Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung des Zentrums für Forschung und Vorausentwicklung der Robert Bosch GmbH am 14. Oktober 2015

Datum:
14. Oktober 2015
Ort:
Renningen

in Renningen

Sehr geehrter Herr Denner,
sehr geehrter Herr Bolle,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Kretschmann,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine Damen und Herren,

ich freue mich, heute hier mit dabei zu sein. Dass Bosch mit diesem neuen Forschungscampus neue Maßstäbe setzt, kann man schon von draußen erahnen. Auch der Name dieses Campus lässt aufhorchen: „Zentrum für Forschung und Vorausentwicklung“. Normalerweise ist ja die Rede von Forschung und Entwicklung. Aber Bosch will der Entwicklung voraus sein. Das Unternehmen hat eben den Anspruch, Ideen umzusetzen, die andere vielleicht noch nicht einmal hatten.

Im Grunde folgen Sie in Renningen damit einer langen Tradition. Denn seiner Zeit voraus zu sein, das war schon für den Unternehmensgründer Robert Bosch Antrieb und Motivation. 1902 brachte das Unternehmen mit der neu entwickelten Hochspannungs-Magnetzündung mit Zündkerzen das Automobil erst richtig in Fahrt. Das war auch der entscheidende Funke für den internationalen Aufstieg des Unternehmens. Es folgten viele, viele weitere Innovationen – neben Kfz-Teilen etwa auch Haushaltsgeräte, Kühlschränke, Elektrowerkzeuge und anderes mehr.

Seit Jahrzehnten – das muss man erst mal schaffen – gelingt es Bosch immer wieder, über Forschung einen passenden Schlüssel zum anschließenden wirtschaftlichen Erfolg zu finden. Es ist gut, solche Unternehmen in Deutschland zu haben – gut für den Betrieb und seine Beschäftigten, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Forscher, gut für die, die innovative Produkte und Leistungen nachfragen, in denen sie einen echten Mehrwert sehen, und gut natürlich nicht nur für Baden-Württemberg, sondern auch für ganz Deutschland.

Forschung und Innovation sind ja eine wichtige Quelle unseres Wohlstands. Das kann man gar nicht oft genug sagen. Es ist in der Tat beeindruckend, Herr Ministerpräsident – mit Erwin Teufel ist auch einer Ihrer Vorgänger hier –, dass die Forschungsaktivitäten mit fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landes zu Buche schlagen. Das zeigt die Stärken des Standorts Baden-Württemberg. In Deutschland insgesamt haben wir da noch nachzuarbeiten; wir tun das auch.

Forschung heißt aber mitunter, viel Zeit und Geld zu investieren, ohne schon genau zu wissen, ob und inwieweit sich der gesamte Aufwand lohnt und bezahlt macht. Ich glaube, ganz so wie in akademischen Kreisen ist es bei Bosch ja nicht. Man erwartet hier wohl durchaus, dass am Schluss etwas herauskommt, das man dann verwerten kann. Aber Mut zum Risiko ist gleichermaßen gefragt.

Außerdem wissen wir ja, dass vor allem in Asien sehr dynamische Entwicklungen im Gange sind, dass die Welt nicht schläft und nicht auf Deutschland wartet. Deshalb müssen wir uns in vielerlei Hinsicht offener zeigen. Der vernetzte Ansatz dieses Campus zeigt dies ja. Vernetzung ist im Grunde das Wort, das die Globalisierung kennzeichnet. So müssen wir insgesamt innovativer und produktiver werden.

Auch als Bundesregierung achten wir immer wieder darauf, dass wir heute auch an morgen denken. Wir betreiben seit Jahren eine sehr gezielte Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung und haben uns das vorgenommen, was sich im Übrigen Europa insgesamt versprochen hat, nämlich zumindest drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Wir sind ziemlich dicht dran. Wir können das natürlich nur, wenn die Unternehmen den größten Teil dazu beitragen. Zwei Drittel der Forschungs- und Entwicklungsleistungen werden durch die Wirtschaft erbracht, ein Drittel durch den Staat. Das zeigt, dass wir allen Grund haben, an Standortfragen und an das Innovationsklima zu denken. Denn wenn kein gutes Innovationsklima vorherrscht, werden Unternehmen woanders forschen und entwickeln.

Nun sind diese drei Prozent das eine, das andere ist, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und vor allen Dingen die richtigen Strukturen in der Kooperation von Wirtschaft und staatlichen Institutionen zu schaffen. Wir haben mit der weiterentwickelten Hightech-Strategie ein gutes Instrument, uns jederzeit auch darüber klar zu werden, in welchen Bereichen Deutschland führend ist und wo wir Nachholbedarf haben.

Natürlich spielt in unserer Hightech-Strategie auch das Thema Industrie 4.0 eine besondere Rolle. Herr Denner hat bereits darauf hingewiesen: Das Internet der Dinge wird die Produktionsabläufe verändern, die Art der Produkte verändern und die Arbeitsplätze verändern. Es geht nicht nur darum, dass die, die produzieren, vernetzt sind, dass Entwicklung in virtuellen Räumen stattfinden kann, sondern es geht auch darum, dass mithilfe vieler Daten neue Produkte entstehen können.

Deshalb ist es jetzt essenziell für Deutschland, bei Rückständen, die wir im IT-Bereich an einigen Stellen durchaus haben, aufzuholen, indem wir den Verschmelzungsprozess von IT und realer Industrieproduktion durch Industrie 4.0 gut gestalten. Deshalb kommt es auch darauf an, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, zum Beispiel durch die Plattform Industrie 4.0, in der nicht nur große Unternehmen, sondern auch Mittelständler so einbezogen sind und mitarbeiten können, dass wir von vornherein Standards bestimmen und Schnittstellen richtig gestalten können. Das ist sehr, sehr wichtig. Herr Denner hat einige kritische Anmerkungen zu der Frage, wie man in Deutschland an solche Dinge herangeht, gemacht.

Wir haben eine recht gute Hochschullandschaft. Wir haben seitens der Bundesregierung auch durch die Übernahme der BAföG-Leistungen einmal mehr versucht, die Finanzierung der universitären Bildung zu stärken und gleichzeitig keine zu große Lücke zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den Universitäten entstehen zu lassen. Baden-Württemberg ist mit dem KIT sozusagen ein „Frontrunner“ – auch im Hinblick auf Cluster-Bildung, auf zukunftsfähige Strukturen. Wir haben dementsprechend auch das Grundgesetz geändert. Aber es mangelt vielleicht ab und an noch an einem unternehmerischen Geist, der nicht so traditionell Teil der Bildung ist wie in manch anderen Teilen der Welt.

Ich will auch auf einen zweiten Punkt aufmerksam machen, auf den immer wieder der Blick gerichtet werden muss. Unser Verhältnis zu Daten ist in vielen Fällen zu stark vom Schutzgedanken geprägt – der Ministerpräsident hat auch darauf hingewiesen – und vielleicht noch nicht ausreichend von dem Gedanken, dass man mithilfe von Daten interessante Produkte entwickeln kann. Mit einer falschen Gewichtung entsteht aber auch die Sorge, dass durch Digitalisierung einerseits Arbeitsplätze wegfallen und auf der anderen Seite nicht genügend neue Arbeitsplätze entstehen. Deshalb muss das „Data Mining“ – oder wie auch immer man das in englischsprachigen Regionen nennen mag –, die Erhebung und der Umgang mit großen Datenmengen, etwas werden, das sozusagen ein Hoffnungssignal sendet. Ich glaube, Bosch kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten.

Sie nehmen mit diesem Forschungszentrum eine Vernetzung der verschiedenen Forschungsstandorte vor. Ich war vor wenigen Tagen im Silicon Valley von Indien, in Bangalore, wo ich Ihr Forschungszentrum besucht habe. Ich muss sagen: Die Forscher hier sind wahrscheinlich alle extrem super und toll, aber die in Indien schlafen auch nicht und sind durchaus erfinderisch. Manchmal macht ja auch Not erfinderisch. Ich habe mir sozusagen die Nebenprodukte der dortigen Forschung angeschaut und war doch sehr beeindruckt von dem, was ich gesehen habe, zum Beispiel medizinische Geräte zur Augenuntersuchung, die auch bei uns Revolutionen bewirken könnten. Wenn sich deutsche Augenärzte so etwas zulegen würden, dann weiß ich nicht, ob die Kassenärztliche Vereinigung noch so happy wäre, weil manches auch schneller und billiger ginge. Aber auf jeden Fall hat mich das sehr beeindruckt.

Sie haben hier nicht nur eine Vernetzung der Forschungsstandorte, sondern auch eine Vernetzung von Wissenschaftsdisziplinen wie etwa Chemie, Physik und Informationstechnologie. Sie haben hier auch die Möglichkeit, verschiedene Sparten miteinander zu vernetzen – etwa von mikroelektromechanischen Systemen bis zur Agrartechnologie, von der Batteriezellforschung bis zum automatisierten Fahren. Das heißt, der Blick aufs Ganze kann in einem solchen Campus viel besser gelingen, als wenn das alles voneinander separiert wäre.

Wir versuchen, durch geeignete staatliche Rahmenbedingungen zum Beispiel das automatisierte Fahren voranzubringen. Das Pilotprojekt „Digitales Testfeld Autobahn“ auf der A9 eröffnet Möglichkeiten, neue Technologien auf ihre Praxistauglichkeit hin zu testen. Wir werden politischerseits auch viel tun müssen, um die Menschen bei den neuen Entwicklungen mental mitzunehmen. Wenn der Mensch das größte Risiko im Straßenverkehr ist, dann muss er sich aber auch erst an ein verändertes Fahren gewöhnen. Sie hier exerzieren ja schon vor, wie sozusagen menschliches Fehlverhalten vom Auto kompensiert werden kann.

Auch was Rahmenbedingungen für die Elektromobilität anbelangt, sind wir miteinander im Gespräch. Ich weiß, dass hier die Erwartungen größer sind als die bisher getroffenen politischen Entscheidungen. Aber ich hoffe, dass Sie in der Batterieforschung den gebührenden Fortschritt machen, damit wir in Deutschland auch im Zusammenhang mit der Elektromobilität bei einem wesentlichen Teil des zukünftigen Autos über Kapazitäten und Fähigkeiten verfügen. Wir wollen, was die Elektromobilität anbelangt, zum Ausbau der Infrastruktur – da sind wir uns einig –einiges leisten. Ich weiß, dass auf der Plattform Elektromobilität unter anderem die Ladeschnelligkeit von Batterien noch ein Thema ist, über das wir sprechen müssen. Aber wir sind ja auch im ständigen Kontakt.

Meine Damen und Herren, all das würde die Politik aber gar nicht voranbringen können, wenn wir nicht solche starken Partner in Deutschland hätten wie zum Beispiel Bosch. Ihre Offenheit für neue Technologien, aber durchaus auch Ihre klare Benennung der Schwächen, die wir am Standort Deutschland haben, Herr Denner, helfen, dass wir Schritt für Schritt vorankommen.

Ich möchte durch meine Anwesenheit heute einfach auch deutlich machen: Das, was Sie hier geschaffen haben, ist gut für Baden-Württemberg – das versteht sich von selbst –, aber es ist auch gut für Deutschland insgesamt. Es ist ein Bekenntnis zu Deutschland, dass der Forschungscampus, der verschiedene Forschungsstandorte und Fachbereiche vernetzt, eben in Deutschland ist. Wir werden versuchen, durch unsere politische Arbeit Ihre noch erfolgreicher zu machen. Was Ihnen an Herrn Denner und mir als ehemaligen Physikern verloren gegangen ist, werden wir nie herausfinden, aber ich hoffe auf die anderen 1.700, dass sie das wettmachen.

Herzlichen Dank und alles Gute für das Zentrum.