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Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zur Präsentation des Kunstwerks „GRENZE WEG“ von Tony Cragg anlässlich des 25. Jahrestags der Deutschen Wiedervereinigung

Datum:
02. Oktober 2015
Ort:
Berlin

"Ihre Skulptur, lieber Tony Cragg, vergegenwärtigt uns den Triumph jener Werte, für die Hundertausende Menschen im Herbst 1989 in Berlin, Leipzig und anderen Städten der DDR mutig ihre Stimme erhoben haben. Dafür sind wir Ihnen dankbar!" betonte Monika Grütters in ihrer Rede.

- Es gilt das gesprochene Wort. -

Anrede,

Manchmal kann es erhellend sein, einen Begriff oder ein Thema bei Google einzugeben und einfach mal zu schauen, was der Suchmaschinen-Algorithmus als wichtigste Ergebnisse präsentiert. Wenn Sie die Wortkombination „deutscher Triumph“ eingeben, lotst Google Sie zu einer Motorradmarke, zu einem Dessous-Hersteller und natürlich zum Sport, wobei die Verleihung der „Goldenen Peitsche“ im Reitsport ihre Position noch vor der legendären Fußball-WM 1954 wohl allein dem Umstand der Aktualität verdankt - sie hat vor kurzem stattgefunden.

Erhellend und passend ist diese grobe digitale Standortbestimmung insofern, als der deutsche Triumph ebenso wie sein großer Bruder, der deutsche Patriotismus, abseits von sportlichen Großereignissen hierzulande selten vorkommt und auch nicht den besten Ruf hat. Seine Zurschaustellung wird nicht nur im digitalen, sondern auch im öffentlichen Raum eher vermieden - aus guten historischen Gründen! Und dann kommen Sie, lieber Tony Cragg, und modellieren das Brandenburger Tor -das Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt, steinerner Zeuge der dunkelsten wie auch der lichtesten Momente des 20. Jahrhunderts - als „triumphales“, als „triumphierendes“ Tor, als Neuinterpretation des klassischen Triumphtors!

Ihre wundervolle, triumphale Skulptur „GRENZE WEG“ ist wie ein überwältigend großes Geschenk, bei dem man nicht sicher ist, ob man es wirklich annehmen darf. Reicht nicht Freude, muss es gleich „Triumph“ sein? Und wohin mit den düsteren Bildern des Brandenburger Tores, die sich ebenfalls tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben:

• der gespenstische Fackelzug der SA durch das Brandenburger Tor zur Triumph-Feier der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 zum Beispiel, dem Tag der Machtübernahme Hitlers;

• oder das Verhängen des Brandenburger Tores mit roten Stoffbahnen am 23. Juni 1963, als DDR-Soldaten dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy den Blick in den Osten verwehren wollten - Sinnbild des Kalten Krieges, ein kleiner Triumph der SED-Führung über den Klassenfeind.

Doch Tony Cragg wäre nicht Tony Cragg, wenn es ihm nicht auch hier wieder einmal gelänge, Ambivalenzen sichtbar und spürbar zu machen und in seiner sinnlich-poetischen Formensprache vielfachen Deutungen Raum zu geben. Schon der Titel „GRENZE WEG“ verweigert ja vielsagend eine klare Einordnung, denn es folgt kein triumphierendes Ausrufezeichen. Nein, die beiden Wörter stehen so einsam, so hingeworfen im Raum, dass sie nach leisem Staunen klingen, nach einem fassungslos dahin gemurmelten „Grenze weg“.

Gleichzeitig könnten es aber, da in Versalien geschrieben, auch zwei zusammenhanglose Substantive sein - „GRENZE“, „WEG“ -, und unwillkürlich denkt man an die vielen Wege, die bis 1989 an der deutsch-deutschen Grenze endeten und die mit dem Fall der Mauer plötzlich offen und begehbar wurden - so wie der Weg durchs Brandenburger Tor.

Das Kunstwerk selbst erweckt das Tor zum Leben: menschliche Silhouetten in archaischen Formen mit rostroter, samtig anmutender Patina, wuchtig, drängend, voll elementarer Kraft und vereint in der harmonischen Dynamik ihres Zusammenspiels. Man glaubt förmlich zu spüren, wie das Brandenburger Tor 1989 von Menschen überrannt wurde, wie DDR-Bürgerinnen und -Bürger die Grenze überwunden, sich den Weg in den Westen, in die Freiheit erobert haben und nun - mit den 210 Kilo, die das Werk auf die Waage bringt, auch im ganz wortwörtlichen Sinne - endlich politisches Gewicht haben.
Was für ein Triumph!

Ja, es ist ein Triumph im besten Sinne - ein Triumph,
auf den auch wir Deutschen wahrhaft stolz sein können und dürfen:
der Triumph der Freiheit über Unfreiheit und Unterdrückung,
der Triumph der Demokratie über die Diktatur,
der Triumph des Rechtsstaats über staatliche Willkür,
ein Triumph in der deutschen und europäischen Freiheitstradition.

Ihre Skulptur, lieber Tony Cragg, vergegenwärtigt uns den Triumph jener Werte, für die Hundertausende Menschen im Herbst 1989 in Berlin, Leipzig und anderen Städten der DDR mutig ihre Stimme erhoben haben. Dafür sind wir Ihnen dankbar!

Der BILD-Zeitung - insbesondere Ihnen, lieber Herr Diekmann, und den Verantwortlichen in der Chefredaktion -, bin ich dankbar, dass Sie seit mittlerweile 15 Jahren regelmäßig Werke zeitgenössischer bildender Künstler ankaufen und Ihren Leserinnen und Leser vermitteln, was Kunst - mehr und anders als Politik, Medien und Wirtschaft - zu leisten imstande ist: Kunst kann uns helfen zu verstehen, wer wir sind - als Individuen, als Deutsche, als Europäer. Kunst kann uns aber auch nötigen, die Perspektive zu wechseln und die Welt aus anderen Augen zu sehen.

Tony Cragg steht dafür mit seiner ebenso kühnen wie eleganten, poetischen wie kraftvollen Formensprache, die mir auch deshalb so präsent ist, weil der traditionelle, jährliche Betriebsausflug meines Hauses mich und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufällig gerade erst in den Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal geführt hat. Sie haben an diesem Tag viele Bewunderer Ihrer Bildhauerkunst hinzu gewonnen, lieber Tony Cragg! Ich wünsche auch Ihrem jüngsten Meisterwerk viel öffentliche Aufmerksamkeit, was mit Hilfe von Deutschlands auflagenstärkster Zeitung gewiss kein Problem sein dürfte.

Ironie der Geschichte, dass „GRENZE WEG“ nun ausgerechnet hier, im Springer-Hochhaus, präsentiert wird! Immerhin hat die SED-Führung ja in Zeiten des Kalten Krieges nichts unversucht gelassen, um die als Provokation empfundene, sichtbare Präsenz des Springer-Hochhauses nicht nur propagandistisch, sondern auch städtebaulich zu kontern. So beschäftigte sich beispielsweise der ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda im Oktober 1963 mit einer Ausarbeitung zu, - ich zitiere: „Mögliche[n] Gegenmaßnahmen gegen die im Bau befindliche Nachrichtenleuchtschrift auf dem Hochhaus des Springer-Konzerns“.

Die eigens zur Abschirmung der Sicht auf das Springer-Gebäude aus dem Boden gestampften Wohnblocks in der Leipziger Straße mögen ihren Zweck erfüllt haben. Der Strahlkraft der freien Presse und der Presse- und Meinungsfreiheit aber vermochten sie freilich nichts entgegenzusetzen. So sei Ihnen, liebe Frau Springer, und dem Springer-Verlag dieser kleine Triumph von Herzen gegönnt, hier in Ihren Räumen mit „GRENZE WEG“ gewissermaßen das letzte Wort zu haben in Sachen „DDR gegen Springer“, diesem Nebenschauplatz des Kalten Krieges. Ich freue mich jedenfalls, mit Ihnen auf den 25. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung anzustoßen!

Herzlichen Dank, lieber Herr Diekmann, lieber Herr Tell, für die Einladung zu dieser kleinen, aber feinen Feier! Herzlichen Dank, lieber Tony Cragg, für ein Meisterwerk, das den 3. Oktober 1990 und den 9. November 1989 einmal mehr zum Leuchten bringt!