz offen: Ich habe nicht zu denen gehört, die geglaubt haben, dass man es innerhalb so weniger Jahre erreichen kann, aus der wirklich massiv subventionierten Solarenergie eine Energie zu machen, die in Afrika heute kostengerecht und wahrscheinlich als eine der billigeren Energieformen angewandt werden kann. Das sollte uns Mut machen.

In diesen Sinne: Danke für Ihre Arbeit. Wenn es darum ginge, sämtliche Instrumentarien aufzuzählen, dann gäbe es wahrscheinlich wenige Bundesbürger, die das alles schlüssig vortragen könnten. Ich weiß nicht, wie viele Abiturprüfungen über so etwas gemacht werden. Aber wenn man sich die Beispiele anschaut, wo durch welche technische Entwicklung und durch welche Verhaltensänderung etwas angestoßen werden konnte, das dann auch für globalen Nutzen sorgt, dann kann man das auch praktisch erzählen.

Ich danke Ihnen noch einmal. Ich wünsche Ihnen viel Mut. Seien Sie manchmal auch unbequem – natürlich nicht zu sehr, damit wir nicht bockig werden. Wir sind aber guten Willens, hinzuhören. Danke und alles Gute für Ihre Arbeit.