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Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zur Verleihung der B’nai B’rith-Goldmedaille am 11. März 2008 in Berlin:

Datum:
11. März 2008
Bulletin
23-3

Sehr geehrter Lord Weidenfeld,
sehr geehrter Herr Simon,
sehr geehrter Herr Domberger,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich möchte mich von ganzem Herzen bei B’nai B’rith Europe für die Auszeichnung bedanken. Ihnen, lieber Lord Weidenfeld, danke ich vielmals für die ehrenden Worte. Sie haben uns alle mit Ihren Worten auch zu Recht ermahnt, in unserem Eintreten für Freiheits- und Menschenrechte niemals nachzulassen.

Ich möchte meinen Dank auch mit der Erinnerung an den leider inzwischen verstorbenen Professor Ernst Ludwig Ehrlich verbinden. Der namhafte jüdische Theologe hatte sich – unter anderem als langjähriger Direktor von B'nai B'rith Europe – stets für ein gutes Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland eingesetzt. Es wäre für uns alle – ich glaube, das darf ich sagen – ein großes Geschenk gewesen, wenn er heute Abend noch unter uns hätte sein können.

Ein herzliches Dankeschön auch Ihnen, der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, liebe Frau Knobloch, für Ihre Worte. Es ist mir eine große Freude, dass auch Sie heute Abend unter uns weilen.

Die Auszeichnung mit dieser Goldmedaille sehe ich als Verpflichtung an – als Verpflichtung für mein politisches Handeln und dafür, dieses Handeln auch weiterhin an einer Frage auszurichten, nämlich an der Frage: Wie können wir die Möglichkeiten aller Menschen – ich betone "aller" Menschen –, in Freiheit, Frieden und Würde zu leben, verbessern; nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, nicht nur im Nahen Osten? Wie können wir dem als universellen Anspruch gerecht werden?

Freiheit, Frieden und Würde – diese drei Werte, davon bin ich zutiefst überzeugt, hängen aufs Engste zusammen. Sie bedingen einander. Wir haben sehr viele Diskussionen darüber geführt, ob es Frieden ohne Freiheit geben könne. Die Politiker, die heute schon namentlich erwähnt wurden – insbesondere Konrad Adenauer –, haben die Bundesrepublik Deutschland damals auf der Grundlage der festen Überzeugung gegründet, dass Frieden nur in Freiheit wirklicher Frieden sein kann.

Aus der Würde des Menschen entspringt der Anspruch auf Freiheit. Wer seine Freiheit durch die Interessen anderer oder durch staatliche Gewalt ohne Grund verliert, der ist in seiner Würde zutiefst verletzt. Dies gilt nicht zuletzt für die Freiheit des religiösen Bekenntnisses. Diese Freiheit des religiösen Bekenntnisses gehört zum Kern jeder persönlichen Lebensgestaltung. Die Freiheit des einen kann nicht ohne die Freiheit des anderen existieren. Das erfordert, anderen immer wieder auch wirklich Freiräume zu lassen.

Daraus ergibt sich, dass Freiheit niemals als Freiheit von etwas zu verstehen ist, sondern als Freiheit zu etwas. Das heißt, Freiheit ist eng mit Verantwortung verbunden. Verantwortung zu leben, will gelernt sein. So brauchen wir dafür eine werteorientierte Bildung. Bildung ist sozusagen der Schlüssel für die Weitergabe der Werte, nach denen wir Menschen leben wollen. Dies wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass wir Menschen als Individuen überhaupt für andere da sein können. Damit ist ein friedliches Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft und von verschiedenen Völkern immer auch Ausdruck einer verantworteten Freiheit. Umgekehrt gilt: Wo Frieden bedroht ist, kann es natürlich für niemanden wirkliche und dauerhafte Freiheit geben.

Das, was ich hier sage und was recht abstrakt klingt, ist natürlich auch der Maßstab, an dem sich zum Beispiel Friedensverhandlungen orientieren müssen. Wenn nicht ein gemeinsames Wertefundament der Verhandlungspartner im Rahmen eines Minimalkonsenses vorhanden ist, dann können solche Verhandlungen auch nicht zu einem guten Ergebnis führen.

Wenn wir heute hier bei einer Feier beieinander sind, von B’nai B’rith, einer großartigen Organisation, gestaltet, dann erinnern wir uns auch daran, dass dieses Jahr das Jahr der 60. Wiederkehr der Gründung des Staates Israel ist. So groß die Freude über diesen 60. Jahrestag ist, so groß ist doch auch die Besorgnis darüber, dass die ständige Bedrohung des Friedens, der Freiheit und des Lebens in Israel im Laufe der Geschichte dieses Staates eine permanente Bedrohung war und dass wir es bis heute nicht geschafft haben, dieses Problem zu lösen.

Wir, die wir in diesem wunderschönen Saal in einem friedlichen Deutschland sitzen, können uns vielleicht manchmal gar nicht vorstellen, wie konkret diese Bedrohung ist. Sie ist nicht abstrakt, sie ist nicht nur niedergeschrieben. Schreckliche Attentate werden immer wieder erlebt. Wenn ich nur daran denke, was letzte Woche passiert ist – dieser furchtbare Anschlag auf eine Religionsschule in Jerusalem –, so war dies wieder einer dieser schmerzlichen Augenblicke, die uns diese konkrete Bedrohung vor Augen geführt haben.

Um ein friedliches Miteinander von Bürgern zu sichern, die in Freiheit leben, müssen wir uns natürlich einer Aufgabe stellen – das sage ich als Politikerin –, nämlich immer wieder alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Friedensprozess im Nahen Osten in Gang zu halten, neue Möglichkeiten zu probieren und in den Anstrengungen nicht nachzulassen, selbst wenn es viele einzelne Sachverhalte gibt, die uns immer wieder zweifeln lassen. Ich bin der festen Überzeugung: Es gibt keine Alternative zu den Bemühungen um eine Zwei-Staaten-Lösung – ein Staat für das jüdische Volk in Israel und ein Staat für das palästinensische in Palästina. Trotz aller Rückschläge müssen wir alle Kraft einsetzen, um diese Vision in die Tat umzusetzen.

Dies wird natürlich auch ein Thema bei den ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen sein, die wir auf Vorschlag von Premierminister Olmert nächste Woche – ganz bewusst zum 60. Jahrestag – in Israel durchführen werden. Es wird eine große Zahl von Ministern der Bundesregierung dabei sein: unser Außenminister, unser Umweltminister, die Forschungsministerin, die Jugendministerin, der Wirtschaftsminister, die Justizministerin, der Verteidigungsminister und Vertreter des Entwicklungsministeriums.

Wir sind der festen Überzeugung: Auf der einen Seite haben wir, die Bundesrepublik Deutschland und die Menschen in Deutschland, aus unserer Geschichte und den Schrecknissen der Schoa resultierend eine ganz besondere Verantwortung für die Existenz des Staates Israel. Es wird immer eine besondere Beziehung zwischen unseren Ländern bleiben, weil wir diese Geschichte erlebt haben und weil wir diese Geschichte als Mahnung begreifen. Aber auf der anderen Seite ist es auch wichtig, in die Zukunft zu schauen, gemeinsame Projekte zu entwickeln, sich besser kennen zu lernen und die Generationen zueinander zu bringen, die den Holocaust nicht erlebt haben. Dieser Aufgabe wollen wir uns in den Regierungskonsultationen widmen, die jährlich stattfinden werden – abwechselnd in Israel und in Deutschland.

Natürlich wird bei unserem Besuch in Israel auch eine der ernstesten Bedrohungen ein Thema sein, nämlich die Bedrohung des Staates Israel durch das Nuklearprogramm des Iran. Ich habe hierzu auch vor den Vereinten Nationen sehr deutliche Worte gefunden und deutlich gemacht: Wir müssen als internationale Staatengemeinschaft entschlossen, aber auch geschlossen dem Iran entgegentreten und dem iranischen Volk sagen, dass es eine Chance auf eine vernünftige Entwicklung hat, aber nur unter der Maßgabe, dass alle Pläne zur Erlangung einer nuklearen Bewaffnung aufgegeben werden, dass volle Transparenz für die internationale Staatengemeinschaft herrscht und dass alles andere mit weiteren Sanktionen durch die internationale Staatengemeinschaft beantwortet werden wird.

Wenn ich heute diese Goldmedaille von B’nai B’rith empfangen habe, will ich auch deutlich sagen: Wir brauchen manchmal gar nicht so weit zu schauen, um zu sehen, wo unsere Aufgaben zur Bewahrung von Freiheit und Würde des einzelnen Menschen liegen. Denn auch in Deutschland haben wir Erscheinungen zu beklagen, die in keiner Weise akzeptabel sind: Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus – Erscheinungen, die es auch nach vielen Jahrzehnten der Existenz der Bundesrepublik Deutschland gibt, sowie die Tatsache, dass jüdische Einrichtungen besonders geschützt werden müssen und keine jüdische Schule, kein jüdischer Kindergarten ohne Polizeischutz seine Freiheit und seinen Frieden leben kann. Deshalb sage ich, dass es für Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland keinen Platz geben darf. Dies ist auch, aber natürlich nicht nur Aufgabe staatlicher Stellen, es ist genauso auch eine gesellschaftliche Aufgabe aller Menschen in Deutschland. Wer sich Antisemitismus und Extremismus nicht widersetzt, der verspielt seine eigene Freiheit und setzt die Freiheit anderer aufs Spiel. Dessen müssen wir uns immer bewusst sein. Toleranz wäre hier fehl am Platz. Toleranz würde sich an dieser Stelle selbst zerstören, wenn sie sich nicht konsequent vor jeder Form von Intoleranz schützt.

Sie, verehrter Lord Weidenfeld, haben in Ihrer Ansprache zu Recht einen Blick auf die Rolle der Erziehung als Wegbereiter zur Toleranz hingewiesen und das oft in Ihren Ansprachen getan. Erziehung ist angesichts von unendlich vielen Fakten aus allen Bereichen, die wir in unseren Köpfen sammeln können, auch eines der ganz großen Themen unserer Zeit. Aber wenn es uns nicht gelingt, Erziehung als Bildung und als Förderung einer inneren Haltung zu verstehen, dann wird Erziehung ihr Ziel verfehlen. Sie bedeutet nicht nur eine Ansammlung von Fakten.

Deshalb verlangt auch der Kampf gegen Antisemitismus mehr als historisches Wissen. Ohne historisches Wissen wird er schwer zu führen sein, aber dieser Kampf gegen Antisemitismus verlangt eben auch die Existenz eines Gewissens. Es sind die innere Haltung und die Überzeugung von der universalen Gültigkeit von Werten, die ein mutiges Eintreten für Frieden und Freiheit aller sichern. Eine solche Haltung muss von Generation zu Generation immer wieder neu herausgebildet werden. Wann immer wir denken, sie existiert und ist damit zum Gemeingut geworden, werden wir erlahmen und schreckliche Ereignisse erleben. Deshalb sind Bildung und Erziehung so wichtig – auf der einen Seite durch Erinnerung an die Vergangenheit, aber andererseits genauso durch das Gestalten einer gemeinsamen Zukunft.

Eben deshalb wollen wir unsere guten Beziehungen zu dem Staat Israel weiter ausbauen und vertiefen. Mir liegt ganz besonders am Herzen, dass wir den jungen Menschen die Türen öffnen und dass sich die jungen Menschen besser kennen lernen können. Ich habe das Projekt verfolgt, als ich von 1991 bis 1994 Jugendministerin war und damals meine erste Reise nach Israel unternommen habe, und ich werde es auch als Bundeskanzlerin weiter verfolgen.

Würde, Freiheit und Frieden – so kostbar diese Güter sind, so zerbrechlich sind sie auch. Das erleben wir immer wieder. Deshalb müssen wir alle miteinander immer wachsam sein, um sie zu schützen und zu bewahren. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es Organisationen gibt, die uns dabei Vorbild sind. Seit mehr als 160 Jahren setzt sich B’nai B’rith für Demokratie, Freiheits- und Menschenrechte, für Toleranz, Verständnis und Frieden in der Welt ein, seit 50 Jahren – das ist ein besonderes Geschenk –, auch wieder mit Gruppen in Deutschland, dem Land der Schoah, dem Land, das unter nationalsozialistischer Herrschaft unendliches Leid über die Welt gebracht hat.

Herr Simon, ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Worte, die Sie gefunden haben, als Sie uns von der Konferenz im Jahr 2001 berichtet haben, von den Zweifeln und den Fragen vieler, die teilnehmen sollten, aber auch von der wunderschönen Erfahrung, dass sehr viele diesen Schritt gewagt haben und vielleicht nicht enttäuscht waren. Ich glaube, es ist ein großes Wunder, ein großes Geschenk, dass in Deutschland heute wieder jüdisches Leben blüht, dass hier wieder eine lebendige, gesellschaftlich aktive jüdische Gemeinschaft existiert – das ist auch dem Wirken von B’nai B’rith zu verdanken. Liebe Frau Knobloch, als ich die Freude hatte, die Jüdische Gemeinde in München zu besuchen, die wunderschöne Synagoge und das Gemeindezentrum, als ich gesehen habe, was Sie für die Integration osteuropäischer Juden, insbesondere russischer Juden, tun, ist mir das auch noch einmal vor Augen geführt worden.

All dies ist immer wieder ein Werk, das auf den Werten beruht, von denen ich anfangs gesprochen habe: Freiheit, Frieden und Würde. Es ist ein Werk, für dessen Gelingen jeder in seinem Umfeld Verantwortung übernehmen kann – in der Familie, in der Nachbarschaft, im Beruf, durch gesellschaftliches Engagement etwa in wohltätigen oder gemeinnützigen Organisationen wie eben auch B’nai B’rith. Deshalb glaube ich, dass ich die Auszeichnung heute auch stellvertretend für all diejenigen entgegengenommen habe, die sich für ein gedeihliches, friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft stark machen. Ich glaube, es ist eine Auszeichnung, die uns ermutigen kann, in unseren Bemühungen für das, was wir ersehnen und erstreben, nicht nachzulassen.

Herzlichen Dank für die Ehre, diese Goldmedaille zu bekommen, und auf weitere gute Zusammenarbeit!