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Porträt

Erfolgreich in der neuen Heimat

Als Tochter einer türkischen Gastarbeiterfamilie kam Sevil Akbay Anfang der 70iger-Jahre nach Berlin. Die 11-Jährige hatte keinen einfachen Start: "Wir konnten kein Wort Deutsch, in der Schule verstand ich nichts" erinnert sie sich heute. Doch ehrgeizig kämpfte sie sich durch, schaffte den Schulabschluss und lernte das Friseur-Handwerk. Mittlerweile bildet sie als Friseurmeisterin mit eigenem Betrieb selbst Lehrlinge aus.

Friseurmeisterin Sevil Akbay in ihrem SalonBild vergrößern Friseurmeisterin Sevil Akbay Foto: Privat

„Ich wollte immer unabhängig sein“

Manchmal hat Sevil Akbay Sehnsucht nach ihrer Heimatstadt Izmir, der Großstadt direkt an der türkischen Ägäisküste. Dann denkt sie an ihre schöne Kindheit, die sie dort verbrachte, an die Wärme, die Sonne und den Strand. Dabei verliert sich ihr Blick, als wolle sie die fernen Bilder vor ihrem inneren Auge festhalten. Zehn Kinderjahre im Glück, die vielleicht der Grund dafür sind, dass Sevil Akbay den schmerzvollen Abschied von der Heimat überwand und sich als Unternehmerin ein unabhängiges Leben in Deutschland aufbaute. Und jetzt mit 50 Jahren über sich und ihre Familie sagen kann:„Wir sind mehr Deutsche, als wir selbst denken“.

Mit elf Jahren verließ sie die Türkei, folgte zusammen mit ihren beiden Schwestern und dem Vater der Mutter, die bereits ein Jahr zuvor allein nach Berlin gezogen war. Es war die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Vollbeschäftigung in der Bundesrepublik, es fehlte an Arbeitskräften für gering qualifizierte Tätigkeiten, die im europäischen Ausland angeworben wurden. Bis in die 1970er-Jahre kamen so über fünf Millionen Gastarbeiter und ihre Familien nach Deutschland, vorwiegend aus den Mittelmeerländern Italien, Spanien, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Portugal und der Türkei. So wie Sevil Akbay und ihre Familie. Ihre Mutter hatte Arbeit als Putzkraft gefunden und zusammen mit anderen türkischen Einwanderern eine Wohnung in Berlin-Kreuzberg am Mariannenplatz. „Wir lebten mit zwölf Leuten in einer 3-Zimmer-Wohnung. Wir konnten kein Wort Deutsch, in der Schule verstand ich nichts“, erzählt die Friseurmeisterin, die im nächsten Jahr das 25-jährige Jubiläum ihres Salons „Sevil“ in Berlin-Charlottenberg feiern wird.

Sevil Akbay musste für ihr Ziel kämpfen

Dass sie das geschafft hat, hat sie ihrem Ehrgeiz und Fleiß zu verdanken. Und ihrem unbedingten Willen, etwas aus sich zu machen. „Ich habe mir alles selbst mit viel Mühe erkämpft“, sagt Sevil Akbay. So wie ihre Mutter, die sie bewundert für ihren Mut, damals allein in ein fremdes Land zu gehen. Und für ihre Kraft, die sie brauchte, als sie nach dem Tod ihres Mannes für die drei Töchter allein verantwortlich war. Eine schöne Frau, die auffiel mit ihren blonden Haaren, die sie anders als die anderen Migrantinnen aus der türkischen Provinz nicht unter einem Kopftuch versteckte. Als die Mutter 1975 neue Arbeit im Klinikum Havelhöhe fand, zog die Familie nach Spandau um. Immer noch hatte die 14-jährige Sevil Schwierigkeiten Deutsch sprechen. In Kreuzberg hatte sie türkische Mitschülerinnen und Freundinnen gehabt. Gemeinsam hatten sie sich gegen Gemeinheiten zur Wehr gesetzt. In Spandau war sie das einzige Ausländerkind in der Klasse. „Das war meine schlimmste Kinderzeit. Ich habe viel geweint“, erinnert sich Sevil Akbay und ihre dunklen Augen blicken ernst. Sie erkannte, dass sie nur eine Chance hat, wenn sie die neue Sprache lernt und in der Schule weiter kommt. Also paukte sie. Setzte sich abends mit einer Kerze an den Ofen, heimlich, weil die Mutter wollte, dass sie früh ins Bett ging.

Die Friseurmeisterin möchte ihr Wissen weitergeben

Sie schaffte die 10. Klasse der Hauptschule. Schon während der Schule hatte sie ein Praktikum im Friseursalon einer deutschen Freundin ihrer Mutter gemacht. Die Arbeit machte ihr Spaß. Nach dem Hauptschulabschluss absolvierte sie dort auch ihre Lehre, lernte das Handwerk und fließend Deutsch zu sprechen. Dafür ist sie ihrem bayerischen Chef und seiner Frau bis heute dankbar. „Das war meine deutsche Familie“. Als Sevil Akbay 20 Jahre alt ist, gründete sie ihre eigene. Ihre Mutter wünschte es so. Sie fügte sich und heiratete den türkischen Sohn einer Bekannten, von dem sie sich 1999 trennte. Seitdem ist sie eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern. 1984 wurde ihr Sohn geboren, die Zwillingstöchter kamen 13 Jahre später auf die Welt. In dieser Zeit arbeitete sie zehn Jahre lang als Gesellin. Und realisierte ihren Wunsch, sich selbstständig zu machen, besuchte dreimal abends und montags den ganzen Tag die Meisterschule und ergriff sofort die Gelegenheit, als ihr 1988 eine Bekannte den Laden in Charlottenburg für 500 Mark Miete im Monat vermittelte. Für die Einrichtung musste sie einen Kredit von 30.000 Mark aufnehmen. Da sie die Arbeit und die Verantwortung nicht allein tragen wollte und konnte, suchte sie sich eine Teilhaberin, die unter einer Bedingung einwilligte: „Nur, wenn Du Meisterin wirst“. Sie hielt das Versprechen und bestand 1992 die Meisterprüfung. Seitdem bildet sie selbst Lehrlinge aus.

„Ich möchte weitergeben, was ich gelernt habe“, sagt Sevil Akbay und erzählt von einer jungen thailändischen Frau, die bei ihr ein Praktikum gemacht hat. Sie ist sehr fleißig, sehr kreativ und spricht nicht so gut Deutsch. Ab September wird sie bei ihr als Lehrling anfangen. „Wenn ich sie ansehe, sehe ich mich in ihr, als ich so alt war. Ich möchte ihr die Chance geben, die ich auch bekommen habe. Ich wollte immer unabhängig sein und trotz Kummer und Trauer habe ich mein Ziel erreicht. Das habe ich auch Deutschland zu verdanken“.

Donnerstag, 7. Juni 2012