Nachhaltiger Tourismus als Chance

Nicaragua: Alternativer Tourismus an der Pazifikküste

Ferienhäuser  am WasserBild vergrößern Residenzialtourismus an Nicaraguas Küste Foto: Matthias Beyer/ masIcontour

Nicaragua zählt zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas und der Karibik. Rund 70 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze -  ihnen stehen weniger als zwei US Dollar pro Tag zur Verfügung. Die deutsche Entwicklungshilfe ist in Nicaragua seit Jahren mit einer Vielzahl unterschiedlichster Projekte aktiv. Nicaragua ist eines von fünf Schwerpunktländern in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika.

Hoffnungsträger Tourismus

Der Tourismussektor gilt in Nicaragua als einer der Hoffnungsträger für die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation und als wichtiges Instrument zur Armutsminderung.

Speziell an der Pazifikküste in der Region Rivas wurden in der Vergangenheit unzählige touristische Bauvorhaben durch ausländische und auch einheimische Investoren realisiert. Hierbei handelt es sich überwiegend um Appartementanlagen und Ferienhäuser in Strandlage, die an Touristen vermietet oder als Zweitwohnsitze verkauft werden. Dieser Boom des so genannten Residenzialtourismus wird gemeinhin als entscheidender Motor für die wirtschaftliche Entwicklung der Region angesehen. Dadurch sollen tausende neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Welche Tourismusform ist sinnvoll?

Eine Reihe lokaler Akteure wie auch Entwicklungsexperten hegen jedoch Zweifel, ob diese Tourismusform aus ökonomischer, ökologischer und sozialer Sicht sinnvoll ist. Das zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern, zum Beispiel an den Mittelmeerküsten. Um dies zu klären, hat das Programm MASRENACE  der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) das Tourismusberatungsunternehmen masIcontour beauftragt. masIcontour sollte die langfristigen Wirkungen des Residenzialtourismus für die Region untersuchen.

Die Studie hat unter anderem gezeigt:  Die Küstenzone der Region Rivas  befindet sich bereits zu einem hohen Prozentansatz in der Hand überwiegend ausländischer Immobilienfirmen und Investoren. Sie haben im Verlauf der letzten Jahre hektarweise Land von einheimischen Grundstücksbesitzern aufgekauft. Das vornehmliche Interesse der Immobilienfirmen und Investoren besteht darin, attraktive Küstengrundstücke billig aufzukaufen und dann möglichst teuer bebaut oder unbebaut zu veräußern. Nicht zuletzt wegen der vorherrschenden Armut in der Region fanden sich viele Eigentümer, die bereitwillig ihre Grundstücke verkauften.

Das entstehende Problem der Landspekulation wird noch dadurch verschärft, dass es bisher nur unzureichende Regelungen zur Raumnutzung gibt. Außerdem fehlen Instrumente zur Raumordnung wie Flächennutzungspläne.

Problem: Zugang zu Stränden

Ein weiteres Konfliktfeld betrifft den Zugang zu den Stränden. Laut nicaraguanischer Naturschutzgesetzgebung sind die Strände öffentlicher Raum und müssen daher für jedermann zugänglich sein. Die Realität sieht anders aus. Dort, wo sich bebaute Küstengrundstücke befinden, verwehren die Eigentümer häufig den Zugang zu den Stränden.

Aber auch die Küstengrundstücke, die noch nicht bebaut sind, werden großflächig eingezäunt. Die lokale Bevölkerung ebenso wie die Touristen haben kaum noch Möglichkeiten, an die Strände zu gelangen.

Trinkwasser ist knapp

Bereits zum jetzigen Zeitpunkt herrscht in der Region erhebliche Trinkwasserknappheit, was eine zeitweise Kontingentierung der Wasserressourcen notwendig macht. Das Problem der unzureichenden Trinkwasservorräte wird sich mit der zunehmenden Entwicklung des Residenzialtourismus noch erheblich verschärfen. Der Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Residenzialanlagen mit standardmäßigem Swimmingpool ist nachweislich um ein Vielfaches höher als in Hotels und normalen Haushalten.

Während der Bauphase wird eine große Anzahl neuer Arbeitsplätze geschaffen. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass es sich nur um temporäre und in der Regel schlecht bezahlte Arbeitsplätze handelt. Im Vergleich zu konventionellen, touristischen  Beherbergungsformen ist der Arbeitskräftebedarf im Residenzialtoursimus wesentlich geringer. Somit sind keine signifikanten, direkten Dauerbeschäftigungseffekte durch den Residenzialtourismus zu erwarten.

Ferner sind der enorme Flächenverbrauch des Residenzialtourismus sowie dessen zu erwartenden beziehungsweise bereits bestehenden ökologischen und sozialen Folgen zu berücksichtigen. Somit kann diese Form nicht als wirkungsvolles und nachhaltiges Instrument zur ökonomischen Entwicklung und Armutsbekämpfung angesehen werden.

Entwicklung eines Leitbildes

Auf Wunsch der Gemeinden in der Region Rivas wurde daher von der GTZ die Entwicklung eines Leitbildes für eine nachhaltige Tourismusentwicklung finanziert. Ziel dieses Leitbildes war es, gemeinsam mit den lokalen Akteuren verschiedene touristische Entwicklungsoptionen zu prüfen und gemeinsam Leitlinien zu erarbeiten. Mit fachlicher Unterstützung von masIcontour haben rund 40 lokale Akteure in mehreren Workshops an diesem Prozess mitgewirkt.

Ein Mann steht vor einer Tafel.Bild vergrößern Gemeinsam Lösungen erarbeiten Foto: Matthias Beyer/ masIcontour

Neben zehn Leitsätzen und Aussagen zu allen wesentlichen Bereichen des Tourismus enthält das Leitbild konkrete Aussagen: welche Tourismusformen sollen mit welchen Zielsetzungen an welchen Orten künftig im Vordergrund stehen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Natur-/Ökotourismus, ländlicher Tourismus/Agrotourismus sowie Bade- und Strandtourismus.  Der Residenzialtourismus soll eher eine untergeordnete Rolle spielen. Das touristische Leitbild befindet sich derzeit im politischen Abstimmungsprozess. Es soll nach bisheriger Planung im Verlauf des Jahres als Orientierungsrahmen für die künftige touristische Entwicklung in der Region verabschiedet werden.

Mit der Studie hat die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wichtige Beiträge zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung des Tourismus geleistet. Sie eröffnen der Region Rivas die Chance, eine einseitige beziehungsweise zu starke Ausrichtung auf den Residenzialtourismus zu verhindern. Stattdessen können alternative und nachhaltigere Entwicklungswege im Tourismus eingeschlagen werden.

(Autor: Dipl.-Ing. Matthias Beyer, Geschäftsführender Gesellschafter von masIcontour Tourism Consulting & Regional Planning, Mitglied von GATE – Netzwerk, Tourismus, Kultur e.V.)