Navigation und Service

Inhalt

Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim BdV-Jahresempfang am 5. Mai 2015

Datum:
05. Mai 2015
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Präsident, lieber Herr Fabritius,
liebe Frau Steinbach,
sehr geehrte Frau Staatsministerin,
sehr geehrte Ministerkollegen,
sehr geehrter Herr Altbundespräsident, lieber Christian Wulff,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Parlamenten,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

wir erinnern in diesen Tagen an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren und des Zivilisationsbruchs der Schoah. Wer auch nur ansatzweise das Leid zu erfassen versucht, das von Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus in die Welt gebracht wurde, gerät an die Grenze des Vorstellungsvermögens. Nur indem wir uns der immerwährenden Verantwortung Deutschlands für diese Schrecken unserer Vergangenheit bewusst sind, können wir eine gute Zukunft gestalten. Nur so können wir angemessen an das Leid und das Unrecht erinnern, das Millionen Deutsche erfahren haben, die zum Ende des Kriegs und danach Opfer von Flucht und Vertreibung wurden.

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl derer, die als Vertriebene und Flüchtlinge bittere Zeiten durchlebten und überlebten, geringer geworden. Es lichtet sich der Kreis derer, die sich an Krieg und Vertreibung noch persönlich erinnern. Aber eines ist gewiss: Ihre Geschichte wird auch über Generationen hinweg unvergessen bleiben.

Es ist wichtig, dass die gesellschaftliche Anerkennung von Vertreibungsschicksalen nun auch regelmäßig in einem Gedenktag Ausdruck finden wird, den wir am 20. Juni zum ersten Mal begehen werden. Damit stärken wir die öffentliche und politische Wahrnehmung der Themen Flucht und Vertreibung. Wir rufen das Leid durch den Verlust von Heimat und von Angehörigen in Erinnerung, das auf dem Weg ins Ungewisse millionenfach durchlebt wurde. Und wir würdigen, was Vertriebene für den Wiederaufbau Deutschlands in den Nachkriegsjahren geleistet haben.

Mit dem Gedenktag am 20. Juni knüpfen wir an den Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen an. Daraus ergibt sich die Chance, sowohl historisches als auch aktuelles Geschehen in den Blick zu nehmen. Wir sind in diesen Tagen Zeugen gewaltiger Flüchtlingsströme. Das UN-Flüchtlingshilfswerk spricht von weltweit fast 51,2 Millionen Flüchtlingen, Vertriebenen und Asylsuchenden – so viele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg.

„Vertreibungen sind Unrecht - gestern und heute“ – mit dem diesjährigen Leitwort spannt der Bund der Vertriebenen einen Bogen von den Flüchtlingsdramen der Vergangenheit zu denen der Gegenwart. Historisches und Aktuelles zueinander in Beziehung zu setzen und beides gleichermaßen in den Blick zu nehmen – das ist der Ansatz, den auch die Bundesregierung verfolgt.

Auf der einen Seite leisten wir erhebliche Beiträge zur Erforschung und Vermittlung von Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. In diesem Jahr sind es insgesamt über 23 Millionen Euro, die wir Museen, Wissenschafts- und Kultureinrichtungen hierfür zur Verfügung stellen. Neben dem Westpreußischen Landesmuseum in Warendorf fördern wir zum Beispiel das Pommersche Landesmuseum in Greifswald – inzwischen Teil meines Wahlkreises. Dieses Pommersche Landesmuseum lädt derzeit zu einer sehenswerten Sonderausstellung ein, die den Titel „Zwei Männer - ein Meer. Pechstein und Schmidt-Rottluff an der Ostsee“ trägt. Ich kann Sie alle nur ganz herzlich einladen. Es gibt da auch noch manch anderes zu sehen. Greifswald ist auch die Stadt von Caspar David Friedrich.

Auf der anderen Seite richten wir unser Förderprogramm auch an Aufgaben aus, die heutige Erfahrungen und Schicksale betreffen. Dazu zählt etwa die Einrichtung einer Juniorprofessur an der Universität Osnabrück zur Migration und Integration von Russlanddeutschen.

Es ist natürlich kaum damit zu vergleichen, wie schwer es Vertriebene in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, fern der Heimat neu Fuß zu fassen. Doch auch diejenigen, die heute aus den Staaten Mittel- und Osteuropas zu uns kommen, haben mit großen Eingewöhnungsschwierigkeiten zu kämpfen. Daher arbeiten wir daran, dass sie sich aufgenommen fühlen und gute Startbedingungen vorfinden. Dies gilt umso mehr, als wir Ende 2013 die Möglichkeiten für den Familiennachzug bei Spätaussiedlern erleichtert haben. Der Zuzug hat sich daraufhin mehr als verdoppelt – auf über 5.600 Menschen im vergangenen Jahr.

Meine Damen und Herren, die Schicksale, die Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung erlitten haben, sind auch für uns heute Mahnung und Auftrag, dafür Sorge zu tragen, dass uns und künftigen Generationen solches Leid erspart bleibt. Die beste Antwort auf die Herausforderung der Sicherung von Frieden, Freiheit und Stabilität ist und bleibt die europäische Einigung. Herr Fabritius hat eben darauf hingewiesen, wie viele Möglichkeiten sich inzwischen daraus ergeben.

Daher brauchen wir Brückenbauer, wie wir sie auch und gerade in Ihren Reihen finden. Viele von Ihnen engagieren sich in der Heimat Ihrer Vorfahren. Sie unterstützen die Restaurierung von Kirchen oder den Aufbau von Begegnungsstätten und Bibliotheken. Sie organisieren Ausstellungen, Symposien und Studienfahrten. So unterhalten Sie vielfältige Kontakte zu unseren europäischen Nachbarn. Für dieses breite und unermüdliche Engagement danke ich Ihnen herzlich. Sie helfen mit, die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten, die Verbindung zur Heimat und zu den Deutschen in mittel- und osteuropäischen Staaten zu pflegen und denen zur Seite zu stehen, die zu uns kommen.

Das Verständnis, für eine gute Zukunft zu sorgen, indem wir uns der Verantwortung für die Vergangenheit bewusst sind – das ist von Generation zu Generation immer wieder aufs Neue zu pflegen, mögen sich auch die jeweiligen Perspektiven ändern. Dafür stehen auch die Wechsel an der Spitze des Bundes der Vertriebenen.

In den 90er Jahren folgten auf Herbert Czaja im Präsidentenamt zuerst Fritz Wittmann und dann Erika Steinbach, die wir hier heute ganz herzlich begrüßen. Das war ein erster Generationenwechsel. Auf diejenigen, die Krieg und Vertreibung als Erwachsene oder Jugendliche unmittelbar erlebt hatten, folgten diejenigen, deren Lebensgeschichte von der Nachkriegszeit und den Anstrengungen der Integration geprägt war.

Liebe Frau Steinbach, 16 Jahre lang waren Sie als Präsidentin des BdV tätig und haben ihm Gesicht und Stimme verliehen. Selbstbewusst und mit klaren Worten haben Sie sich für die Rechte und Belange der Vertriebenen eingesetzt. Das hat Ihnen Anerkennung, aber auch Kritik und sogar Anfeindung eingebracht. Davon haben Sie sich aber nicht beirren lassen. Sie sind dem Anliegen treu geblieben, das Wissen über das Schicksal der Heimatvertriebenen lebendig zu halten. Viele Projekte zeugen davon. Deshalb noch einmal ganz herzlichen Dank dafür.

Mittlerweile hat sich das Generationenrad weitergedreht. Lieber Herr Fabritius, Sie verkörpern nun die Generation, die geprägt ist vom Fall des Eisernen Vorhangs, von der Deutschen Einheit und der Integration ehemaliger Ostblock-Staaten in die Europäische Union. Daraus haben sich auch für die Vertriebenen neue Möglichkeiten und Arbeitsfelder ergeben. Ihnen wünsche ich von Herzen viel Erfolg – und uns die Fortsetzung unserer traditionell guten und intensiven Zusammenarbeit. Die Bundesregierung steht auch künftig an der Seite der Vertriebenen – in guten Stunden, aber auch, wenn es einmal ein Problem zu lösen gilt.

Herzlichen Dank.