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Kolonialismus in Bremen

Auf Spurensuche

Die Kunsthalle Bremen hat als erstes deutsches Kunstmuseum in einem jahrelangen Forschungsprojekt den kolonialen Kontext ihrer Ausstellungsstücke untersucht. Die Schau "Der blinde Fleck" zeigt die Ergebnisse.

Metalldosen aus dem frühen 20. Jahrhundert bedruckt mit Bildern afrikanischer Frauen. Kolonialwarenverpackungen der Bremer Firma Westhop, F. Olop & Co. und GEG in der Ausstellung "Der blinde Fleck". Foto: Matthias Haase

Kolonialismus? Ist doch längst vorbei... Ganz so einfach lässt sich diese Epoche nicht auf das Abstellgleis der Geschichte stellen. Denn in den ehemals kolonisierten Ländern wirken einerseits politische, ökonomische und militärische Entwicklungen aus dieser Zeit bis heute nach. Aber auch bei den ehemaligen Kolonialmächten der westlichen Welt herrschen teilweise bis heute nicht hinterfragte Darstellungsweisen vor. Auch in vielen Museen stehen Exponate aus der Kolonialzeit, deren Herkunft zum großen Teil noch ungeklärt ist.

Konstruierte Weltbilder hinterfragen

Bremen mit seinem Überseehafengebiet Bremerhaven war bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Umschlagspunkt von Kolonialwaren. Bananen, Tabak und Tee fügten sich in den Alltag der Bremer Bevölkerung ein - genauso wie ein mentales Bild des "Fremden", des "Anderen" auf weit entfernten Kontinenten. Nicht nur konnte sich plötzlich der Kunstverein in Bremen - bis heute Träger der Kunsthalle - durch den florierenden Kolonialhandel finanzieren. Auch sprachen die Kunstwerke, die er ankaufte, Bände des dominanten westlichen Umgangs mit außereuropäischen Kulturen.

Romantisierende Repräsentationen im Stil des "Edlen Wilden", Abbildungen afrikanischer Frauen, die sklavisch, aber lächelnd für die weißen Händler die Kaffeeernte auf ihren Köpfen trugen - solche Darstellungen fanden sich in zahllosen Stillleben, Zeichnungen oder auch in der Vermarktung der importierten Produkte. So wurden stereotype Bilder geschaffen, die bis heute kaum zurecht gerückt sind.

Die ganze Geschichte erfahren

In einem mehrjährigen Forschungsprojekt stellte sich die Kunsthalle Bremen der Herausforderung, die kolonialen Zusammenhänge in den eigenen Beständen zu erforschen und die Hintergründe über die Verbringung von Kunstwerken aus den Kolonien nach Bremen wissenschaftlich aufgearbeitet.

Dabei fühlten die Forscher auch scheinbar harmlosen Werken auf den Zahn. Emil Nolde beispielsweise portraitierte 1916 Menschen in Papua-Neuguinea. Seine Tagebucheinträge dazu verleihen dem paradiesisch anmutenden Aquarell einen bitteren Nachgeschmack: Seine unfreiwilligen Modelle hatte er durch Androhung von Waffengewalt gefügig gemacht.

In ihrer aktuellen Ausstellung "Der blinde Fleck" legt die Kunsthalle die Forschungsergebnisse nun offen. Die Schau stellt zugleich europäische sowie außereuropäische Perspektiven auf das Thema Kolonialismus gegenüber und ergänzt sie um zeitgenössische künstlerische Sichtweisen.

Die Schau "Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit" ist bis zum 19. November 2017 zu sehen. Das vorausgegangene Forschungsprojekt wurde von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Donnerstag, 14. September 2017