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Deutsche Kultur im östlichen Europa

Erinnerungskultur ohne Leerstellen

"Alles zu erzählen, ohne Rücksichtnahmen, ohne Kalkül, ohne Rechthaberei" - darum müsse es gehen bei der Aufarbeitung der Geschichte der Deutschen in Mittel- und Osteuropa. Dies erklärte Kulturstaatsministerin Grütters bei der Tagung "Erinnerung bewahren - Zukunft gestalten" in Berlin.

Kirchenburg Radeln. Zeugnis der Geschichte der Deutschen im östlichen Europa: Kirchenburg im rumänischen Roades (Radeln). Foto: action press

Der Vielstimmigkeit der Erinnerungen im östlichen Europa und an das östliche Europa mehr Gehör zu verschaffen, sei der Bundesregierung ein wichtiges Anliegen, erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Eröffnung der Tagung in der Katholischen Akademie in Berlin.

Dies sei notwendig, "weil die reiche Kultur und die lange Geschichte der Deutschen im östlichen Europa Teil unserer Identität sind, zum anderen aber auch, weil ich überzeugt bin, dass eine europäische Erinnerungskultur im Sinne eines Erinnerungsaustauschs, einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, Voraussetzung ist für Versöhnung und Verständigung, ja für ein geeintes Europa", sagte Grütters.

Geschichtserzählungen miteinander verbinden

Die Staatsministerin erinnerte an den Historiker und Osteuropa-Experte Karl Schlögel, der das mittlere östliche Europa im 20. Jahrhundert als "Verschiebebahnhof der Völker" beschrieben hatte. Nach seiner Auffassung sei es erst mit dem Ende der europäischen Teilung 1989 möglich geworden, "alles zu erzählen, ohne Rücksichtnahmen, ohne Kalkül, ohne Rechthaberei".

Genau darum gehe es beispielsweise im Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität, erklärte Grütters. Das Netzwerk wird gemeinsam getragen und finanziert von den für Kultur zuständigen Ministerien Polens, Rumäniens, der Slowakei, Ungarns und Deutschlands. Es soll dabei helfen, die Perspektive des Nachbarn zu verstehen und die Geschichtserzählungen innerhalb der europäischen Nationen miteinander zu verbinden. Diese Initiative sei ein schönes Beispiel für das gemeinsame Bemühen um eine europäische Erinnerungskultur, die zu Versöhnung und Verständigung beitrage, so Grütters.

Kulturförderung nach Paragraf 96 weiterentwickeln

Das Zusammenwachsen Europas habe der Förderung der deutschen Kultur und Geschichte im östlichen Europa neue Möglichkeiten eröffnet. Archive und Bibliotheken wurden geöffnet, grenzüberschreitende zivilgesellschaftliche Initiativen konnten sich entfalten, erklärte die Kulturstaatsministerin: "Das kulturelle Erbe, das uns mit unseren östlichen Nachbarn verbindet, hat sich damit zu einer - deutsche wie auch europäische - Identität stiftenden Kraft entwickelt. Es lebendig zu halten - es zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln, so wie Paragraf 96 des Bundesvertriebenengesetzes es vorsieht -, ist ein wichtiges erinnerungspolitisches Anliegen der Bundesregierung. So unterstützen wir unter anderem Archive, Museen, Forschungsinstitute, Bibliotheken und Juniorprofessuren und finanzieren eine Vielzahl von Projekten mit Partnern aus dem östlichen Europa."

"Mit der Weiterentwicklung der Förderkonzeption aus dem Jahr 2000, die wir im Februar 2016 im Bundeskabinett beschlossen haben und für deren Umsetzung jährlich eine Million Euro zusätzlich zur Verfügung stehen, tragen wir den gewachsenen Bindungen Deutschlands in Europa wie auch dem demografischen Wandel Rechnung."

Europa als gemeinsamen Kulturraum erfahrbar machen

Dabei gehe es darum, den Erinnerungstransfer von einer Generation zur nächsten sicher zu stellen. Zudem sei es wichtig, neue Partner zu finden und neue Zielgruppen zu erschließen: Neben Vertriebenen und Flüchtlingen seien die Aussiedler und Spätaussiedler eine starke gesellschaftliche Kraft, deren Erfahrungen Anknüpfungspunkte für einen Dialog über die aktuellen Herausforderungen durch Migration und Integration sein können. Darüber hinaus müsse es Ziel sein, europäische Kooperationen der bundesgeförderten Museen, Vermittlungs- und Forschungseinrichtungen zu stärken sowie die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

So könne die grenzüberschreitende Vergegenwärtigung des kulturellen Erbes des östlichen Europas das über Jahrzehnte versteinerte Denken im Ost-West-Gegensatz aufbrechen und überwinden helfen, sagte Grütters. "Es kann Europa als gemeinsamen Kulturraum sichtbar und erfahrbar machen - so wie es uns andernorts längst geglückt ist."

Dienstag, 13. Juni 2017