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25 Jahre Mauerfall

Hunderttausende feiern die Freiheit

Mehr als 300.000 Besucher, spektakuläre Lichtchoreographien und begeisternde Musik von großen Stars: Das Bürgerfest hat über Berlin hinaus für Furore gesorgt. Unter dem Motto "Mut zur Freiheit" wurde an die vielen Menschen erinnert, deren beharrlicher Protest den Fall der Mauer erst möglich gemacht hatte.

Menschen feiern vorm Brandenburger Tor. Abschlussfeuerwerk am Brandenburger Tor. Foto: Bundesregierung/Bolesch

Strahlend steht ein junger Mann aus Potsdam vor der Bühne am Brandenburger Tor. Er ist schon früh zum Bürgerfest gekommen, um nichts zu verpassen. "Das Fest ist für mich ein Stück weit auch eine kleine Geburtstagsfeier. Mein Vater ist Charlottenburger, meine Mutter ist Erfurterin. Ohne den Mauerfall hätten sich meine Eltern nie kennengelernt", erzählt er. Ein paar Meter weiter ein 60-Jähriger aus Köln, der das bunte Treiben sichtlich genießt. Er erinnert sich noch genau an den 9. November 1989: "Da saß ich vor dem Fernseher und konnte es nicht fassen. Die Mauer, offen? Unmöglich, dachte ich zunächst. Aber es stimmte!" Die Begeisterung von damals ist auch beim Bürgerfest wieder zu spüren. Überall fröhliche Gesichter, und auch große Vorfreude auf das weitere Programm des Festes: "Ich bin vor allem auf Daniel Barenboim und Udo Lindenberg gespannt", erzählt eine Hamburgerin.

Udo Lindenberg: "Eine wunderbare Party"

Beide dürften die Erwartungen später am Abend mehr als erfüllt haben. Udo Lindenberg präsentiert beim großen Bürgerfest in Berlin auch seine Klassiker "Sonderzug nach Pankow" und "Cello". "Das wird eine wunderbare Party. Jedes Jahr zelebriere ich den 9. November. Aber dieses Mal ist es etwas ganz Besonderes", sagte Udo Lindenberg bei ersten Proben am Freitag. Den 9.11. vor 25 Jahren habe er in München verbracht. "Da rief mich ein Kumpel an und meinte: Mach die Glotze an", so der Musiker. Am nächsten Tag habe er sich in den Flieger nach Berlin gesetzt und tagelang gefeiert: "Das war die schönste Party meines Lebens."

Musiker Udo Lindenberg gibt ein Interview neben Regierungssprecher Steffen Seibert vor dem Brandenburger Tor.Bild vergrößern Schon am Freitag zeigt sich Udo Lindenberg am Brandenburger Tor- zwei Tage vor seinem Auftritt am Sonntag beim Bürgerfest. Foto: Bundesregierung/Denzel

Zu Beginn des Abendprogramms war bereits ein Weltstar auf der Bühne: Peter Gabriel. Er führte die Orchesterversion des Songs "Heroes" auf. Ein Lied, das besonders gut zu Berlin passt. Der Text handelt von zwei Liebenden, die im Schatten der Berliner Mauer zusammenkommen. Am Abend des 9.11 und an diesem Ort ein Song mit Gänsehaut-Garantie.

Motto: "Mut der Freiheit"

Das große Bürgerfest am Brandenburger Tor steht unter dem Motto "Mut zur Freiheit". Nach einer Schweigeminute zum Gedenken an die Maueropfer führt der Schauspieler Jan Josef Liefers durch das abwechslungsreiche Abendprogramm – mit Erinnerungen an die Friedliche Revolution, der Öffnung einer symbolischen "Lichtgrenze" und natürlich viel Musik. Und den Erinnerungen: Als vor 25 Jahren die Mauer fiel, gingen die Bilder vom Brandenburger Tor um die Welt. Die Menschen lagen sich in den Armen und tanzten auf der Mauer. Beim Bürgerfest sind diese Bilder neu zu entdecken.

Aber auch die Vorgeschichte darf nicht fehlen: Am Anfang steht die Erinnerung an die Opfer der Mauer. Zeitzeugen, die sich der SED-Diktatur widersetzt haben, sind zum Gespräch eingeladen, darunter auch der Liedermacher Wolf Biermann. "Ich freue mich, Sie endlich mal zu Gesicht zu bekommen. Zu DDR-Zeiten ist mir das nicht gelungen", sagt Moderator Liefers an Biermann gerichtet, der 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde. Zu Gast ist auch die ehemalige Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe. Zu DDR-Zeiten kam sie auf Grund ihrer Mitwirkung in oppositionellen Kreisen zeitweise ins Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen. Sie habe damals vor allem für die "Respektierung der Menschenrechte gekämpft und tue dies noch heute", betont sie.

Plötzlich war die DDR Geschichte

Auch der in Dresden geborene Jan Josef Liefers berichtet von seinen Erfahrungen aus der DDR, vor allem von Erlebnissen kurz vor dem Mauerfall. Am 4. November 1989 habe er an einer Kundgebung der Opposition am Alexanderplatz teilgenommen. Plötzlich habe ihn von hinten ein Mann angesprochen, mit der Frage, ob er ein Stück Pflaumenkuchen haben wolle. Da habe er sich umgedreht und den Mann erkannt: Es war Markus Wolf, von 1952 bis 1986 Leiter des Auslandsnachrichtendienstes des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. "Da war mir klar, wenn mir schon ein Geheimdienstler Kuchen anbietet, wird das nichts mehr mit der DDR", so Liefers. Fünf Tage später fiel die Mauer.

Musikalisch begeistern beim großen Spektakel im Herzen Berlins neben Peter Gabriel und Udo Lindenberg unter anderem Clueso, Silly, die Fantastischen Vier und Paul Kalkbrenner. Inszeniert hat das Programm die Berliner Künstlercompany phase7 unter Leitung von Sven Sören Beyer. Auch Bundespräsident Gauck, Kanzlerin Merkel und viele andere Spitzenpolitiker und Prominente sind beim Bürgerfest dabei.

Weiße Ballons für Frieden und Freiheit

Punkt 19.20 Uhr dann der optische Höhepunkt des Festes: der Aufstieg von etwa 8.000 weißen Ballons in den Berliner Nachthimmel, akustisch begleitet vom 4. Satz aus Beethovens 9. Symphonie ("Ode an die Freude"), gespielt von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit schickt die Ballons gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow und Lech Walesa auf die Reise. Wowereit fügt hinzu: "Für Frieden und Freiheit".

Die Ballonpaten stehen auf der Bühne.Bild vergrößern Die Ballonpaten - unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck - stehen auf der Bühne. Foto: Bundesregierung/Bolesch

Bereits seit Freitag wurde mit Hilfe der Ballons eine 15 Kilometer lange "Lichtgrenze" dargestellt, die den ehemaligen Mauerverlauf nachzeichnet – von der Bornholmer Straße über den Mauerpark, die Gedenkstätte Bernauer Straße und den Reichstag, vorbei am Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie bis zur East Side Gallery. Paten hatten die Ballons mit Botschaften versehen. Ein prominenter Pate: Bundespräsident Joachim Gauck. Die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder und Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeswirtschaftsminister, Iris Gleicke, hatte eine Patenschaft für insgesamt 25 Ballons übernommen, mit den Worten: "Die Freiheit haben wir Ostdeutschen uns selbst erkämpft mit einer Revolution, bei der kein einziger Schuss gefallen ist und die wir deshalb voller Stolz als Friedliche Revolution bezeichnen dürfen."

Jeder hatte die Möglichkeit, Teil dieser Ballonaktion zu werden, mit einer persönlichen Mauergeschichte oder einem Gedanken zum Mauerfall: www.fallofthewall25.com.

Auf der anderen Seite des Brandenburger Tores, auf dem Pariser Platz, finden die Besucher des Bürgerfestes ein umfassendes Informationsangebot: Kurzfilme zum Thema "Friedliche Revolution und Mauerfall" werden gezeigt. Die Bundesregierung präsentiert die "Zeitreise", eine Video-Installation, die Schlaglichter auf die vergangenen hundert Jahre der deutschen Geschichte wirft. In einem Gästebuch können persönliche Eindrücke wiedergegeben werden. Auch Besucher aus den USA, Polen und China nutzen die Möglichkeit. Ihr Tenor: Berlin ist eine wundervolle und bewegende Stadt. Zudem stellt das Bundespresseamt die Regierungs-App vor: Informationen aus erster Hand direkt auf Ihr Smartphone. Und mehrere Institutionen, die sich der Friedlichen Revolution, dem Mauerfall und der Aufarbeitung der SED-Diktatur widmen, bieten Informationsmaterial und geben Auskünfte.

Nach so viel Programm haben die meisten Besucher einfach nur noch Lust, bis tief in die Nacht zu feiern. So, wie es viele von ihnen am 9. November 1989 getan haben. Eine Frau bringt das Motto des Festes auf den Punkt: "Ein Hoch auf die Menschen in der früheren DDR, die mutig und beharrlich Widerstand geübt haben." Sie ergänzt, mit Freudentränen in den Augen: "Ich bin so begeistert."

Sonntag, 9. November 2014