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Projekt MiMi

Stärken, was stark macht: Gewaltprävention mit Migrantinnen für Migrantinnen

Bilder von Krieg, Flucht und Vertreibung sind allgegenwärtig. Und doch ist jedes Foto nur ein schwaches Abbild der Not derer, die nach Deutschland kommen, um Schutz zu finden. Folgt auf das Trauma der Flucht das Trauma sexueller Gewalt, sind die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft erreicht. Für eine Vielzahl geflüchteter Frauen und Mädchen ist das jedoch Realität. Das Projekt „MiMi – Gewaltprävention mit Migrantinnen für Migrantinnen“ des Ethno-Medizinischen Zentrums (EMZ) setzt dem aktiv etwas entgegen und wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert.

Gruppenbild Sandrock und Teilnehmerinnen Mitreden erwünscht: In ihrem Workshop gibt Lydia Sandrock den Teilnehmerinnen Raum für eigene Fallbeispiele. Viele der Frauen arbeiten bereits in der Frauenberatung. Foto: Integrationsbeauftragte / Loos

An einem Samstagnachmittag im November sitzen rund 30 Frauen in einem Schulungsraum in Berlin Kreuzberg. Sieben intensive Stunden haben sie bereits hinter sich. Dennoch liegt Konzentration in der Luft. Die jüngste von ihnen ist Mitte 20, die älteste etwa 50. Manch eine trägt ein Kopftuch, andere tragen das Haar kurz oder rot gefärbt. Die eine ist in Berlin geboren, die andere erst seit ein paar Jahren hier. Sie alle verbindet ein Ziel: Der Gewalt an Frauen entgegenzutreten.

Vor ihnen steht Lydia Sandrock, die Diplom-Psychologin hat über 30 Jahre in der Frauenberatung gearbeitet. Zu ihr kamen Betroffene, die vergewaltigt worden waren oder andere Formen von Gewalt erlebt hatten. Seit August 2016 koordiniert sie im Land Brandenburg die Arbeit gegen Gewalt an Frauen. Heute teilt Lydia Sandrock als erste aus einer Reihe von Expert*innen ihr Wissen mit den anwesenden Frauen. Sie erläutert Faktoren, die zur Entstehung sexueller Gewalt beitragen, zeigt Täterstrategien auf und gibt wertvolle Hinweise zu den Themen Beratung, Schutz und Hilfe. Es ist Tag eins einer achttägigen Schulung, an deren Ende die Migrantinnen zu „interkulturellen Mediatorinnen für Gewaltprävention“ ausgebildet sein werden. Künftig führen sie Informationsveranstaltungen in ihren Muttersprachen durch und leisten den Frauen und Mädchen in den Flüchtlingsunterkünften Hilfe zur Selbsthilfe.

Sprach- und Kulturkenntnisse erleichtern den Zugang

Das Konzept ist bewährt. 2004 ging „MiMi“ mit dem Beinamen „Gesundheit mit Migranten für Migranten“ an den Start. Längst hat sich das EMZ mit diesem Programm bundesweit einen Namen als Kompetenz- und Referenzzentrum für die Gesundheit von Migrant*innen gemacht. Denn die Gesundheitsmediatoren vereinen Wissen, Sprachfertigkeiten und eine kultursensible Herangehensweise. Angesichts steigender Flüchtlingszahlen und damit verbundener Berichte über sexuelle Übergriffe entschied das EMZ, seine Aktivitäten auf diesem Feld weiter auszubauen. „Gewaltprävention ist immer auch Gesundheitsvorsorge“, sagt Diplom-Sozialwissenschaftler Michael Kopel. Er ist MiMi-Projektkoordinator in Berlin „Darüber hinaus glauben wir, dass sexuelle Selbstbestimmung, Geschlechtergerechtigkeit und körperliche sowie seelische Unversehrtheit Grundpfeiler unserer freiheitlichen Gesellschaft sind und neben aller Theorie auch praktisch umgesetzt werden müssen.“

Lydia SandrockBild vergrößern Psychologin Lydia Sandrock von der „Anti-Gewalt-Koordinierung Frauen Brandenburg“. Foto: Integrationsbeauftragte / Loos

„MiMi – Gewaltprävention mit Migrantinnen für Migrantinnen“ wird von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, mit 560.000 Euro unterstützt. „Unser Ziel ist es, die Situation der geflüchteten Frauen und Mädchen in den Unterkünften durch gezielte Empowermentprojekte zu verbessern“, sagt Judith Ciganović vom Arbeitsstab der Integrationsbeauftragten. „Eine große Herausforderung ist es jedoch, überhaupt Zugang zu ihnen zu bekommen. Erfahrungsgemäß funktioniert das über die Migrantenselbstorganisationen am besten.“ Durch die Einbindung bereits bestehender lokaler Netzwerke und dem sich daraus ergebenden Schneeballeffekt sei „MiMi“ überdies ein besonders nachhaltiges Gewaltpräventionsprogramm, so Ciganović.

Um ein Trauma verarbeiten zu können, braucht es Stabilität

An diesem Samstagnachmittag aber geht es vor allem um die Frage, wie die Mediatorinnen helfen können, wenn es bereits zu spät ist. Wann immer Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder waren, sind Behutsamkeit und Einfühlungsvermögen unverzichtbar. Doch die Situation von geflüchteten Frauen und Mädchen ist eine zusätzlich erschwerte. „Zunächst ist da die Sprachbarriere“, erklärt Psychologin Lydia Sandrock. Sie habe schon Fälle erlebt, in denen Dolmetscherinnen die Geschichten extremer Gewalt, die sie schildern sollten, nicht aushielten und den Raum verlassen mussten. In denen sie den hilfesuchenden Frauen Vorwürfe machten oder gar ausriefen: „Nein, das glaube ich nicht!“ Genau hier können die geschulten Migrantinnen mit ihren Sprachkenntnissen eine große Lücke füllen.

Zudem zehren der unsichere Aufenthaltsstatus und mangelnde Privatsphäre an den Nerven. „Dabei können Traumata oft erst dann bearbeitet werden, wenn eine gewisse Stabilität eingekehrt ist“, sagt Sandrock. „Gerade in den Unterkünften, wo es kaum Rückzugsmöglichkeiten gibt, sind grenzverletzende Situationen keine Seltenheit. Bei Betroffenen triggert das immer wieder die Erinnerung an bereits erlebte Gewalt.“

Es sind Szenen wie jene, die die 30-jährige Malak Awad schildert. Die Berlinerin mit palästinensischen Wurzeln gibt im Stadtteilzentrum Stadtschloss Moabit Kurse für Geflüchtete. Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich in Unterkünften. „Eine Frau erzählte mir, wie sie gerade in einem ungestörten Moment ihr Kopftuch ablegen wollte, als ein Security-Mitarbeiter einfach die Tür aufriss.“ Abzuschließen sei nicht möglich gewesen. Aus Sicherheitsgründen. Dabei benötigen gerade Menschen mit Gewalterfahrung sichere Rückzugsräume. Überdies gebe es genau geregelte Standards, an die sich die Heimleitungen zu halten hätten, klärt Lydia Sandrock auf. „Dazu gehört, dass die Türen abschließbar sein müssen!“

Selbsthilfe durch Aufklärung

Mecbure ObaBild vergrößern Mecbure Oba freut sich, zukünftig Frauen in ihrer Muttersprache Kurdisch unterstützen zu können. Foto: Integrationsbeauftragte / Loos

Oft kennen die geflüchteten Frauen und Mädchen ihre Rechte nicht. Diese Unkenntnis auszunutzen, ist eine typische Täterstrategie, wie die Schulungsteilnehmerinnen lernen. „Deswegen bleiben viele Betroffene in der Gewaltsituation – weil sie befürchten, über ihre Not zu sprechen, könnte ihr Asylverfahren beeinträchtigen“, sagt Sandrock. Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn Frauen mit ihrem gewalttätigen Mann zusammen den Antrag gestellt hätten oder wenn der Täter ein Mitarbeiter der Behörden oder der Unterkunft sei.

Durch Aufklärung Hilfe leisten möchte daher auch die 36-jährige Mecbure Oba. „Viele betroffene Frauen bleiben mit ihren Erlebnissen allein, sprechen kaum Deutsch und wissen vielleicht gar nichts von den Unterstützungsangeboten, die es gibt“, sagt die gebürtige Kurdin. „Mit unseren Infoveranstaltungen wollen wir die Frauen stärken und sensibilisieren, sodass sie sich und ihre Kinder besser vor sexueller Gewalt schützen können.“ Keine leichte Aufgabe. „Wir müssen noch viel tun“, sagt auch Malak. Doch dabei lächelt sie und in ihren Augen blitzt Kampfgeist auf.

Zum Begriff „Mediation“:

Im Gegensatz zur Migrationsarbeit versteht man in der Anti-Gewalt-Arbeit unter „Mediation“ Streitschlichtung oder Vermittlung zwischen Streitenden. Insbesondere bei sexueller oder Partnerschaftsgewalt ist dies jedoch keine Option. Im Kontext des beschriebenen Projekts wird der Begriff daher im Sinne von Kulturvermittlung gebraucht.

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