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Berliner Mauerweg

Vergessen wir die Geschichte, holt sie uns ein

Eine Mauer mitten durch die Hauptstadt - 28 Jahre war das Realität in Berlin. Der Berliner Mauerweg möchte die Erinnerung an diesen Teil deutscher Geschichte wachhalten. Vorbei an Mauerresten, Wachtürmen und Gedenkstätten erfährt der Besucher, wie es den Menschen in der geteilten Stadt ergangen sein muss.

Mauer am Potsdamer Platz in Berlin-Tiergarten im Oktober 1984 28 Jahre lang trennte die Mauer - wie hier am Potsdamer Platz in Berlin - Ost- und Westdeutschland. Foto: Bundesregierung/Lehnartz

Kilometerlang schlängelt sich der Mauerweg durch das Stadtzentrum. "Er erinnert, konfrontiert und mahnt – für mich ein Zeitzeugnis ohne Vergleich", sagt Jan. Er ist 35 Jahre alt und in Ostberlin geboren, im Bezirk Lichtenberg. Seine Eltern kommen aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Jan war sieben Jahre alt, als die Mauer fiel. Heute möchte er sich erinnern. "Ich bin den Mauerweg noch nie entlang gegangen, obwohl meine Familie eine bewegte DDR-Vergangenheit hat. Unser Nachbar hat uns jahrelang bespitzelt, Familienfreunde wurden von der Stasi abgeholt. Und meiner Mutter wurde der Studienplatz versagt, weil sie Kontakt zu einem westdeutschen Radiosender aufgenommen hatte, um einen Freund zu grüßen. Ich bin gespannt, was mich erwartet."

Der gesamte Mauerweg ist 160 Kilometer lang – davon verlaufen etwa 50 Kilometer entlang der innerstädtischen Grenze im Stadtgebiet von Berlin und etwa 110 Kilometer an der Grenze von West-Berlin zum Umland. Die Mauer war bis zu 3,6 Meter hoch.

Die Route, die Jan heute gehen möchte, deckt einen Teil des Mauerwegs im Bezirk Berlin-Mitte ab: über die Bernauer Straße, den Grenzturm am Kieler Eck bis hin zum Invalidenfriedhof. Jan startet beim "Parlament der Bäume" am Schiffbauerdamm im Regierungsviertel.

Ein Parlament unter freiem Himmel

Platanen, Eichen und Linden werfen ihre Schatten auf eine Reihe Granitplatten, die hunderte Namen von Maueropfern nennen. Hinter den Bäumen stehen Originalteile der Mauer.

Das "Parlament der Bäume" ist ein Gedenkort für die Toten an der Berliner Mauer. Der Künstler Ben Wagin hat ihn 1990 auf dem ehemaligen Grenzstreifen angelegt. Im gleichen Jahr pflanzten die 16 Ministerpräsidenten des wiedervereinigten Deutschlands ein Carré aus 16 Bäumen.

"Ich bin hier schon oft mit dem Rad vorbeigefahren, aber dass sich mitten zwischen Regierungsgebäuden ein Ort des Gedenkens befindet, das überrascht mich sehr positiv", erzählt Jan.

Mindestens 139 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darunter waren auch Menschen ohne Fluchtabsicht und DDR-Grenzsoldaten, die im Dienst getötet wurden. Diese Zahl dokumentiert das "Totenbuch II" vom Juni 2017, das auf einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin beruht. Darüber hinaus verstarben mindestens 251, vor allem ältere Reisende an Berliner Grenzübergängen, an der Folge von Herzinfarkten.

Eine Landschaft der Erinnerung

Weiter führt Jans Route etwa zwei Kilometer zu Fuß Richtung Nordosten, zu einem zentralen Ort des Berliner Mauerwegs: der Bernauer Straße. Für ihn ein besonderer Ort. "Was mir hier gefällt, ist, dass sich jeder Besucher auf seine Weise der Vergangenheit annähern kann: künstlerisch, historisch oder auf religiöse Art."

Kapelle der Versöhnung an der Gedenkstätte Berliner MauerBild vergrößern Die "Kapelle der Versöhnung" in der Bernauer Straße. Foto: Stiftung Berliner Mauer

Die Gedenkstätte Bernauer Straße besteht aus drei Elementen:  Das Denkmal wurde im August 1998 eingeweiht, ein Grenzabschnitt, der in seiner Gänze erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen vermitteln soll. Zum 10. Jahrestag des Mauerfalls 1999 wurde ein Dokumentationszentrum eröffnet. Es soll das Denkmal durch Sachinformation und politische Bildungsarbeit ergänzen. Im Jahr 2000 erfolgte auf dem ehemaligen Grenzstreifen die feierliche Einweihung der Kapelle der Versöhnung.

"Ich war schon bei zwei Andachten. Im Mittelpunkt stand jedes Mal die Biografie eines Mauertoten. Das hat mich sehr bewegt", erinnert sich Jan.

Seit August 2005 finden die Andachten für die Todesopfer an der Berliner Mauer statt. Im Altar der Kapelle wird das Buch mit den Biografien der 139 Mauertoten aufbewahrt. Außerdem wurde vor der Kapelle das "Kunstprojekt Roggenfeld" ins Leben gerufen. Seit zwölf Jahren wird dort Roggen angebaut, geerntet, Mehl gemahlen und gebacken. Jan ist beeindruckt: "Dass im ehemaligen Todesstreifen wieder etwas wachsen kann, finde ich, ist ein tolles Symbol."

Nie vergessene Schicksale

Jan folgt den Schildern des Berliner Mauerwegs entlang des Hohenzollern-Kanals – auf der Suche nach dem ehemaligen DDR-Wachturm am Kieler Eck. Der Turm liegt versteckt inmitten eines Wohngebiets. Am Eingang prangt ein Schild mit den Worten: "Wenn wir die Geschichte vergessen, holt sie uns ein."

"Meine Eltern haben mir erzählt, dass kurz nach dem Mauerbau noch viele Ostberliner erfolgreich fliehen konnten", erinnert sich Jan. "Dass die Grenzposten gezielt schießen würden, erschien den Menschen zu diesem Zeitpunkt noch unvorstellbar."

Der Wachturm am Kieler Eck erinnert an Günter Litfin, den ersten DDR-Bürger, der im August 1961 bei einem Fluchtversuch durch gezielte Schüsse getötet wurde. Heute betreut Jürgen Litfin den Turm und erzählt Besuchern von der Geschichte seines Bruders:
"Es ist kurz nach 16.00 Uhr am 24. August 1961, als Günter Litfin versucht, zwischen den Bahnhöfen Friedrichstraße und Lehrter Bahnhof von Ost- nach Westberlin zu gelangen. Polizisten entdecken ihn, fordern ihn auf, stehen zu bleiben, und geben Warnschüsse ab. Als Günter Litfin in das angrenzende Becken des Humboldthafens springt, eröffnen sie das Feuer. Er wird er durch eine Kugel in den Hinterkopf getötet."

1997 müssen sich die Schützen vor dem Landgericht Berlin für ihre Tat verantworten. Laut Urteil sind sie des gemeinschaftlich begangenen Totschlags schuldig.

Mehr als 200  Beobachtungstürme, Führungsstellen und  Bunker dienten der Überwachung der Grenze. Metallzäune, elektronische Alarmsysteme und Kettenhunde kamen hinzu. Lichttrassen leuchteten den Todesstreifen taghell aus, so dass auch nachts günstige Sichtverhältnisse herrschten. Schließlich gehörte der Schusswaffengebrauch zur DDR-Grenzsicherung.

In Ruhe und Einkehr gedenken

Der Invalidenfriedhof in der Scharnhorststraße in Berlin-Mitte Bild vergrößern Der Invalidenfriedhof - ein Ort der Ruhe und Einkehr mitten in Berlin. Foto: imago/Schöning

Keine fünf Minuten Fußmarsch vom Wachturm entfernt liegt der Invalidenfriedhof: "Einer der schönsten Orte in Berlin, hier finde ich Ruhe und Zeit zum Nachdenken", schwärmt Jan.

Am 13. August 1961 befanden sich auf dem Friedhof 3.000 Grabstellen. Wegen seiner direkten Mauerlage wurden große Bereiche zum Grenzgebiet erklärt, weite Teile gehörten zum sogenannten Todesstreifen. Die Spuren der Zerstörung sind noch immer sichtbar.

"Für mich ist und bleibt die Mauer das Symbol dafür, dass den Menschen in der DDR Grundrechte verweigert wurden", sagt Jan. "Ich bin dankbar, dass es Orte der Erinnerung gibt. Damit auch meine Generation und meine Kinder die Geschichte nicht vergessen."

Der 1748 angelegte Friedhof war einst Teil des Invalidenhauses der preußischen Armee, in dem Kriegsinvaliden ihren Lebensabend verbringen konnten. Nach den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 fanden hier vor allem hohe Militärs, ab Ende des 19. Jahrhunderts auch Zivilpersonen ihre letzte Ruhestätte.

Sonntag, 13. August 2017

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