Freitag, 16. Oktober 2009
120.000 demonstrieren in Leipzig
Seit Beginn der Friedensgebete fordern immer mehr Frauen und Männer: "Die Mauer muss weg". Reisefreiheit und Pressefreiheit sind das große Ziel, grundlegende Veränderungen hin zu einer wirklichen Demokratie die große Hoffnung. Am 16.10.1989 haben sich allein in Leipzig 120.000 Menschen aufgemacht, um gegen das SED-Regime zu protestieren.
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Montagsdemonstration
Foto: Marion Wenzel
Die Stimmung auf dem Karl-Marx-Platz (heute wieder Augustusplatz) ist aufgeladen. Fast doppelt so viele Menschen sind an diesem Montagabend auf den Beinen wie eine Woche zuvor. Nach Friedensgebeten in fünf zentralen Kirchen umrundet die Menschenmenge den Stadtring. In Dresden gehen zur gleichen Zeit 10.000 auf die Straße, ebenso viele haben sich in Magdeburg rund um den Dom versammelt. Am Vorabend haben in Halle 20.000 demonstriert.
Die Menschen haben Transparente dabei, Sprechchöre erklingen: „Jetzt oder nie: Demokratie!“, oder „Gorbi, Gorbi!“. Stasi-Mitarbeiter haben sich unter die Menge gemischt. “Keine Gewalt!“ – mit diesem Ruf meistern die Demonstranten die Lage. Und besänftigen teils auch die eigene Wut.
Staatsmacht muss wieder kapitulieren
Wie in der Vorwoche ist die Staatsführung auf eine gewaltsame Beendigung der Demonstrationen eingestellt. 66 Hundertschaften bewaffneter Kräfte sind allein in Ostberlin und in Leipzig. „Pistole am Mann“ hat die Staatssicherheit befohlen. Krankenhäuser, so heißt es, haben sich mit Extra-Betten und Blutkonserven vorbereitet.
Beklemmung liegt in der Luft: Das Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens liegt nur wenige Monate zurück. Auch wenn es am 9. Oktober kein Blutvergießen gab, fürchten die Menschen in der DDR noch immer eine „chinesische Lösung“. Doch auch am 16. Oktober bleibt es friedlich. Erneut muss die Staatsmacht vor der Menschenmenge kapitulieren.
Erstmals berichten DDR-Medien
Erstmals seit Beginn der Friedensgebete berichtet die DDR-Nachrichtenagentur ADN über die ungenehmigten Demonstrationen. Darin wird den Sicherheitskräften – nicht den Demonstranten – für ihre Besonnenheit gedankt. Auch in einem Beitrag der Aktuellen Kamera heißt es: „Der Zurückhaltung der Sicherheitskräfte und der eingesetzten Ordnungskräfte ist es zu danken, dass es zu keinen Ausschreitungen kam.“
Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ berichtet am nächsten Morgen: „Überall im Lande ist die Diskussion im Gange... Der Inhalt sind Probleme der weiteren Entwicklung des Sozialismus in der DDR, die wir selber – ohne unerbetene Ratschläge aus dem Westen – lösen wollen und lösen werden.“
Zwischen den Zeilen deutet sich der Zerfall des Regimes an. Bereits am nächsten Tag beschließt das SED-Zentralkomitee einstimmig, Staats- und Parteichef Honecker abzusetzen.
