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Rede von Staatsministerin zur Vorstellung der Studie "Frauen in Kultur und Medien" des Deutschen Kulturrats

Datum:
28. Juni 2016

Auch im Kunstbetrieb seien Anerkennung und Chancen für Frauen und Männer ungleich verteilt, bilanzierte Kulturstaatsministerin Grütters das Ergebnis der Studie "Frauen in Kultur und Medien". Auf Grundlage der Studie wolle sie nach Möglichkeiten suchen, "wie wir im Sinne fairer Chancen für Frauen und Männer in Verschiedenen Bereichen etwas verändern können."

Herzlich willkommen im Bundeskanzleramt zur Vorstellung der Studie "Frauen in Kultur und Medien"! Sicher ist Ihnen hier im ersten Stock die so genannte "Kanzlergalerie" aufgefallen - vermutlich der einzige Ort im Kanzleramt (neben den Herrentoiletten), wo die Männer noch unter sich sind. Und raten Sie mal, wer die Bilder unserer Altkanzler von Adenauer bis Schröder gemalt hat … - genau, es waren ausschließlich Männer. Damit ist die „Kanzlergalerie“ durchaus repräsentativ: Was die Gleichberechtigung von Frauen und Männern betrifft, machen Kunst und Kultur ihrem Ruf und ihrem Selbstverständnis als gesellschaftliche Avantgarde nämlich wahrlich keine Ehre.

Kein Wunder! Ungleiche Chancen haben ja auch hier eine lange Geschichte. Künstlerische Fähigkeiten wurden Frauen über Jahrhunderte schlicht abgesprochen; von der künstlerischen Ausbildung waren sie lange ausgeschlossen; bis ins 20. Jahrhundert waren sie vielfach unerwünscht. So fürchtete Walter Gropius, als das Staatliche Bauhaus in Weimar 1919 seine Pforten öffnete, die große Anzahl von Frauen - 84 Frauen und 79 Männer hatten sich eingeschrieben - könnte dem Ansehen des Bauhauses schaden. Und Gerhard Marcks, Formmeister der Töpferei, plädierte dafür, "öglichst keine Frauen in die Töpferei aufzunehmen, beides ihret- und der Werkstatt wegen". Ähnlich besorgt gab man(n) sich in der grafischen Druckerei und in der Metallwerkstatt. Im Gegenzug wurde die Weberei zur Frauenklasse erklärt, was den Maler Oskar Schlemmer, ebenfalls einer der Bauhaus-Pioniere zum Dichten veranlasste: "Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib." Ironie der Bauhausgeschichte, dass ausgerechnet die Weberei - die Frauenklasse!- zu einer der künstlerisch produktivsten und auch noch kommerziell erfolgreichsten Werkstätten wurde … aber das nur nebenbei.

Dass Anerkennung und Chancen auch im Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts noch sehr ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt sind, zeigt die von meinem Haus mitfinanzierte Studie "Frauen in Kultur und Medien" des Deutschen Kulturrats, deren Ergebnisse Frau Schulz und Herr Zimmermann Ihnen gleich vorstellen werden. Ich will der Präsentation nicht vorgreifen, nur so viel: Von Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, wie sie in Artikel 3 unseres Grundgesetzes festgeschrieben ist, kann leider auch in Kultur und Medien noch keine Rede sein. Die Ursachen dafür sind vielfältig; es sind Ursachen, wie wir sie auch aus anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen: Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehören genauso dazu wie Rollenstereotype, die vor allem Männern relevante Qualitäten wie Kreativität und Schaffenskraft, Durchhaltevermögen und Leidenschaft zuschreiben. Künstlerinnen können ein Lied davon singen … - oder auch einen Text dazu schreiben. Ich bin gespannt und freue mich auf den Impulsvortrag einer Schriftstellerin zu unserem Thema. Vielen Dank dafür, liebe Nina George!

Mir ist es - nicht allein im Sinne der Gleichberechtigung, sondern auch im Sinne der künstlerischen und kulturellen Vielfalt - ein echtes Herzensanliegen, dass Frauen wie Männer die gleichen Chancen in Kultur und Medien haben: ob am Sprech- oder Notenpult, ob an der Staffelei oder am Schreibtisch, ob vor und hinter Bühne oder der Kamera, ob in öffentlichen Kultureinrichtungen oder Kulturverbänden …und natürlich auch in meinem eigenen Haus, wo die Frauenquote bei knapp 53 Prozent liegt - und auf den beiden obersten Führungsebenen (das heißt: Abteilungsleitung und Gruppenleitung) mittlerweile bei exakt 50 Prozent. Im Filmbereich - um noch ein weiteres Beispiel zu nennen - konnte ich im Rahmen der FFG-Novelle dafür sorgen, dass der bisher geradezu blamabel geringe Frauenanteil in den Gremien der FFA und in den Kommissionen künftig deutlich erhöht wird.

Gönnen wir uns, bevor wir uns weiteren Zahlen zuwenden, ruhig auch noch einen Blick über den kulturpolitischen Tellerrand hinaus auf das derzeitige Thema Nummer 1, nämlich den Fußball: Auch wenn es im Moment wieder mal Jogis Jungs sind, die von sich reden machen, darf ich kurz an einen durchaus bemerkenswerten Sieg der Frauen erinnern, die sich ihre Rechte in dieser klassischen Männerdomäne hart erkämpft haben. Heute weiß kaum noch jemand, dass bis 1970 ein Frauenfußballverbot des DFB galt. Aus - ich zitiere - „grundsätzlichen Erwägungen und ästhetischen Gründen“ waren Fußballspiele mit weiblicher Beteiligung unter Androhung heftiger Strafen für die Vereine untersagt. Kein Scherz! Die theoretische Untermauerung lieferten Publikationen wie die 1953 veröffentlichte Studie eines niederländischen Psychologen und Anthropologen. Darin heißt es, ich zitiere: „Das Fußballspiel als Spielform ist wesentlich eine Demonstration der Männlichkeit. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen, wohl aber Korbball, Hockey, Tennis und so fort. Das Treten ist wohl spezifisch männlich, ob das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.“

Das, meine Damen und Herren, würde heute vermutlich niemand mehr leichtfertig behaupten – und das liegt gewiss nicht nur an den zwei WM- und den acht EM-Titeln der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Da wäre es doch gelacht, wenn die Erfolgsgeschichte weiblicher Emanzipation sich nicht auch für Kultur und Medien weiter erzählen ließe! Stoff genug und gute Ideen gibt es auf den knapp 500 Seiten, deren Lektüre ich nur empfehlen kann. Ein herzliches Dankeschön an den Deutschen Kulturrat für eine aufschlussreiche und sicherlich inspirierende Studie zu „Frauen in Kultur und Medien“! 

SCHLUSSWORT NACH VORSTELLUNG DER STUDIE

Herzlichen Dank für diese Schlaglichter auf die Situation von Frauen in Kultur und Medien, liebe Frau Schulz, liebe Frau George, lieber Herr Zimmermann!

Ganz offensichtlich gibt es nicht die eine Stellschraube, an der man nur drehen muss, um Frauen in allen Sparten und auf allen Ebenen der Kultur die gleichen Chancen zu eröffnen wie Männern. Die Fachbereiche meines Hauses werden die noch druckfrische Studie deshalb jetzt für alle Themenfelder sorgfältig auswerten. Auf dieser Grundlage will ich mit Kultur- und Medienverantwortlichen nach Möglichkeiten suchen, wie wir im Sinne fairer Chancen für Frauen und Männer in verschiedenen Bereichen schrittweise etwas verändern können. Einige Empfehlungen aus der Studie sind auf den ersten Blick gut - darüber lohnt es sich zu diskutieren: Zu begrüßen ist die Selbstvermarktung als Ausbildungsinhalt in Hochschulen und im Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Nachdenken sollten wir über Preise und Förderungen für Künstlerinnen ab einem bestimmten Alter in verschiedenen künstlerischen Sparten. Wir müssen außerdem vertieft erforschen, warum Frauen bislang selten von Künstlerförderprogrammen profitieren. Und ein letztes Beispiel: Nach dem Vorbild „Tanzplan“ sollte die Kulturstiftung des Bundes zum Beispiel ein Programm fördern, wie Frauen stärker präsent sein im Kulturbetrieb und höhere Einkommen erwirtschaften können. Um diese und andere Themen zu besprechen, werde ich zu einem Runden Tisch "Frauen in Kultur und Medien“ einladen.

Einladen will ich Sie, meine Damen und natürlich auch die (wenigen) Herren, jetzt aber erst einmal ins Foyer vor der Kanzlergalerie. Wenn Ihnen nach den vielen Zahlen, Diagrammen und Tabellen der Kopf schwirrt, kommt ein stabilisierendes Glas Wein ja vielleicht gerade recht. Ich hoffe, dass Sie noch ein wenig Zeit haben, und freue mich, persönlich mit Ihnen ins Gespräch zu kommen!