Montag, 9. August 2010
Rhythmus, Pianissimo und Paukenschläge
Am 7. August sind in der Magdeburger Johanniskirche kurz nach 19 Uhr die ersten Töne der Ouvertüre von George Gershwins Musical „Girl Crazy“ erklungen. Das Konzert bildete den Auftakt der Konzertreihe des RIAS-Jugendorchester zur 20-Jährigen Deutschen Einheit.
Bild vergrößern
RIAS-Jugendorchester bei Proben mit Mischa Santora
Foto: REGIERUNGonline
Eine gute Woche lang haben die jungen Musikstudierenden aus 20 Nationen unter Leitung von Mischa Santora geprobt. Großer Applaus belohnte die Musiker nach dem virtuosen Konzert. Über Hannover (8. August) und Wiesbaden (9. August) geht die Konzertreise noch bis ins Gewandhaus zu Leipzig am 10. August.
Mit vier Konzerten wird in einem ganz ungewöhnlichen Rahmen 20 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Die Überwindung von 40 Jahren deutsche Teilung durch die Friedliche Revolution ist ein Anlass zu großer Freude. Aber auch ein Anlass daran zu erinnern, wie es vorher war.
"Wie schön, dass wir Jugendlichen aus allen Ländern uns einfach so treffen können"
Bild vergrößern
Marie-Louise Bagehorn
Foto: REGIERUNGonline
Heute ist es für viele junge Leute in Deutschland selbstverständlich internationale Kontakte zu haben. Sie trainieren beispielsweise mit jungen Leuten aus anderen Ländern oder musizieren gemeinsam. Daran erinnert die U20-Weltmeisterin im Frauenfußball Marie-Louise Bagehorn in ihrer Begrüßung. In „Ostdeutschland“ geboren und aufgewachsen ist sie zu jung, um die DDR noch erlebt zu haben.
Vorrangig habe sich seit ihrem 10. Lebensjahr immer alles um Fußball gedreht, sagte sie. Aber aus den Berichten ihrer Eltern weiß sie genau, dass sie zu DDR-Zeiten nicht diese Möglichkeiten gehabt hätte wie heute. Es ist schön, dass wir Jugendlichen heute ohne Grenzen überall hin können, miteinander trainieren und Fußball spielen oder einfach miteinander reden können, so ihr Fazit.
„20 Jahre Philharmonischer Aufbruch“
Das RIAS Jugendorchester wurde 1948 gegründet. Mit dem Mauerbau kam es zu dramatischen Einschnitten: Über Nacht verlor das Orchester gut ein Drittel seiner Musiker. 1989 fanden sich daher die Studenten und Lehrer der beiden Musikhochschulen in Berlin West und Ost zusammen und riefen zum Philharmonischen Aufbruch. Heute spielen junge Frauen und Männer aus 20 Nationen im Orchester. Viele von ihnen gehen noch zur Schule. Andere haben bereits ein Studium abgeschlossen, bevor sie sich endgültig der Musik widmen. Zwischen den Proben hört man hebräisch, polnisch, schwedisch, russisch, spanisch....
Wie kommt man zum Orchester? Eigeninitiative ist großgeschrieben, man bewirbt sich. Manche sind schon bei mehreren Musikprojekten dabei gewesen, für andere ist die Konzertreihe 20 Jahre Deutsche Einheit ihre erste „Tournee“.
„Wir wussten nicht, ob wir uns jemals wiedersehen“
Bild vergrößern
Professorin Wanka begrüßte das Publikum in Hannover
Foto: REGIERUNGonline
In Hannover, der nächsten Station des RIAS Jugendorchester, begrüßte die Professorin Johanna Wanka die Konzertbesucher. Die Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur ist studierte Mathematikerin und war Gründungsmitglied des „Neuen Forums“ in Merseburg. Die Montagsdemonstrationen erlebte sie in Leipzig. Sie befürchtete damals, dass die friedliche Demonstration am 9. Oktober 1989 von der Staatsmacht mit Gewalt beendet wird.
Wanka berichtete am Beispiel ihrer eigenen Familie, wie sehr das SED-Regime die persönliche Freiheit einschränkte: Ihre Schwester musste, um einen Niederländer zu heiraten, einen Ausreiseantrag stellen. Nachdem sie endlich die Genehmigung hatte, nahmen alle Abschied, denn keiner wusste, ob man sich jemals wiedersehen durfte.
Großer Applaus für ein tolles Programm
Konzertbeginn mit amerikanisch beschwingtem Auftakt – danach wippt so mancher Fuß bei den ungarischen Tänzen von Johannes Brahms mit. Die Solisten haben ihren großen Auftritt bei Ravels Bolero, der mit dem Schlagzeug ganz leise pianissimo beginnt und mit ohrenbetäubendem Paukenschlag endet.
John Adams „Lollapalooza“ als modernstes Stück fordert der gesamte Besetzung höchste Konzentration ab, denn der Rhythmus ist außerordentlich schwierig und die Einsätze müssen absolut „sitzen“. Die Feuervogel-Suite wiederum ist extrem spannungsreich und bewegend zart. Schließlich der furiose Abschluss: „Mambo!“ erschallt es aus 84 Kehlen. Bravo-Rufe und begeistertes Klatschen aus dem Publikum in Magdeburg und Hannover. Ein schöner Erfolg für die jungen Musikerinnen und Musiker.
