An der Montagsdemonstration am 23.10.1989 nehmen allein in Leipzig über 300.000 Menschen teil – die größte Protestkundgebung in der Geschichte der DDR. "Wir spürten, dass wir etwas Bedeutsames erlebten. Es wurden immer mehr, und es wurde immer größer", so Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel über die Montagsdemos in Leipzig Ende 1989.
In Schwerin demonstrieren 50 000 für Meinungs- und Reisefreiheit. Aufgerufen hat das Neue Forum. Die SED versucht, diese Bewegung umzufunktionieren, und lässt Flugblätter verteilen. Als die Bürgerrechtler die Flugblätter am 23. Oktober 1989 sehen, trauen sie ihren Augen nicht: Auf dem Alten Garten will der "Demokratische Block" der Stadt Schwerin eine Kundgebung abhalten - am selben Ort und zur selben Zeit, zu der das Neue Forum zur Demonstration aufgerufen hat.
Zeitzeugen erinnern sich an eine aggressive Stimmung, als die Demonstrationsgruppen aufeinander treffen. Als die Bürgerrechtler kein Rederecht erhalten, formieren sie sich zu einem Protestzug durch die Stadt, zum Arsenal und um den Pfaffenteich herum. Vor dem Sitz der SED-Bezirksleitung kommt es zu wütenden Protesten aufgebrachter Bürger. In den Friedensgebeten in den Kirchen wird jedoch immer wieder zur Besonnenheit gemahnt. Es bleibt friedlich.
Proteste gegen die Wahl von Egon Krenz
Nachdem Egon Krenz am 18. Oktober Erich Honecker als SED-Generalsekretär abgelöst hat, soll er ihn nun auch als Staatsratsvorsitzender beerben. Im Vorfeld der Wahl, die für den 24. Oktober geplant ist, protestieren 12.000 Bürger in Berlin.
Die neue SED-Führung will durch eine sehr begrenzte Öffnung die politische Initiative zurückgewinnen. Sie hofft, damit die wachsende Bürgerrechtsbewegung einzugrenzen und möglichst zu integrieren. Krenz hat der SED deshalb einen Kurswechsel verordnet.
Sebastian Pflugbeil vom Neuen Forum sagt in einem Interview am 25. Oktober 1989 auf die Frage, ob die Wahl von Krenz ein erfolgversprechender Neuanfang sei: "Wir halten diese Ämterballung (SED-Chef, Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates – d. Red.) in einer Person für grundsätzlich bedenklich. Wenn so viel Macht in einer Hand vereint ist, sind Korrekturen und gegenseitige Kontrolle nur schwer vorstellbar."
Staatliche Übergriffe sollen untersucht werden
"Wir können nicht sagen, wir hätten von all dem nichts gewusst!" Am 23. Oktober 1989 laden Berliner Oppositionsgruppen zu einer Pressekonferenz ein. Sie übergeben der Öffentlichkeit 150 Gedächtnisprotokolle von Demonstranten, die am 7. und 8. Oktober festgenommen und misshandelt worden waren. Ziel: die Einrichtung einer Untersuchungskommission zu den staatlichen Übergriffen.
"Wir veröffentlichen diese Berichte, weil die Medien unseres Landes diesen Bereich staatlicher Machtausübung noch immer verschleiern, vertuschen oder verharmlosen." Die SED-Führung wagt es nicht, die Veranstaltung in der Berliner Kirchengemeinde Fennpfuhl zu verbieten. Die geforderte Untersuchungskommission wird Anfang November eingerichtet.
DDR-Medien berichten über die Proteste
Zur "Wende"-Politik von Egon Krenz gehört, dass jetzt auch die DDR-Medien die Proteste aufgreifen dürfen. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN berichtet am 23. Oktober 1989 ausgiebig über die Demonstrationen, die mittlerweile in vielen Großstädten der DDR stattfinden. Dabei transportiert ADN auch die Forderungen wie "Visafreiheit" oder "Reden und handeln – Land verwandeln".
Aus anderen Städten wie Dresden, Rostock, Stralsund und Berlin gibt es Meldungen über Diskussionen. Auch die staatlichen Rundfunksender der DDR senden Interviews und Kommentare über die Dialogforen, in denen unter anderem über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung gestritten wird.
Die "Aktuelle Kamera" berichtet über die Demonstrationen in Leipzig: "In der Kirche und ihrer Umgebung hatten sich erneut Zehntausende Bürger der Stadt, aber auch viele Angereiste zusammengefunden". Über Schwerin heißt es: "Ein Treffen von circa 40.000 Menschen ... Gekommen sind sie ... zu einer Kundgebung, die auch Platz für Kritik bot." Auch über die Pressekonferenz im Gemeindehaus Fennpfuhl wird berichtet.
Das Neue Forum (NF) ist die erste landesweite Oppositionsbewegung in der DDR außerhalb der evangelischen Kirche. Mitglieder der Friedensbewegung wie Bärbel Bohley, Rolf Henrich, Jens Reich und Katja Havemann treffen sich am 9./10. September in Grünheide im Haus von Katja Havemann. Dort, am letzten Wohnort Robert Havemanns, unterzeichnen sie den Gründungsaufruf "Aufbruch 89".
Das Neue Forum fordert einen Dialog über demokratische Reformen, der mit Unterstützung möglichst breiter Bevölkerungskreise eine "Umgestaltung" der Gesellschaft zum Ziel hat. Die Gruppe versteht sich als politische Vereinigung, "die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen möglich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen".
Am 19. September 1989 stellt das NF einen Antrag auf Zulassung als "politische Vereinigung". Das Innenministerium lehnt ihn zwei Tage später ab – mit der Begründung, das NF sei "staatsfeindlich" und "illegal". Als die Behörden durch Demonstrationen zusätzlich unter Druck geraten, tolerieren sie zunächst das NF und lassen es schließlich als politische Vereinigung zu.
Von allen Oppositionsgruppen in der DDR erhält das NF den stärksten Zulauf: Bis zur Jahresende 1989 unterzeichnen rund 200.000 Menschen den Gründungsaufruf, etwa 10.000 sind feste Mitglieder.
Am 8. November 1989 erkennt die SED-Führung das NF als politische Gruppierung an. Damit ist ein Präzedenzfall geschaffen, da bis dahin Bürgerrechtsbewegungen generell verboten waren.
Das Neue Forum fordert einen Dialog über demokratische Reformen, der mit Unterstützung möglichst breiter Bevölkerungskreise eine "Umgestaltung" der Gesellschaft zum Ziel hat. Die Gruppe versteht sich als politische Vereinigung, "die es Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen möglich macht, sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen".
Am 19. September 1989 stellt das NF einen Antrag auf Zulassung als "politische Vereinigung". Das Innenministerium lehnt ihn zwei Tage später ab – mit der Begründung, das NF sei "staatsfeindlich" und "illegal". Als die Behörden durch Demonstrationen zusätzlich unter Druck geraten, tolerieren sie zunächst das NF und lassen es schließlich als politische Vereinigung zu.
Von allen Oppositionsgruppen in der DDR erhält das NF den stärksten Zulauf: Bis zur Jahresende 1989 unterzeichnen rund 200.000 Menschen den Gründungsaufruf, etwa 10.000 sind feste Mitglieder.
Am 8. November 1989 erkennt die SED-Führung das NF als politische Gruppierung an. Damit ist ein Präzedenzfall geschaffen, da bis dahin Bürgerrechtsbewegungen generell verboten waren.

