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Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Verleihung des Nationalen Integrationspreises am 17. Mai 2017

Datum:
17. Mai 2017
Ort:
Berlin

im Bundeskanzleramt

Zunächst – damit sie es noch hören – ein herzliches Dankeschön dem Oriel Quartett. Sie alle hier haben wahrscheinlich sofort erkannt, dass es der dritte Satz, „Sturm“, aus dem Violinkonzert „Der Sommer“ von Antonio Vivaldi war. Wenn Sie es nicht erkannt haben, habe ich es Ihnen jetzt gesagt. Mir war es wichtig, das zu sagen.

Meine Damen und Herren,
herzlich willkommen hier im Bundeskanzleramt. Das hier ist eine Premiere. Wir verleihen zum ersten Mal den Nationalen Integrationspreis. Ich möchte die Repräsentanten der 33 Institutionen, die jeweils ein Projekt nominiert haben, ganz herzlich begrüßen. Sich für eines dieser Projekte zu entscheiden, war gewiss nicht einfach. Deshalb dürfen sich alle, die hinter den ausgewählten Integrationsinitiativen stehen, heute gleichermaßen geehrt fühlen. Einige von ihnen sind hier vertreten. Ich möchte mich für Ihr Kommen ganz herzlich bedanken.

Ein herzliches Dankeschön geht natürlich auch an die Jury des Nationalen Integrationspreises. Ihre Mitglieder werden uns nachher von den besten Projekten berichten. Ich freue mich natürlich auch gemeinsam mit den vielen Gästen aus Altena. Ich hoffe, ich habe den Namen richtig ausgesprochen. Denn dort, wo ich herkomme, hätte es gut und gerne auch „Alténa“ heißen können. Aber ich habe mir schon gedacht, dass das im Märkischen Kreis ein bisschen anders ist. Herr Bürgermeister Andreas Hollstein, Ihr Konzept und Ihre Arbeit haben die Jury am meisten überzeugt, wenn ich das schon vorweg sagen darf.

Aber ich möchte erst noch etwas zur Geschichte dieses Integrationspreises sagen. Er ist ein Ergebnis der Klausur des Bundeskabinetts auf Schloss Meseberg vor einem Jahr. Wir haben damals ein umfassendes Integrationspaket auf den Weg gebracht. Der bekannteste Bestandteil dieses Integrationspakets dürfte das Integrationsgesetz gewesen sein, das Flüchtlingen die Aufnahme einer Ausbildung oder Arbeit erleichtert, aber auch eigenes Engagement derjenigen, die zu uns kommen, fordert. Zu diesem eigenen Engagement gehört es, unsere Angebote anzunehmen, um die Sprache zu lernen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich mit dem neuen Lebensumfeld vertraut zu machen. Wir wissen ja, dass viele Schutzsuchende aus anderen Kulturkreisen kommen. Sie wissen nicht und können auch gar nicht wissen, was unser gutes Miteinander hierzulande ausmacht. Sie müssen unsere Werte und Gepflogenheiten oft erst kennenlernen und verstehen lernen. Daher haben wir in den Orientierungskursen gerade darauf einen Schwerpunkt gelegt.

Wir wissen, dass vieles von persönlichen Kontakten und Vorbildern abhängt, die schlichtweg unsere Werte vorleben – in der Nachbarschaft, in den Schulen, in den Unternehmen, in den Vereinen vor Ort. Wir sind überzeugt, dass Integration dort am besten gelingt, wo sich Menschen aufeinander einlassen. Von denen, die kommen, immer nur etwas zu fordern, ist nicht ausreichend, wenn diejenigen, die schon lange in unserer Gesellschaft leben, sich nicht für sie interessieren und nicht neugierig sind. Deshalb sind persönliche Begegnungen als Integrationsmotor wirklich sehr wichtig.

Da setzen viele Integrationsinitiativen in Deutschland an. Dahinter steckt unglaublich viel Arbeit von Ehrenamtlichen, die alles andere als selbstverständlich ist. Aber – ich will das heute und an dieser Stelle noch einmal ganz besonders betonen – sie erweisen unserem Land damit einen ganz besonderen Dienst. Deshalb mein herzlicher Dank.

Um das ein wenig sichtbarer zu machen, haben wir auf unserer Klausurtagung in der Meseberger Erklärung festgelegt, einen Nationalen Integrationspreis einzuführen. Heute ist nun die Premiere. Wir wollen damit vorbildliches Engagement auszeichnen – und zwar nicht irgendwo im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit. Denn was vorbildlich ist, das sollte auch Vorbildwirkung entfalten und weithin Schule machen können. Mitmacher und Nachahmer sind also gefragt. Deshalb wollen wir sichtbar machen, wie Integration gelingen kann und dass Integration gelingen kann. Damit wollen wir auch unterstreichen, dass sich der Einsatz trotz mancher Schwierigkeiten, die sich sicherlich auch auftun, lohnt.

Einmal im Jahr soll also der Nationale Integrationspreis für ein erfolgreiches Projekt, eine beispielhafte Initiative oder ein beeindruckendes Engagement verliehen werden. Wir zeigen damit auf Bundesebene, dass wir es zu schätzen wissen, wie viele Kommunen, Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen Erstaunliches und Herausragendes leisten, damit Zuwanderer bei uns Fuß fassen können und damit vielleicht auch ein Stück Heimat gewinnen können.

Eigentlich ist diese Aufgabe für unser Land nichts Neues. Denn Zuwanderung ist wahrlich kein Phänomen, das wir erst seit wenigen Jahren kennen. Deutschland war über Jahrhunderte hinweg immer wieder sowohl Durchgangsland als auch Ziel verschiedener Einwanderungsgruppen. Besonders präsent ist natürlich die Geschichte derjenigen, die in den 1950er und 1960er Jahren als sogenannte Gastarbeiter aus Italien, Griechenland oder der Türkei nach Deutschland kamen und am deutschen Wirtschaftswunder entscheidend mitgewirkt haben; das kann gar nicht oft genug betont werden. Ich habe vor einigen Jahren Gastarbeiter der ersten Stunde hierher ins Kanzleramt eingeladen. Ich muss sagen, das war eine sehr, sehr bewegende Sache. Vielleicht haben wir viele Jahre viel zu wenig gewürdigt und herausgestellt, was damals geschehen ist.

Heute leben in Deutschland rund 17 Millionen Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte. Das sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung. Davon hat fast die Hälfte einen deutschen Pass. Sie sprechen unsere Sprache. Sie haben deutsche Freunde. Sie sind in gemeinnützigen Vereinen aktiv. Sie gehen verschiedenen Berufen nach. Aber es gibt eben auch Beispiele dafür, dass Menschen auch nach vielen Jahren nicht richtig bei uns angekommen sind.

Deshalb muss es unser politisches Anliegen bleiben, dass alle an unserer Gesellschaft teilhaben können. Deshalb müssen wir die Integration der Migranten, die in der jüngeren Vergangenheit gekommen sind, genauso im Auge behalten wie die weitere Integration derer, die sozusagen Migranten der ersten Stunde sind. Wir wissen, dass Integration eine langfristige Aufgabe ist, die Mühe erfordert. Wir wissen aber auch, dass Zuwanderung wirklich eine Stärkung unseres Landes sein kann, wenn Integration gelingt.

Dafür brauchen wir auch günstige Rahmenbedingungen. Eine der Rahmenbedingungen, die im Augenblick recht gut erfüllt wird, ist die starke und wettbewerbsfähige Wirtschaft, weil unsere Arbeitsmarktlage recht gut ist. Allerdings sind wir auch eine sehr hochentwickelte Volkswirtschaft. Das heißt, einfache Tätigkeiten gibt es nicht mehr so oft, sondern sehr viel öfter komplizierte. Bevor man in einer deutschen Berufsschule alles versteht, wenn man Mechatroniker werden will, muss man schon ein ganz gutes Sprachniveau haben. Und die Universitäten: Bevor sie überhaupt jemanden hereinlassen, muss er sich schon sehr viel mit Sprachkursen herumgeplagt haben.

Also: Wir versuchen, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Die Wege mögen für jeden verschieden sein. Aber insgesamt wollen wir natürlich Fortschritte in allen Bereichen.

Die Jury hatte nun also die Qual der Wahl. Sie hat sich trotzdem entschieden. Noch einmal danke dafür, dass Sie sich der Aufgabe gestellt haben, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was auszeichnungswürdig ist – ich denke, alle 33 Projekte sind tolle Beiträge –, lieber Herr Weise, liebe Frau Foroutan, lieber Herr Mansour, lieber Herr M’Barek. Petra Roth ist heute leider verhindert, aber in den Dank mit eingeschlossen.

Gleich werden wir noch einiges zu den Projekten hören. Ich bin auch schon ganz neugierig darauf. Deshalb ist die Vorrede jetzt zu Ende. Jetzt geht es ans Eigentliche. Ich übergebe deshalb an Herrn Arikan, der heute der Moderator unserer Gesprächsrunde sein wird.

Allen noch einmal ein herzliches Willkommen.