Noch am selben Tag geht der LPG-Mitarbeiter zu seinem Direktor: "Mach‘ was du willst, schreib‘ Fehlschichten oder ich krieg‘ Urlaub." Am 11. November startet Klamroth mit Frau und Kindern in den Westen.
Nach der Rückkehr beginnt ein neues Abenteuer: Klamroth will wieder selbstständiger Bauer werden.
Bodenreform, Kollektivierung und Leben in der LPG
Im Zuge der sogenannten Bodenreform zwischen 1945 und 1949 enteignet die sowjetische Besatzungsmacht mehr als zwei Millionen Hektar Land und verteilt sie an landlose beziehungsweise Kleinbauern. 1952 bis 1960 folgt die Zwangskollektivierung: Neubauern und noch nichtenteignete mittlere und kleine Höfe werden zu "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften" (LPGen) zusammengeschlossen. Ihr Kennzeichen: gemeinsame Bewirtschaftung von Feld und Vieh sowie industrielle Produktionsweise.
Ende der 1980er Jahre gibt es in der DDR rund 4.500 LPGen. Sie bewirtschaften etwa 80 Prozent des Bodens und drei Viertel der Tierbestände. "Brigaden" kümmern sich um einzelne Arbeitsabschnitte. "Wirtschaftlich, kann man sagen, hatte die LPG nichts Gutes. Das einzige Bewahrenswerte am Sozialismus waren die zwischenmenschlichen Beziehungen. Es mag vielleicht auch an der Gleichschaltung gelegen haben, aber der Zusammenhalt war damals ausgeprägter als jetzt. Man hat einander geholfen", erinnert sich Klamroth, heute Präsident des Deutschen Bauernbundes (DBB). Allerdings sei zu DDR-Zeiten die bäuerlich-familiäre Struktur der Landwirtschaft verloren gegangen.
Der Aufbruch
Klamroth und andere Bauern wagen nach der Friedlichen Revolution den Schritt in die Selbstständigkeit. Grundlage ist das Landwirtschaftsanpassungsgesetz, das die erste frei gewählte DDR-Volkskammer verabschiedet. Das Gesetz regelt vor allem, wie das LPG-Vermögen aufzuteilen ist. Die Bodeneigentümer können sich entscheiden, ob sie ihre Felder selbst bewirtschaften oder verpachten. Auch die Neuausrichtung der LPGen ist Sache der Betroffenen.
Bis Ende 1991 müssen sich alle Produktionsgenossenschaften umwandeln – oder sie werden kraft Gesetzes liquidiert. Es entstehen Einzel-unternehmen, Personengesellschaften, eingetragene Genossenschaften und Agrar-Gesellschaften mit beschränkter Haftung.
Die Umwandlung sowie die Vermögensansprüche der Mitarbeiter machen viel Rechnerei nötig. Der Wert der Genossenschaften ist zu ermitteln. Ein großes Konfliktfeld. Was ist die DDR-Landtechnik wert? Wie viel die alten Ställe? Und das unter marktwirtschaftlichen Bedingungen und zu DM-Preisen? Manche Streitigkeiten lassen sich erst vor Gericht klären.
Und die Bauern stehen vor neuen Fragen: Wie behauptet man sich in der Sozialen Marktwirtschaft? Wie findet man sich im komplizierten Geflecht von Marktordnungen und Förderinstrumenten des EU-Binnenmarkts zurecht?
Finanzielle Starthilfen
Von 1990 bis 1994 unterstützt die Bundesregierung die Umstrukturierung der ostdeutschen Landwirtschaft mit rund 8,8 Milliarden Euro. Ab 1991 fließen weitere 10,2 Milliarden Euro in die neuen Länder – rund ein Drittel des zentralen Förderprogramms "Verbesserung der Agrarstruktur". Die Europäische Union hilft durch großzügige Regelungen im Beihilferecht und mit erheblichen EU-Mitteln.
Bei der Förderung genießen Wiedereinrichtung und Modernisierung der Agrarbetriebe Vorrang. Neue Technik ist ebenso nötig wie neue Stallbauten. Viel Geld fließt auch in die Flurneuordnung, die Erneuerung der Dörfer, die Verbesserung der Infrastruktur und den Aufbau von landwirtschaftlichen Sozialsystemen.
Ostdeutsche Landwirtschaft heute
Heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, bewirtschaften in den neuen Ländern 30.100 Betriebe rund 5,6 Mio. Hektar Landwirtschaftsfläche. Die Erträge sind seit 1989 enorm gewachsen. Durchschnittsernte bei Weizen vor der Wiedervereinigung: etwa 5200 Kilo pro Hektar. Heute: 7600 Kilo. Die Milchleistung hat sich mehr als verdoppelt.
Die ostdeutschen Betriebe haben sich wirtschaftlich stabilisiert. Das Einkommen je Arbeitskraft liegt sogar höher als in den landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetrieben der alten Länder.

