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Deutschlandreise in Hannover

Bis heute Einsatz für Stasi-Opfer

Seitdem er als junger Erwachsener Erfahrungen mit DDR-Grenzposten machte, lässt Hartmut Büttner das zu DDR-Zeiten geschehene Unrecht nicht mehr los. Er engagiert sich bis heute - auch als Zeitzeuge auf der "Deutschlandreise". Die machte zuletzt in Hannover Station.

Zeitzeuge Hartmut Büttner bei der Schulveranstaltung in Hannover Hartmut Büttner steht den Schülern des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums Rede und Antwort Foto: Deutsche Gesellschaft e.V.

"Habt ihr denn schon einmal etwas von Glasnost und Perestroika gehört?" Erst kurzes Tuscheln, dann hebt sich zögerlich eine Hand: "Das kam doch von Gorbatschow", sagt leise ein Schüler in der hinteren Reihe. "Richtig", erwidert Hartmut Büttner vorne auf dem Podium. "Gorbatschow stimmt. Es ging um Offenheit, wie wenn sich zum Beispiel ein Fenster öffnet", erklärt Büttner und meint damit den von Michail Gorbatschow Mitte der 80iger Jahre eingeleiteten Reformprozess in der damaligen Sowjetunion.

Eine kleine Geschichtsstunde zu 25 Jahren Deutsche Einheit in der Aula des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums Hannover: Als Zeitzeuge steht der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und Erster stellvertretender Vorsitzender des Beirats der Stasiunterlagenbehörde Hartmut Büttner Rede und Antwort. Organisiert hat die Veranstaltung an diesem Montag (06.07.2015) die Bundesregierung im Rahmen ihrer Infotour "Deutschlandreise". Ziel ist es, jungen Menschen durch Zeitzeugen und Beteiligten die Ereignisse vor 25 Jahren in lebendiger Form zu vermitteln.

Menschenrechtsverletzungen in der DDR

Hartmut Büttner eignet sich hierfür besonders gut, wie in seiner Diskussion mit den Jugendlichen, vor allem Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse mit Geschichtskurs, deutlich wird. Freiheit und Einheit sind für Büttner ein Lebensthema. Schon als junger Erwachsener machte er seine ersten Erfahrungen mit dem SED-Unrechtsstaat. "Ich habe mich damals gefragt, warum in der 68iger-Zeit von vielen nur Menschenrechtsverletzungen in Südamerika angesprochen wurden. Die DDR war doch viel näher", erzählt der heute 63-Jährige, der in Garbsen bei Hannover aufwuchs.

Für Büttner lag nichts näher, als sich mit einer Gruppe Gleichgesinnter vor Ort selbst ein Bild zu machen. Doch die Reise in die DDR musste er zunächst am Grenzposten unterbrechen. "Ich musste mich einer Leibesvisitation unterziehen - bis auf die Unterhose. Als ich dann längere Zeit in einem Raum alleingelassen wurde, bekam ich es mit der Angst zu tun. Nach 45 Minuten war der Spuk vorbei - die Zeit kam mir aber viel länger vor", erinnert sich Büttner.

"Vor Angst fast in die Hose gemacht"

Eine weitere Begegnung mit der Staatsmacht hatte er kurze Zeit später beim Besuch der Neuen Wache in Berlin, als er den Stechschritt der DDR-Soldaten missbilligend kommentierte. "Das war wie im schlechten Film, sofort kam aus der Menge einer mit Mantel und Schlapphut auf mich zu und stellte mich zur Rede. Da habe ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht", erzählt Büttner.

Diese Erfahrungen prägten ihn und wirkten motivierend. Bis zum heutigen Tag setzt er sich mit ganzer Kraft insbesondere für die Rechte von Stasi-Opfern ein. Als ihn während der Diskussion im Käthe-Kollwitz-Gymnasium ein Schüler fragt, was er denn als eine besonders schlimme Tat der Stasi empfunden habe, muss er nicht lange überlegen. "Das war die Geschichte mit meiner ehemaligen Bundestags-Kollegin Vera Lengsfeld, so etwas war besonders perfide", betont Büttner. Vera Lengsfeld wurde zu DDR-Zeiten von ihrem eigenen Ehemann Knud Wollenberger alias IM Donald bespitzelt.

Stasi-Spione in der Bundesrepublik

Was viele der Schülerinnen und Schüler überrascht: Die Stasi war nicht nur auf ihrem eigenen Staatsgebiet aktiv. Sondern auch in anderen Ländern, zum Beispiel in der Bundesrepublik. Büttner berichtet, es wären rund 3.500 Spione in der Bundesrepublik aktiv gewesen. Insgesamt hätte es im Nachhinein 82 Haftbefehle gegeben. Besonders dramatisch aus seiner Sicht: Allein fünf dieser 82 Spione wären in seiner Heimatstadt Garbsen tätig gewesen. Eine Erklärung dafür hat Büttner nicht. Aber ein Grund mehr, dass ihn auch heute das Thema weiter intensiv umtreibt.

Bewegende Momente auf der "Deutschlandreise"

Die Schulveranstaltung war nur ein Teil der "Deutschlandreise" der Bundesregierung, vom vergangenen Freitag bis Montag auf Station in Hannover. Die multimediale Ausstellung war anlässlich des weltgrößten Schützenfestes direkt neben dem Schützenplatz postiert. Und vor dem Feiern informierten sich viele Besucher über die Ereignisse vor 25 Jahren oder schauten sich Ausschnitte aus Originalfilmen an.

So beispielsweise Gerd Zöllner, der vor 70 Jahren während der Bombenangriffe auf Dresden geboren wurde. Nicht zuletzt wegen seiner eigenen Biografie meint er, "was wir für ein Glück hatten, dass beim Fall der Mauer kein einziger Schuss gefallen ist." Sichtlich bewegt ist auch eine Hannoveranerin, die sich am 9. November 1989 in Cottbus aufgehalten hat. "Wir haben das gar nicht richtig mitbekommen. Als ich am nächsten Tag zurückfuhr, habe ich nur gedacht, was für ein Wahnsinn!"

Über die Erlebnisse rund um Mauerfall und Deutsche Einheit wurde auch am Montagabend in den Räumen der Kestner Gesellschaft Hannover diskutiert. Die Deutsche Gesellschaft hatte die Veranstaltung organisiert. Auf dem Podium sprachen die DDR-Oppositionellen Maria Nooke und Carlo Jordan sowie der Wirtschaftsprofessor und frühere Finanzminister von Sachsen-Anhalt, Karl-Heinz Paqué. Tenor: Auch wenn es bei Details Fehler im Einigungsprozess gegeben habe. Das Zeitfenster für die Einheit sei sehr knapp gewesen. Umso besser, das es genutzt wurde.

Dieser Meinung ist auch Zeitzeuge Hartmut Büttner. Als ihn eine Schülerin fragt, ob sich die Einheit gelohnt habe, erwarten alle in der Aula des Kätze-Kollwitz-Gymnasiums eine umfassende Erklärung. Doch was kommt? Ein einfaches, aber klares und überzeugtes "Ja!".

Dienstag, 7. Juli 2015