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Portrait

Der Mutmacher

Früher gehörten Schuleschwänzen, Raub und Prügeleien zum Alltag von Fadi Saad. Erst nachdem er seine Strafe im Jugendarrest abgesessen hatte, änderte er sein Leben radikal: Er holte seinen Schulabschluss nach und absolvierte eine Ausbildung. Heute schreibt der 33-jährige mit palästinensischen Wurzeln Bücher und setzt sich für Respekt und Toleranz ein. Und ist in Berlin gefragter Ansprechpartner für Jugendliche, Eltern und Lehrer.

Die Aula in der Gesamtschule in Berlin Wilmersdorf ist bis in die hinteren Reihen besetzt. 150 Schülerinnen und Schüler aus der 9. und 10. Klasse blicken erwartungsvoll auf den jungen Mann in Jeans und T-Shirt, der gekommen ist, um mit ihnen über Respekt, Ehre, Religion, Verantwortung und Gewalt zu sprechen. Viele der Jugendlichen haben ausländische Wurzeln und für sie ist Fadi Saad einer von ihnen, der weiß, wie sie sich fühlen, welche Probleme sie in der Schule, mit Lehrern, ihren Eltern und dem Erwachsenwerden in Deutschland haben. Angekündigt ist die Veranstaltung als Lesung aus seinen beiden Büchern „Der große Bruder von Neukölln“ und „Kampfzone Straße“. Aber Fadi Saad liest nicht nur, sondern er erzählt und spricht die Jugendlichen direkt an, fragt sie „Was ist Respekt für Euch?“ oder er appelliert an die Mädchen „Steht nicht auf die Jungs in den Straßengangs“. Dabei ist er ständig in Bewegung, geht einige Schritte vor und wieder zurück und schafft, was die anwesenden Lehrer und Lehrerinnen in Staunen versetzt: Eine volle Stunde sind die Schüler und Schülerinnen aufmerksam bei der Sache.

Der Arrest veränderte sein Leben

„Ihnen fehlen Anerkennung und Wertschätzung“, sagt er, so wie ihm, als er Anfang der 90er Jahre auf der Suche danach zu den „Araber Boys 21“ kam. Als ältester Bruder von acht Geschwistern hatte er gelernt Verantwortung zu übernehmen, aber mit seiner impulsiven und rebellischen Art schoss er oft über das Ziel hinaus, entfremdete sich von seinen Eltern, bekam Schwierigkeiten in der Schule, fing an zu schwänzen. In der Jugendgang wurde Gewalt das Mittel um sich durchzusetzen. „Ich war angeklagt wegen Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung“, erzählt der zweifache Familienvater, dessen Nase bei Prügeleien dreimal gebrochen wurde. Erst als er mit 14 Jahren strafmündig wurde und für ein Wochenende in den Arrest kam, wurde ihm klar, dass er so nicht weiterleben möchte. 1997 hatte er noch ein Schlüsselerlebnis, als er selbst Opfer einer Jugendgang wurde und spürte, wie schmerzhaft es ist, einen Tritt ins Gesicht zu bekommen. Seitdem hat er niemanden mehr angegriffen und behandelt andere so, wie er selbst behandelt werden möchte. Fadi Saad machte den erweiterten Hauptschulabschluss nach, fand anschließend eine Lehrstelle zum Bürokaufmann, absolvierte ein Training für Security und Objektschutz sowie die Weiterbildung in EDV-Buchhaltung und Wirtschaftsenglisch. Er bekam eine Stelle in der Verwaltung des arabischen Kulturinstituts AKI. „Als mein Chef merkte, dass ich nicht nur mit Zahlen, sondern vor allem gut mit Jugendlichen umgehen konnte, bekam ich den Auftrag ein Fußballspiel zu organisieren“. Das war sein Weg in die Sozialarbeit. Seit 2006 arbeitet er im Auftrag des Berliner Senats als Quartiermanager, zuerst in Neukölln, dann Reinickendorf und jetzt leitet er das Quartiersmanagement in Moabit-Ost, wo mehr als 50 Prozent der rund 11.000 Bewohner und Bewohnerinnen einen Migrationshintergrund hat und mehr als ein Drittel von Transferleistungen wie Hartz IV lebt.

Fadi Saad ist ein Macher

Seine Aufgabe und die seiner Kollegen und Kolleginnen des Quartiersmanagment besteht darin, Schnittstelle zu sein zwischen den Bewohnern des Kiezes und den Fachämtern des Bezirkes wie Jugend-, Sozial oder Wohnungsamt. Gemeinsam organisieren sie Feste und Projekte oder wie vor drei Monaten eine Kiezkonferenz, um Ideen zu sammeln, wie das Zusammenleben verbessert werden kann. Fadi Saad ist in seinem Element, wenn er helfen kann, am liebsten schnell und unbürokratisch. „Ich bin ein Macher“, sagt er selbstbewusst und grinst. Er geht raus auf die Straße, redet mit den Leuten und packt selbst mit an. Als eine ältere türkische Frau ihn darauf ansprach, dass sie für den Platz, an dem sie sich mit anderen Frauen regelmäßig trifft, gern einen Schutz gegen Regen hätte, zeigte Fadi Saad ihr, wie sie dafür einen Antrag stellen kann. Nach der Bewilligung durch den Vergabebeirat (ein Bewohnergremium) ging er mit ihr zusammen in den Baumarkt, um einen großen Schirm zu kaufen. „Mit 130 € haben wir eine ganze Nachbarschaft glücklich gemacht und die ältere Dame ist jetzt zur Kiezmama geworden, zu der die anderen kommen, wenn sie zum Beispiel mehr Abfallkörbe oder Besen zum Saubermachen brauchen. Das ist doch super“. Fadi Saad kann sich auch über solche kleinen Erfolgserlebnisse freuen, sein Lächeln ist breit und die Hände sind in Bewegung, während er davon erzählt.

Verantwortung ist wichtig

Neben seiner Arbeit im Kiez, reist er durch Deutschland und plädiert auf Podiumsdiskussionen, in Schulen und Universitäten für gegenseitige Anerkennung, Respekt, Toleranz und Wertschätzung. Er engagiert sich für die Goslarer Zivilcouragekampagne und wurde letztes Jahr für sein besonderes Engagement beim Projekt „Gewaltprävention an Schulen der Region Goslar“ mit dem Löwen des stadtansässigen Lions-Clubs ausgezeichnet. Auf seiner Website fordert er mehr Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt sowie mehr Engagement der Eltern Betroffener und hält es für notwendig, mehr Polizisten, Lehrer und Sozialarbeiter vor allem arabischer und türkischer Herkunft einzustellen. „Es geht darum, an der Problemlösungsfähigkeit aller zu arbeiten“. Und die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie gerade in ihrem Leben stehen. Verantwortung ist ein zentrales Thema für Fadi Saad und ein entscheidendes Anliegen jeder gelungenen Erziehung, sei es im Elternhaus, in der Schule oder als Sozialarbeiter. Er möchte die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden. Seine Fähigkeiten, ihnen dafür den Weg zu zeigen, sind Resultate seiner Lebenserfahrung als großer Bruder, rebellierender Jugendlicher, Sozialarbeiter, Vater von zwei Söhnen und Leiter eines Quartiersmanagements in einem der sozialen Brennpunkte Berlins. Fadi Saad nimmt jeden Jugendlichen ernst, hört sich seine Probleme an, stellt Aufgaben, fordert Engagement und setzt dabei klare Grenzen. „Zu mir kam keiner und hat mir gezeigt, wie ich es schaffen kann. Mit meiner Lebenserfahrung möchte ich ihnen Mut machen und ihnen zeigen, dass sie eine Chance haben“, sagt er.

Es fehlt an männlichen Vorbildern

Oft haben die Jugendlichen Ärger mit den Eltern und Lehrern, weil sie die Schule schwänzen und Konflikte mit Gewalt austragen. „Es ist wichtig, miteinander zu reden, im Guten und nicht in erster Linie, wenn das Kind Mist gebaut hat, sondern auch und erst recht, wenn es gute Leistungen bringt. Das gibt es ja auch“. Fadi Saad hat im Rahmen eines Projekts Berufsschüler unterrichtet, er kennt die Perspektive des Lehrers. Er weiß, dass viele Jugendliche wenig respektvoll mit Lehrern umgehen, sie nicht siezen, ständig zu spät kommen oder erst gar nicht erscheinen. Wenn in seiner Klasse ein Schüler um fünf nach acht nicht da war, hat er direkt zum Handy gegriffen und den Vater oder die Mutter angerufen, um zu hören, ob ihr Kind krank ist. Oder Fadi Saad fährt abends zur Familie, isst mit ihnen und sie sprechen über die Schule und das Leben. „Es muss den Jugendlichen klar sein, dass sie die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen müssen und nicht die Eltern.“ Es fehle an männlichen Lehrern, Sozialarbeitern und Vorbildern, die den jungen Männern ihre Grenzen zeigen und gleichzeitig ernst nehmen. Eine schwierige Gratwanderung, die Fadi Saad traumwandlerisch beherrscht. Aber er kennt seine Grenzen. „Es gibt natürlich auch Frauen, die sich durchsetzen können. Aber genauso wenig kann ich mich mit Mädchen über ihre Probleme unterhalten. Dafür bin ich der Falsche“, sagt er bestimmt.

Hat er einen Traum? Fadi Saad denkt kurz nach und erzählt von seiner Idee einen Verein gründen, der Mogli heißt. Nach dem Jungen Mogli aus dem Dschungelbuch, der als Mensch bei den Wölfen aufwächst und sich auch so fühlt. Aber dann von den Wölfen daran erinnert wird, dass er ein Mensch ist und von ihnen aufgefordert wird, zu den Menschen zurückzukehren. “Wir sind hier geboren und aufgewachsen. Wir sind Deutsche, aber oft werden wir von den Deutschen zu Ausländern gemacht. Mangelnde Integration ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das wir gemeinsam lösen müssen. Eine einfache Lösung gibt es nicht,“ sagt er mit Blick auf seine Uhr. Das Büro ruft, denn das nächste Kiezfest muss organisiert werden.

Anja Karrasch

Freitag, 15. Februar 2013