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Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Festakt zur 22. Jahrestagung der Leibniz-Gemeinschaft am 23. November 2016

Datum:
23. November 2016
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Kleiner,
sehr geehrter Herr Professor Schlüter,
sehr geehrte Frau Senatorin Quante-Brandt,
sehr geehrte Ministerinnen,
sehr geehrter Herr Parlamentarischer Staatssekretär,
Frau Staatssekretärin,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leibniz-Gemeinschaft und ihrer Institute,
sehr geehrte Preisträger,
meine Damen und Herren,

370 Jahre nach seiner Geburt und 300 Jahre nach seinem Tod ist der Namensgeber Ihrer Gemeinschaft noch immer in aller Munde – wegen seines Erbes, von dem wir heute noch zehren. Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgelehrter. Er sprudelte förmlich über als Quelle der Inspiration für alle, die den Dingen auf den Grund gehen wollen. Kürzlich war in den Medien sogar vom „klügsten, neugierigsten und optimistischsten Deutschen aller Zeiten“ zu lesen. Ein solches Zeugnis sucht seinesgleichen.

Tatsache ist: Leibniz hatte wie kaum ein anderer Überblick über das Wissen seiner Zeit, das er auch selbst ständig fortschrieb. Er ging grenz- und fächerüberschreitend jeder erdenklichen Fragestellung nach. Er brachte unzählige Ideen und Gedanken zu Papier – und das auch noch in mehreren Sprachen. Ob als Philosoph oder als Physiker, ob als Mathematiker, Ingenieur, Jurist, Historiker, Diplomat, politischer Berater oder Erfinder – Leibniz erwies sich in vielerlei Hinsicht als Wegbereiter des Fortschritts.

Was aber hat ihn selbst angetrieben? Es scheint sicher auch seine Überzeugung gewesen zu sein, dass in der Welt der Wandel zum Guten stets möglich sei. Dies kommt auch zum Ausdruck in seinem bekannten Wort von der „besten der möglichen Welten“, das Sie sich ja auch als Motto für dieses Jahr ausgesucht haben. Leibniz war der Überzeugung: „Wir sind umso freier, je mehr wir der Vernunft gemäß handeln, und umso mehr geknechtet, je mehr wir uns von der Leidenschaft regieren lassen.“ – Dies ist auch ein Zitat, über das man heute nachdenken kann; gerade auch, nachdem ich Ihnen zugehört habe, Frau Senatorin. Dieser Maxime vernunftgemäßen Handelns folgte er vor mehr als 300 Jahren, und sie hat eben nichts an Aktualität eingebüßt.

Wir befinden uns derzeit inmitten großer Transformationsprozesse. Ich will nur einige Schlagworte nennen: Globalisierung, Digitalisierung, weltweites Bevölkerungswachstum – wobei sich der demografische Wandel bei uns in die entgegengesetzte Richtung vollzieht – oder Klimawandel. In all das könnten wir uns wie einem unabänderlichen Schicksal tatenlos fügen. Die Vernunft aber gebietet, solche Veränderungen nicht einfach hinzunehmen, sondern zu gestalten. Es gilt, Fakten zu analysieren und Folgen abzuschätzen, Erkenntnisse zu formulieren und anschließend Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Wie wir aber konkret von einem Ist- zu einem gewünschten Soll-Zustand gelangen – darüber müssen wir uns natürlich immer wieder austauschen. Deshalb ist es so gut, dass der offene Diskurs zur auch von Leibniz postulierten Freiheit dazugehört.

Wir leben heute in einer Zeit, in der es manchmal schwierig ist, Tatsachen als solche zu vermitteln – trotz, aber auch wegen moderner Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten. Im Internet lassen sich immer auch Gleichgesinnte finden, die eigene Ansichten bestätigen, und Millionen Andersdenkende in der Anonymität des Netzes leicht ausblenden. So manches Deutungsmuster, das weit entfernt von der Realität ist, aber einer bestimmten Gefühlslage entspricht, erscheint dadurch plausibel. Das heißt, trotz unzweifelhaft großer Vorzüge und Chancen führen neue Medien mit ihren sozialen Diensten und Algorithmen auch zu einem hohen Maß an selektiver Wahrnehmung. Dies ist eine Herausforderung, der wir uns in allen Bereichen der Bildung in allen Altersklassen stellen müssen. Denn Offenheit für Sichtweisen, Erfahrungen und Erkenntnisse anderer – das zeichnet eine Wissensgesellschaft aus; eine Gesellschaft, die nicht im Stillstand verharrt, sondern sich weiterentwickeln will. Es ist durchaus interessant, dass sich innerhalb weniger Jahre die Diskussion über eine, sagen wir einmal, völlig akzeptierte Wissensgesellschaft inzwischen in eine Diskussion verwandelt hat, in der wir eben auch über eine sehr selektive Wahrnehmung sprechen.

Fortschritt zu ermöglichen, Wissenschaft zum Wohle und Nutzen der Menschen zu betreiben – diesem Anspruch ihres Namenspatrons folgt die Leibniz-Gemeinschaft. Das sagt sich so leicht. Aber Sie wissen selbst am besten, was es heißt, akribische, oft langwierige Forschungsarbeit zu leisten, deren Nutzen es obendrein erst einmal zu vermitteln gilt. Doch wie oft würden wir auch in der Politik im Dunkeln tappen, wenn wir uns nicht auf die Expertise der Wissenschaft stützen könnten?

Ob in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Gesellschaft insgesamt – es ist gut, mit der Leibniz-Gemeinschaft eine verlässliche Quelle der Information und des Wissens zu haben; und das über die verschiedensten Themenfelder hinweg. Von Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften bis hin zu Lebens-, Natur- und Umweltwissenschaften ist alles vertreten. Die Leibniz-Gemeinschaft vereint 88 selbständige Forschungseinrichtungen. Diese sind dezentral organisiert. Aber sie sind nicht allein in der jeweiligen Region mit anderen Akteuren in Wissenschaft, Forschung und Innovation vernetzt. Über zahlreiche Kooperationen sind sie auch in der nationalen und internationalen Wissenschaftslandschaft zu Hause, also regional wie international gut eingebunden.

Das gilt längst auch für die Forschungszentren und Forschungsinstitute in den neuen Bundesländern. Das ist Teil der Erfolgsgeschichte der Deutschen Einheit. Der Neuanfang der Einrichtungen, die vor über einem Vierteljahrhundert schon bestanden, war aber alles andere als einfach. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die meisten Einrichtungen, die vom Wissenschaftsrat seinerzeit positiv begutachtet wurden, schließlich ihren Platz in der Leibniz-Gemeinschaft gefunden haben. Heute befindet sich sogar fast die Hälfte ihrer Einrichtungen in Ostdeutschland. Die Erfolge der Institute spiegeln sich in hervorragenden Evaluierungen wider. Dahinter stecken viele großartige Einzelleistungen. Dies ist bei allen Ihren Einrichtungen so. Ich danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Arbeit – den wissenschaftlichen Angestellten ebenso wie denen, die in der Verwaltung und im technischen Service für ein gutes Forschungsumfeld sorgen.

Für gute Rahmenbedingungen zu sorgen, ist natürlich auch Aufgabe der Bundesregierung. Mit unserem Haushaltsentwurf für 2017, der derzeit im Bundestag beraten wird, setzen wir erneut ein klares Signal für Bildung und Forschung. Schon in den vergangenen zehn Jahren haben wir die Mittel für das Bundesministerium für Bildung und Forschung deutlich mehr als verdoppelt. Für 2017 sehen wir im Vergleich zum laufenden Jahr eine weitere Steigerung um sieben Prozent auf insgesamt 17,6 Milliarden Euro vor – also auf einen neuen Rekordwert. Allein in die institutionelle Forschungsförderung sollen ca. 5,8 Milliarden Euro fließen. Ich darf also sagen, ohne zu übertreiben, dass sich der Bund damit als verlässlicher Partner erweist, was auch hinsichtlich der Attraktivität Deutschlands für Wissenschaftler von großer Bedeutung ist.

Wir nehmen den Pakt für Forschung und Innovation sehr ernst, in dem festgeschrieben ist, dass die Förderung der Wissenschafts- und Forschungsorganisationen um jährlich drei Prozent steigt. Wir wissen, wie wichtig Planungssicherheit für die Forschung ist. Und weil das so ist, trägt der Bund den Aufwuchs der finanziellen Mittel allein, um die Länder zu entlasten. Es ist unser gemeinsames Anliegen, die Forschungsbedingungen an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen sich gleichermaßen gut entwickeln zu lassen. Wir nutzen daher auch verstärkt die Kooperationsmöglichkeiten, die uns der neue Artikel 91b des Grundgesetzes bietet.

Gemeinsam mit den Ländern haben wir ein Konzept zur Förderung von Spitzenforschung an Universitäten vorgelegt. Dazu gehören die neue Exzellenzstrategie, die Förderinitiative „Innovative Hochschule“ und das Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. All das dient dazu, die internationale Spitzenstellung des deutschen Wissenschaftssystems weiter auszubauen. Neben Spitzenforschung und Spitzenuniversitäten haben wir natürlich auch kleinere Hochschulen und Fachhochschulen im Blick. Denn wir wollen möglichst flächendeckend für gute Bildungs- und Karrierechancen sorgen.

Ziel ist und bleibt es, dass Staat und Wirtschaft insgesamt drei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung investieren. Wir haben dieses Ziel noch nicht ganz erreicht. Im europäischen Vergleich stehen wir aber recht gut da. Doch zum Beispiel mit Blick auf Südkorea und Israel wissen wir, dass es auch Länder auf der Welt gibt, die noch mehr tun.

Deutschland gehört zu den leistungsstärksten und innovativsten Ländern der Welt. Damit das so bleibt, gilt es natürlich, mit dem Fortschritt weiterhin Schritt zu halten – nicht zuletzt auch mit Blick auf die Chancen, die mit der weiteren Digitalisierung einhergehen. Der digitale Wandel beeinflusst sämtliche Lebensbereiche. Wie wir arbeiten, wie wir forschen, wie wir reisen, wie wir für unsere Gesundheit sorgen, wie wir unsere Freizeit gestalten und wie wir uns austauschen – all das ist mit Digitalisierung verbunden. Deshalb sind wir heute im Museum für Kommunikation eigentlich auch am richtigen Platz. Denn wie sich die Informationsgesellschaft entwickelt hat, ist hier bestens nachvollziehbar. Aber wir wollen in der Bundesrepublik Deutschland natürlich auch an der weiteren Entwicklung mitarbeiten.

Wir mögen Computertechnologie für eine Errungenschaft der jüngeren Geschichte halten, aber – die meisten von Ihnen hier wissen das natürlich – eine wesentliche Grundlage dafür hatte schon Leibniz geliefert; und das ist das binäre Rechnen. Auf dem Dualsystem baut moderne Informatik auf. Die Tragweite seiner Idee war zu Zeiten von Leibniz wahrscheinlich noch kaum absehbar, Jahrhunderte später aber revolutioniert sie die Welt. Das passt zu dem deutschen Sprichwort: Gut Ding will Weile haben. So ist es aber eben oft mit neuen Erkenntnissen: Ihr praktischer Nutzen mag kurzfristig nicht immer offensichtlich sein; zumeist entfalten sie erst nach und nach Wirkung. Umso wichtiger ist die Freiheit der Forschung. Auch die Digitalisierung wird noch vieles ermöglichen, das wir heute noch nicht einmal erahnen.

Vor einer Woche war die Bundesregierung wieder beim IT-Gipfel, diesmal in Saarbrücken. Der Schwerpunkt lag auf der Frage, wie wir unser Bildungssystem in der digitalen Welt gestalten. Es gibt eine Reihe vielversprechender Initiativen. Wir haben den Startschuss für eine Smart-School gegeben, die verstärkt auf digitale Technologien im Schulalltag setzt und Beispiel für andere sein soll. Verbunden ist dies mit einer Initiative, Schülerinnen und Schüler mit Mini-Computern auszustatten, um ihnen schon im Grundschulalter das Programmieren nahezubringen.

Souverän und selbstbestimmt mit digitalen Medien und neuen Technologien umgehen zu können – das muss heute einfach dazugehören. Das ist eine Basiskompetenz wie Lesen, Rechnen oder Schreiben. Sie entscheidet mit über künftige berufliche und gesellschaftliche Teilhabe. Schulen und Bildungseinrichtungen müssen sich darauf einstellen. Wir erleben einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Ich will hier nicht für die Länder sprechen, aber schon allein die Tatsache, dass die Kinder, die in die Schule kommen, manchmal mehr als die Lehrer wissen, ist eine Herausforderung, die wir bewältigen müssen. Auch deshalb ist lebenslanges Lernen für alle Beteiligten von allergrößter Wichtigkeit. Nun ist Bildung im Großen und Ganzen eben Ländersache, aber wir wollen uns als Bund auch mit einbringen. Wir bieten einen Digitalpakt an, im Rahmen dessen wir die Ausstattung von Schulen und Berufsschulen unterstützen wollen. Darüber werden wir noch im Detail sprechen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, auch an alle Akteure in Wissenschaft und in der Wirtschaft, in Stiftungen und Verbänden zu appellieren. Sie alle haben ein Interesse an modernen Bildungseinrichtungen und an Absolventen, die mit ihren Kompetenzen auf der Höhe der Zeit sind. Sie sind daher sicherlich auch gefragt, zur digitalen Bildung das beizutragen, was sie beitragen können. Wer mit modernen Technologien vertraut ist, dem eröffnen sich eben auch neue Zugänge zu Wissen.

Internet und Datenaustausch haben auch sämtliche Forschungsbereiche revolutioniert. Wissen lässt sich schnell und günstig in der Welt verbreiten. Informationen jeglicher Art stehen in Sekundenschnelle, teils auch in Echtzeit zur Verfügung. Rund um den Globus Kontakte zu knüpfen, zusammenzuarbeiten und Erkenntnisse zu teilen, ist heute viel einfacher als früher. So profitiert einer vom anderen. Dies hat Erkenntnisprozesse erheblich beschleunigt. Das ist auch der Grund dafür, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Open-Access-Strategie verfolgt. Sie dient dazu, nicht nur Wissenschaftlern, sondern jedem Interessierten den Zugang zu wissenschaftlichen Informationen zu erleichtern. Ich weiß, dass es da Diskussionsbedarf gibt, aber wir sollten uns dem stellen. Die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung sollen, wie wir finden, auch der Öffentlichkeit zugutekommen.

Meine Damen und Herren, die Wissenschaft gewinnt permanent neue Erkenntnisse hinzu, die aber ihrerseits immer wieder neue Fragen aufwerfen. Wer wäre da nicht manchmal geneigt, an der schier unendlichen Komplexität der Realität zu verzweifeln? Aber Leibniz wäre nicht Leibniz, wenn er nicht beseelt von der Überzeugung gewesen wäre, dass alles seine Ordnung habe. Deshalb möchte ich ihn nochmals zitieren: „Es gibt […] kein Chaos, keine Verwirrung, außer einer scheinbaren; ungefähr wie sie in einem Teiche zu herrschen schiene, wenn man aus einiger Entfernung eine verworrene Bewegung und sozusagen ein Gewimmel von Fischen sähe, ohne die Fische selbst zu unterscheiden.“ Das ist im Grunde eine Einladung an uns alle: Wenn etwas unübersichtlich, chaotisch und verwirrend erscheint, dann sollten wir uns davon nicht beirren lassen, sondern unter die Oberfläche schauen und die Sache aus der Nähe betrachten. Wer genau hinsieht, dem erschließt sich eine neue Welt, die sich wieder ein Stück weit mehr erklären lässt.

Von diesem Forscherdrang lebt die Wissenschaft. Sie hilft uns, uns in einer komplexen Welt zu orientieren. Sie öffnet uns die Augen für neue Möglichkeiten, uns Fortschritt und Wohlstand zu sichern. Weil das so ist, ist es auch gut zu wissen, mit der Leibniz-Gemeinschaft eine starke Institution zu haben, die den Maximen ihres Namensgebers auch heute noch folgt und damit seinem Namen alle Ehre macht. So wünsche ich Ihnen auf Ihrer Jahrestagung natürlich keine Selbstzufriedenheit, sondern gewinnbringende Anregungen und Denkanstöße. Herzlichen Dank dafür, dass ich dabei sein kann, und alles Gute für die Zukunft.