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Gespräch mit Inge Deutschkron

Damit die Welt das alles erfährt

Die 95-jährige Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron berichtet im Interview, wie sie als Jüdin in Berlin verfolgt wurde und von ihrer ständigen Angst auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Hilfe bekam sie vom Besitzer einer Berliner Blindenwerkstatt: Otto Weidt.

"Soll ich etwas lauter sprechen?" - "Wenn Sie wollen, dass ich Sie verstehe, dann ja!", antwortet Inge Deutschkron und lacht.

So beginnt das Gespräch mit der 95-Jährigen. Die Erinnerungen sprudeln aus ihr heraus. 1922 wird Deutschkron geboren. Seit sie fünf Jahre alt war, lebt sie in Berlin. Dem Vater gelingt 1939 die Flucht nach London – aber sie und ihre Mutter Ella Deutschkron schaffen es nicht mehr, sind auf sich gestellt. Die Rettung kommt "mehr oder weniger durch Zufall".

Leben im Versteck

Inge Deutschkron und ihre Mutter leben in mehreren Verstecken. Zuletzt, als die Alliierten kommen, in einem Ziegenstall in Potsdam. Ein Netzwerk aus 20 Berliner Familien hilft den Juden - organisiert Verstecke, beschafft Arbeit, Essen und Medikamente. "Das war für die genauso ein Risiko wie für uns. Die wären glatt ins KZ gekommen, wenn das rausgekommen wäre", sagt Deutschkron. Die 20 Familien gehören zum Helferkreis rund um Otto Weidt.

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Zuflucht in der Blindenwerkstatt Otto Weidt

Inge Deutschkron hatte den Unternehmer kennen gelernt. Weidt besitzt eine Bürstenwerkstatt und stellt sie ein; von nun an nennt sie sich Richter. "Otto Weidt unterschrieb, dass Inge Richter bei ihm arbeitet", erinnert sich die 95-Jährige. Bei Weidt arbeiten hauptsächlich blinde und gehörlose Juden. "Die Nazis kamen ziemlich oft, um sich die Werkstatt anzusehen. Aber das hatte einen Grund", erzählt Inge Deutschkron und schmunzelt. "Otto Weidt hatte immer ein Geschenk für sie."

Die Räume der ehemaligen Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin sind heute als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt gehört zur Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die vom Bund im Rahmen der Gedenkstättenkonzeption institutionell gefördert wird. Im Jahr 2017 stellte der Bund dem Museum Fördermittel in Höhe von rund 675.000 Euro zur Verfügung.

Durch Bestechung kann Weidt seine Belegschaft eine Zeit lang vor der Gestapo schützen. Als die Abholungen beginnen, schafft er es sogar, seine Arbeiter aus einem Sammellager zu befreien. "Wie in einer Demonstration schritten sie durch die Straßen, alle mit ihrem Judenstern. Und Otto Weidt vorneweg. Es ist nicht zu glauben, aber es war so".

Für ein Deutschland der Freiheit und Demokratie

Mit Grauen erinnert sich Deutschkron an die Abholungen. "Sie trieben die Juden, die ja gar nichts sehen konnten, in Möbelwagen. Die wurden zu der Zeit ja nicht als Möbelwagen genutzt." Direkt nach Kriegsende beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. "Ich wollte, dass die Welt das alles erfährt."

Und das ist auch der Grund, warum sie mit 95 Jahren noch Interviews gibt und öffentliche Auftritte wahrnimmt. "So etwas darf nicht mehr passieren! Wir wollen ein Deutschland der Freiheit und der Demokratie. Und dafür werde ich kämpfen, solange ich kämpfen kann", bekräftigt die 95-Jährige.

Mittwoch, 22. November 2017