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Sonntag, 6. Juni 2010

"Es tut sich etwas in Afghanistan"

Interviewter:
FidaiMohammad
Medium:
in "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" - Online

Mohammad Fidai, Gouverneur der Provinz Wardak, spricht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Fortschritte, die in Afghanistan auch mit deutscher Hilfe erreicht wurden.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FASZ): Herr Gouverneur Fidai, wie sieht Afghanistan im Jahr 2030 aus?

Mohammad Fidai (Fidai): Wir Afghanen sind nicht kleinzukriegen. Afghanistan wird ein friedliches, prosperierendes Land sein, in dem der Tourismus und nicht der Terrorismus blüht. Wir werden Partner der internationalen Gemeinschaft sein.

FASZ: Woher dieser Optimismus?

Fidai: Schauen Sie sich die Entwicklungen der vergangenen sieben Jahre an. Die Fortschritte in der Wirtschaft, der Bildung und im Gesundheitswesen sind gewaltig. Das sollten Sie im Westen zur Kenntnis nehmen. Wir Afghanen meinen, dass wir Fortschritte gemacht haben - dank Ihrer Hilfe.

FASZ: Welche Fortschritte sind das?

Fidai: Afghanistan steht derzeit im Kampf, dennoch bauen wir das Land auf. Inzwischen gibt es eine funktionierende Armee, der die Aufständischen nicht das Wasser reichen können. Ich gebe zu, dass die Polizei noch nicht so weit ist. Aber der Grundstein ist gelegt. Uns fehlen qualifizierte Bewerber für die Sicherheitskräfte, die Verwaltungen und politischen Ämter. Nach 30 Jahren Krieg kann das nicht verwundern. Viele gebildete Menschen haben das Land verlassen. Wir brauchen Zeit, um den Verlust einer Generation zu kompensieren, und wir brauchen Bildung, Schulen, Universitäten. Mit Hilfe aus dem Westen haben wir sie aufbauen können, das müssen wir jetzt konsolidieren.

FASZ: Der Westen verliert aber langsam die Geduld.

Fidai: Ich frage mich, ob die Menschen bei Ihnen überhaupt noch für gute Nachrichten aus meinem Land empfänglich sind. Dabei gibt es jede Menge davon.

FASZ: Welche denn?

Fidai: Früher gab es in Afghanistan eine staatliche Fluglinie, sie war in einem katastrophalen Zustand. Heute gibt es sechs private Fluggesellschaften, von denen eine regelmäßig nach Frankfurt fliegt. Das Mobilfunknetz in unserem Land ist komplett erschlossen, unsere Ärzte praktizieren nicht mehr in Pakistan, sondern in afghanischen Krankenhäusern. Wirtschaftlich tut sich etwas.

FASZ: In Deutschland wird immer wieder nach dem Sinn des Todes von Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan gefragt. Wofür sind sie gestorben?

Fidai: Der Tod Ihrer Soldaten betrübt uns sehr. Wir wissen diese Opfer sehr zu würdigen, doch wenn künftige Generationen in Ihrem wie in meinem Land in Frieden und Freiheit leben sollen, dann sind Opfer unvermeidlich. Wir führen hier einen gemeinsamen Kampf gegen international agierende Terroristen. Wenn die Menschen in Ihrem Land nicht bereit sind, Opfer auf sich zu nehmen, wenn sie nicht bereit sind, gefallene Soldaten zu ertragen, wie wollen Sie dann in Zukunft die Sicherheit Ihres Volkes garantieren? Haben Sie in Deutschland schon den 11. September vergessen?

FASZ: Nein, aber ein Großteil der Deutschen sieht die terroristische Bedrohung nicht.

 

Fidai: Ich schon. Wir können den Kampf gegen die Feinde Afghanistans gewinnen. Dazu müssen die Menschen in Ihrem Land auch von den Fortschritten in Afghanistan erfahren. Wenn es stets nur schlechte Nachrichten hört, dann erscheint dem Volk der Tod der eigenen Soldaten sinnlos.

FASZ: Tobt eine Propagandaschlacht um Afghanistan?

Fidai: O ja, und wir sind dabei, sie zu verlieren. Es gibt Politiker in meinem Land, aber auch im Westen, es gibt Diplomaten und Besucher, die über Kabul nie hinausgekommen sind. Und dennoch meinen Sie, genau zu wissen, wie die Lage in Afghanistan ist. Das spielt den Taliban und den Terroristen in die Hände.

FASZ: Der Auftakt der "Friedens-Jirga" in Kabul war in der vergangenen Woche von einem Anschlag überschattet. Wer sind die Taliban?

Fidai: Wir sollten das Wort gar nicht gebrauchen, denn Talib bezeichnet einen Koranschüler, der sich seinem Studium widmet und sonst nichts. Jemand, der Waffen trägt, sich auf illegale, kriminelle oder terroristische Aktivitäten einlässt, ist ein Feind des Friedens, ein Feind Afghanistans. Ein Talib zu sein ist in meinem Land in der Regel eine ehrenvolle Sache, und wenn wir diesen Begriff im Zusammenhang mit Mördern und Verbrechern gebrauchen, führt das dazu, dass die einfachen Leute in Afghanistan mit dem Feind sympathisieren.

FASZ: Wer sind die Feinde Afghanistans?

Fidai: An erster Stelle die Araber der Al Qaida. Sie kommen aus dem Ausland und kämpfen dort, wo der Aufstand am stärksten ist. Es gibt die Angehörigen des früheren Taliban-Regimes, die an ausländischen Koranschulen studiert haben. Sie indoktrinieren und hetzen auf, mit ihrer Propaganda ködern sie naive junge Männer aus armen Familien. Dazu kommt die Erfahrung der Al-Qaida-Terroristen, die mit den ausländischen Taliban ein Bündnis eingegangen sind. Der Aufstand ist aus dem Ausland gesteuert.

FASZ: Sie verbünden sich aber mit der Drogenmafia und kriminellen Netzwerken in Ihrem Land.

Fidai: Das eine sind meist ausländische Terroristen, das andere sind Kriminelle. Keine Frage, gegen die Drogenmafia müssen wir vorgehen, das ist ein innerafghanisches Problem. Das muss unsere Polizei machen. Aber die Einflussnahme in unserem Land von außen können wir nur mit Hilfe der Weltgemeinschaft unterbinden.

FASZ: Warum sind so viele junge Afghanen kriminell?

Fidai: 85 Prozent der Afghanen können nicht lesen und schreiben, 80 Prozent leben in ländlichen, armen Gebieten. Wenn wir den Krieg gewinnen wollen, müssen wir die Armut besiegen. Wenn wir das Land entwickeln, Straßen, Häuser, Fabriken bauen, dann gibt es Arbeit. Die Menschen müssten nicht mehr für die Taliban kämpfen oder Drogen schmuggeln.

FASZ: Wann können die afghanischen Sicherheitskräfte den Kampf selbst führen?

Fidai: Rüsten Sie unsere Truppen nur annähernd so aus wie Ihre eigenen, und Sie werden sehr schnell Erfolge sehen. Unsere Polizei verfügt über genau zwei Hubschrauber. Was verdient ein einfacher Soldat in Deutschland?

FASZ: Zirka 2000 Euro.

Fidai: Geben Sie ein Viertel davon für unsere Soldaten, und Sie werden sehen, dass wir sowohl qualifiziertes als auch motiviertes Personal haben werden.

FASZ: Was passiert, wenn die internationalen Truppen zu früh abziehen?

Fidai: Das wissen wir nicht. Die meisten Afghanen glauben, dass ein abrupter Abzug der westlichen Truppen wieder in den Bürgerkrieg führte. Wir müssen für den Tag gewappnet sein, an dem wir allein für unser Land verantwortlich sind. Es ist einerseits gut, Abzugsperspektiven aufzuzeigen. Andererseits spielt die Abzugsdebatte unseren Feinden in die Hände.

FASZ: Werden Sie mit Ihren Gegnern verhandeln?

Fidai: In Afghanistan gilt derjenige, der für den Frieden eintritt, als starker Mann. Wer Verhandlungen über den Frieden ablehnt, gilt als Schwächling und isoliert sich.

Mit Mohammad Fidai, Gouverneur der Provinz Wardak, sprach Marco Seliger.